Organspendeausweis soll bald automatisch zugeschickt werden / Spenderin erzählt von ihren Erfahrungen Eine Entscheidung über den Tod hinaus

Gesetzliche und private Krankenkassen sollen ab Oktober 2013 Versicherten ab 16 Jahren einen Organspendeausweis und umfassende Informationen zuschicken. Alle zwei Jahre werden dann Briefe versendet, um eine Bereitschaft zu erfragen. Innerhalb der Bevölkerung gibt es verschiedene Auffassungen zu dem Thema. Ethische und persönliche Meinungen treffen dabei aufeinander, auch eigene Erfahrungen spielen eine Rolle.
04.07.2012, 05:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Kaya Leimann

Gesetzliche und private Krankenkassen sollen ab Oktober 2013 Versicherten ab 16 Jahren einen Organspendeausweis und umfassende Informationen zuschicken. Alle zwei Jahre werden dann Briefe versendet, um eine Bereitschaft zu erfragen. Innerhalb der Bevölkerung gibt es verschiedene Auffassungen zu dem Thema. Ethische und persönliche Meinungen treffen dabei aufeinander, auch eigene Erfahrungen spielen eine Rolle.

Landkreis Diepholz. In ihren Gedanken versunken sitzt Anna Meyer (Name von der Redaktion geändert) in ihrer Wohnstube in Weyhe. Draußen scheint die Sonne, Hammerschläge eines Handwerkers sind zu hören. Es wird umgebaut. Alles in diesem Haus scheint normal, vor 20 Jahren nahm das Leben der Familie jedoch eine unerwartete Wende. Meyers Tochter erkrankte plötzlich. Zunächst war nicht klar, was dem Mädchen fehlt. Schon bald stellte sich heraus, dass ihre beiden Nieren nicht mehr richtig funktionieren, am Ende war eine Organspende nötig.

Einem Gesetzesbeschluss des Bundes zufolge, sollen künftig alle Bürger ab 16 Jahren einen Organspendeausweis zugeschickt bekommen und mit Informationen ausgestattet werden. Anna Meyer besitzt noch keinen Ausweis, stellte sich bei der Transplantation ihrer Tochter aber als Spenderin zur Verfügung. "Sie war zwölf Jahre alt, als sie plötzlich erkrankte und sich nicht mehr richtig konzentrieren konnte", erinnert sich Meyer. Nach mehreren Untersuchungen sei schließlich festgestellt worden, dass beide Nieren ihrer Tochter nicht mehr richtig funktionieren. Alle vier Wochen habe ein Arzt dann die Blutwerte kontrolliert. Das Mädchen sei mit Cortison behandelt und habe dadurch ein Mondgesicht bekommen. Große Anstrengungen seien ausgeschlossen gewesen. Dennoch habe ihre Tochter versucht, in der Schule ehrgeizig zu sein und nicht aufzugeben. Schwer sei es trotzdem oft gewesen. "Es kamen häufig negative Ergebnisse, die ich dann erst einmal selbst verarbeiten und danach noch meiner Tochter beibringen musste", sagt Anna Meyer.

Erste OP mit 15

Mit 15 wurde das Mädchen zu ersten Mal operiert, sie hatte vermutlich durch vorherige Behandlungen ein Loch im Darm. "Zu dieser Zeit wog sie nur 38 Kilogramm und bekam viel Morphium. Sie war oft im Krankenhaus", erinnert sich die Mutter. Als klar wurde, dass nur Medikamente nicht mehr ausreichen, fuhr die Familie zur Medizinischen Hochschule Hannover. Es bestand die Möglichkeit zur Dialyse, also einem Blutreinigungsverfahren, oder der Transplantation einer Niere von einem Elternteil. "Mein Mann hatte sich gleich bereit erklärt, hatte aber die falsche Blutgruppe. Da kam nur noch ich in Frage," so Meyer. Sie habe Angst gehabt – um ihre Tochter, aber auch um sich selbst. Mutter und Tochter wurden psychologisch betreut. "Es musste abgeklärt werden, ob wir eine Transplantation auch wirklich wollen", sagt Meyer.

Sie stand damit vor einer Entscheidung, die auch aus ethischen und religiösen Gründen ganz unterschiedlich gesehen wird. Im Buddhismus ist eine Transplantation zum Beispiel zumindest bei einem für Hirntod erklärten Menschen nicht erlaubt. Nach Auffassung buddhistischer Menschen handelt es sich um einen sterbenden, aber noch nicht gestorbenen Mensch. Die Organentnahme wird als Eingriff in den Sterbevorgang gesehen. Anders sieht es Pastor Robert Vetter von der evangelischen Kirchengemeinde Stuhr. Er ist grundsätzlich für Organtransplantationen, steht dem medizinisch festgestellten Hirntod aber geteilter Meinung gegenüber. "Wann ein Mensch tot ist und wann nicht, das ist eine schwierige Frage. Ich denke aber auch, dass ein Körper nach dem festgestellten Hirntod dahin siecht und Teile von ihm in einem anderen Körper noch einen Nutzen haben könnten", sagt Vetter. Der Körper eines für tot erklärten Menschen habe seinen Sinn erfüllt. Dem neuen Gesetz steht er positiv gegenüber. Es sollte aber niemand dazu gezwungen werden. Es sei eine ganz persönliche Entscheidung, ob jemand Organe spenden möchte oder nicht.

