Bernd Beschorner ist Deutscher Meister im Motormodellkunstflug Ein Überflieger bleibt auf dem Boden

Schwarme. Die Finger tanzen in irrwitzigem Tempo auf der Fernbedienung, die um Bernd Beschorners Hals baumelt. Der 36-Jährige ist Motormodellkunstflieger. Und zwar ein richtig Guter: Alleine sechsmal ist er schon Deutscher Meister geworden.
25.05.2010, 18:40
Lesedauer: 3 Min
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Von Nils Hartung

Schwarme. Schwarme Die Finger tanzen in irrwitzigem Tempo auf der Fernbedienung, die um Bernd Beschorners Hals baumelt. Doch er hat nur Augen für den 'Raben'. Der schneidet gerade wie ein überdimensionales Küchenmesser durch den Himmel zwischen Emtinghausen und Schwarme. 'Messerflug' heißt diese Figur treffend. Beschorner, 36 Jahre alt, ist Motormodellkunstflieger. Und zwar ein richtig Guter: Alleine sechsmal ist er schon Deutscher Meister geworden.

Der 'Rabe' heißt eigentlich 'Raven' und ist Beschorners Flugzeug. Dabei handelt es sich um den Nachbau des legendären Flugzeug des noch legendäreren Piloten Wayne Handley. 'Der Maßstab liegt bei 43 Prozent', erklärt Beschorner. Das heißt, fast bei 1:2. Die 'Raven' ist mit einem 16-Kilowatt-Motor ausgerüstet, fliegt eine Spitzengeschwindigkeit von 180 Kilometern pro Stunde und verfügt über eine Spannweite von 3,10 Metern. Der Rumpf ist 2,85 Meter lang, mit Akkus wiegt das Modell etwa 18 Kilogramm.

Fast jeden Morgen von 7 bis 8.30 Uhr trainiert Beschorner beim MFV Schwarme. Vor der Arbeit. Bei jedem Wetter. Seit über 20 Jahren ist er schon Mitglied in diesem Club. Als 'Überflieger' genießt der gebürtige Bremer ein paar Privilegien - wenn er am Feinschliff feilt, warten alle und überlassen ihm freiwillig den Luftraum. Wie heute: Es ist windig, nur ein anderer Luftsportler hat sich auf das Gelände zwischen Feldern, Wald und Wiesen verirrt. Als Beschorner seine 'Raven' über den Himmel jagt, schaut der Vereinskollege fast ehrfürchtig zu. 'Diese Figur können nur etwa zehn bis 15 Menschen auf der Welt', erzählt Beschorner. Arrogant oder eingebildet klingt er dabei überhaupt nicht. Sondern immer noch viel mehr nach dem kleinen Junge aus der Bremer Vahr, der sich über die schnellen Fortschritte mit dem Flugzeug diebisch freut.

Erste Schritte mit neun Jahren

Mit neun Jahren, also zu Beginn der 80er Jahre, hat Beschorner mit dem Fliegen angefangen. Vater und Bruder waren auch schon enthusiastische Modellflieger, und so ging es jedes Wochenende auf den Flugplatz. Mehrmals. 'Ich bin da praktisch aufgewachsen. Wie Boris Becker oder Steffi Graf auf dem Tennisplatz', erinnert sich der 36-Jährige. Nach Oyten-Sagehorn fuhren die Beschorners, da gab es einen Flugplatz - denn in der Stadt ist das Modellfliegen verboten. 'Mein Vater hat das Flugzeug immer gestartet und hochgebracht, ich habe dann die Fernbedienung übernommen. Bis er es wieder retten musste, weil ich Fehler gemacht hatte', verrät er. Die Rettungsmanöver wurden immer seltener, der Nachwuchspilot am Boden immer sicherer. Nach kurzer Zeit entwickelte er Ehrgeiz und probierte seine ersten Kunststücke mit dem - damals noch kleineren - Modell. 'Mir ist schnell aufgefallen, dass mir das ziemlich leichtfällt. Ich habe schon als kleiner Junge große Schritte gemacht', betont er.

Der Stellenwert der Fliegerei stieg und stieg. Natürlich probierte Beschorner auch mal andere Sachen aus, Tischtennis oder Tanzen etwa, doch der Motormodellkunstflug war und blieb die Nummer eins. Bis heute. 'Es war für mich einfach spektakulärer. Eine hohe Kunst, die Königsdisziplin neben dem Hubschrauberkunstflug', erklärt er. Am kommenden Wochenende soll es wieder spektakulär werden, ein Teilwettbewerb der Deutschen Meisterschaft in Kaltenkirchen (Schleswig-Holstein) steht auf Beschorners Programm.

Die Europameisterschaft, in diesem Jahr in Österreich, hat er abgesagt - zu wenig Training. Und dass, obwohl er 2008 die EM-Bronzemedaille geholt hat. Bei der WM schaffte er Rang neun. 'Normalerweise mache ich alleine im Winter 150 Flüge, dieses Jahr sind es nur 50 geworden', sagt der 36-Jährige. Er hat ein Haus gebaut, daher blieb wenig Zeit. Im Jahr kommt er durchschnittlich auf 650 bis 800 Flüge. Einer dauert knapp zehn Minuten. In der Kategorie 'Freestyle', passend zur Musik, ist die 'Raven' vier Minuten in der Luft. Schnelle und langsame Parts wechseln sich dabei ab, dazu muss der Flug bestimmte Elemente und Figuren aufweisen. 'Ähnlich wie beim Eiskunstlauf', findet Beschorner. Wie eben der 'Messerflug'.

Der Traum vom Fliegen. Auch im richtigen Leben hat Beschorner ihn verwirklicht: Er arbeitet als Diplomingenieur bei Airbus am Bremer Flughafen. Doch warum eigentlich nicht als 'richtiger' Pilot? 'Ich hab das mal ausprobiert, doch das war mir ehrlich gesagt zu langweilig. Immer nur geradeaus', findet er. Dann lieber Kunststücke in der unbemannten 'Raven'. Obwohl - so richtig unbemannt ist die ja gar nicht. Ein Foto von Tochter Lena ziert das Cockpit des Modells. Gemeinsam mit seiner Familie ist er gerade erst aus Kirchweyhe nach Schwarme gezogen. Genau neben den Flugplatz. Bestimmt reiner Zufall.

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