In Deutschland warten nach Angaben der AOK Niedersachsen derzeit rund 12000 Menschen auf ein Spenderorgan, etwa 8000 von ihnen brauchen eine Niere. Durchschnittlich bekomme ein Patient nach fünf bis sechs Jahren eine Spenderniere. 75 Prozent der 14- bis 75-jährigen würden einer Organspende grundsätzlich zustimmen, aber nur 25 Prozent hätten bislang einen Spenderausweis. Aber selbst, wenn alle Menschen nach ihrem Tod Organe spenden würden, könnten nicht alle Patienten gerettet werden. Nur den wenigsten Spendern können nach dem Tod Organe entnommen werden.

"Ab Oktober 2013 werden wir allen Versicherten ab 16 Jahren einen Ausweis zuschicken. Jemand, der nicht darauf antwortet, willigt damit aber nicht automatisch ein", sagt Oliver Giebel, Sprecher der AOK Niedersachsen. "Wir verschicken rund zwei Millionen Ausweise an Bürger in Niedersachsen. Unser Personal wird in der nächsten Zeit geschult, damit auch Fragen, die sich auf Ethik oder Religion beziehen, beantwortet werden können." Denn das in der Bevölkerung noch Fragen offen sind und es einige Bedenken gibt, zeigt auch eine Umfrage des WESER-KURIER in Brinkum (siehe auch gesonderten Artikel auf dieser Seite). "Ich habe selbst einen Organspendeausweis, halte von der neuen Aktion aber nichts", sagt etwa ein Mann aus Stuhr. Damit werde bei den Menschen ein schlechtes Gewissen geschürt. Es sei heute so einfach per Internet an einen Ausweis zu kommen, da brauche man keine ständige Erinnerung. Eine weitere Passantin hat einige Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet und sich gegen einen Ausweis entschieden. "Ich habe einfach gesehen, wie es Angehörigen damit geht, wenn dem Toten ein Organ entnommen werden soll. Eine Lebend-Organspende finde ich hingegen sehr gut."

Dafür entschied sich auch Familie Meyer. Es musste jedoch abgeklärt werden, ob sie der Transplantation freiwillig zustimmen. "Das Kind muss bereit sein, dass Organ anzunehmen, und der Spender muss aus voller Überzeugung sein Organ hergeben", sagt Anna Meyer. Ihr wurde von einem Beispiel erzählt, bei dem ein kleiner Junge Angst hatte, nach der Transplantation von einem Organ einer Frau Brüste zu bekommen.

Die Operation ihrer Tochter ist jetzt 15 Jahre her. Zu jedem Zeitpunkt muss sie damit rechnen, dass ihre Niere wieder abgestoßen wird. "Dann müssten wir auf ein Spenderorgan hoffen. Aber darüber machen wir uns jetzt noch keine Gedanken." Zu Anfang sei es für die Familie schwer gewesen. "Mittlerweile hat unsere Tochter aber ihr Abitur sehr gut abgeschlossen, in Hannover studiert, und jetzt arbeitet sie selbst als Ärztin." Einen Satz, den der behandelnde Arzt ihrer Tochter vor der Operation sagte, war für Meyer sehr entscheidend: "Ich kann dir dein altes Leben nicht zurückgeben, aber ich kann dir ein neues, lebenswertes Leben schenken."

Organspendeausweis spaltet die Meinungen

Stuhr-Brinkum. Ob Besitzer eines Organspendeausweises oder nicht, viele Bürger denken über das Thema Organspende nach. Vor allem der Beschluss, allen Bürgern einen Ausweis zuzuschicken, spaltet die Meinungen, wie eine Umfrage des WESER-KURIER in Brinkum gezeigt hat.

"Ich habe davor Angst und besitze deswegen auch keinen Ausweis. Meine Familie weiß aber, dass sie, wenn es so weit kommen würde, bei mir einer Transplantation zustimmen dürfte", so eine Frau aus Stuhr, die wie fast alle Befragten nicht mit Namen genannt werden möchte. Ihr Sohn sei gerade 16 Jahre geworden, und sie will auch mit ihm darüber sprechen.

Eine weitere Passantin hat eine ganz klare Meinung: "Ich bin gegen eine Organspende, finde es aber trotzdem wichtig, ein Bewusstsein für das Thema innerhalb der Bevölkerung zu entwickeln. Die Wahl sollte jedem selbst überlassen werden." Jedem erst einmal einen Ausweis zuzuschicken, findet sie grundsätzlich gut.

Kristin Gerlach aus Kirchdorf ist da anderer Meinung. "Ich glaube dass diese Aktion nur mehr Druck auf die Bevölkerung ausübt und diese dadurch mehr Abstand von einer Organspende nimmt", sagt sie. Sie glaubt, dass man die Menschen auf andere Weise auf das Thema aufmerksam machen sollte. "Man könnte informierende Aushänge machen oder einfach mehr über das Thema sprechen", sagt sie. Ihr Sohn sei 21 und eingetragener Spender. Er habe sie auch schon versucht zu überreden, noch sei sie aber skeptisch. "Ich habe etwas Angst, dass bei einer Spende am Ende die reicheren Leute bevorzugt werden."

Noch unentschlossen ist eine Frau, die in den Medien einiges über das Thema mitbekommen hat. "Ich tendiere eher dazu, ja zu einer Spende zu sagen. Wenn meine Tochter beispielsweise ein Organ bräuchte, dann würde ich mich auch über Hilfe freuen", sagt sie. Von der neuen Aktion fühlt sie sich nicht unter Druck gesetzt und hofft auf einen Erfolg. "Ich glaube, das schafft Bewegung innerhalb der Bevölkerung. Meine Schwester ist an Krebs gestorben, da betrachtet man so ein Thema noch mal von einer ganz anderen Seite."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+