Interview zu rechten Gruppen auf dem Land "Einfluss ist deutlich spürbar"

Jan Krieger von der Mobilen Beratung Niedersachsen hält an diesem Donnerstag einen Vortrag über rechte Erscheinungsformen in Nordwest Niedersachsen. Im Interview äußert er sich zu deren Strukturen.
27.06.2018, 18:01
Lesedauer: 6 Min
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Von Stephen Kraut
Herr Krieger, in der Ankündigung zu Ihrem Vortrag im Jugendhaus Trafo heißt es, dass sich das politische Klima in den vergangenen Jahren nachhaltig verändert hat. Inwiefern ist das zutreffend?

Jan Krieger: In den letzten Jahren haben sich unterschiedliche rechte Strukturen herausgebildet, die mit eigenen Konzepten, Strategien und Zielen versuchen, auf die Gesellschaft einzuwirken. Das Spektrum reicht von klassischen Neonazis über Rocker und Rockerinnen, Hooligans und Brüderschaften hin bis hin zu esoterisch völkischen Organisationen sowie Reichsbürgern und Reichsbürgerinnen. Ihre Mitglieder rekrutieren sich aus der Mitte der Gesellschaft. Es geht ihnen nicht ausschließlich darum, zum Beispiel gezielt Stimmung gegen Geflüchtete zu verbreiten, sondern um eine grundsätzliche Veränderung des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. Der Einfluss dieser Gruppen ist deutlich spürbar. Menschenverachtende Einstellungen wie zum Beispiel Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie haben innerhalb des Gesellschaft zugenommen. Rassistisch motivierte Gewalt und Bedrohungen sind längst zur Normalität geworden. Hinzu kommt, dass sich Sprache und Ton innerhalb politischer Debatten sowie in den Medien verschärft haben und sich politische Diskurse zunehmend nach rechts verschoben haben.

Inwieweit unterscheidet sich diese Entwicklung von den häufig erwähnten Stammtischparolen?

Rassistische Aussagen und Positionen, sogenannte Stammtischparolen, können nicht losgelöst von den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet werden. Rassistische Vorurteile und damit verbundene Aussagen werden durch eben beschriebene Entwicklungen zunehmend gesellschaftsfähiger. Ihnen muss etwas entgegengesetzt werden und auf die Personen, die solche Aussagen tätigen, oder zumindest auf deren Umfeld eingewirkt werden, damit sie nicht zur Normalität werden. Als Mobile Beratung versuchen wir zu unterstützen, indem wir zum Beispiel Argumentationstrainings für Betroffene durchführen.

Viele Menschen verbinden mit dem ländlicheren Raum eine andere Lebensweise als in der Stadt. Macht sich das auch in rechten Erscheinungsformen bemerkbar?

Ein klassisches Beispiel für rechte Erscheinungsformen auf dem Land ist die völkische Bewegung, die sich oftmals im ländlichen Raum zusammenschließt, um Höfe zu bewohnen, völkische Vereine zu gründen, Veranstaltungen wie zum Beispiel Volkstänze oder Sonnenwendfeiern durchzuführen und ihre Kinder nach rassistisch-völkischer Ideologie zu erziehen. Die Ideologie wird oftmals verknüpft mit dem Bedürfnis nach regionaler, gesunder und nachhaltiger Ernährung, weshalb sich viele auch für Öko- und Tierschutz engagieren. Völkische Siedler und Siedlerinnen arbeiten oftmals im Gartenbau und in der Landwirtschaft und bleiben oftmals unerkannt. Damit einhergehend lassen sich oftmals auch völkische Esoteriker und Esoterikerinnen und Reichsbürger sowie Reichsbürgerinnen auf dem Land nieder, um preiswert Grundstücke zu erwerben und diese für ihre Zwecke zu nutzen.

Welche Vorteile sehen die Anhänger rechter Gruppen in der Regel im ländlicheren Raum?

Insgesamt ist der ländliche Raum seit längerer Zeit einem Strukturwandel ausgesetzt, welche der rechten Szene entgegenkommt. Fehlende Infrastrukturversorgung wie beispielsweise Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr, fehlende Arztpraxen und Schulen sowie mediale Einschränkungen führen dazu, dass es jüngere Anwohner und Anwohnerinnen eher in die Stadt zieht, die Geburtenrate abnimmt und es zu einer Überalterung der ländlichen Kommunen kommt. Dieser Strukturwandel führt bei der Bevölkerung vor Ort oftmals zu Verunsicherungen – insbesondere dann, wenn Politiker und Politikerinnen nicht angemessen auf die artikulierten Wünsche und Bedarfe reagieren. Dies wird von Rechten zunutze gemacht, indem sie sich den Bedarfen der ländlichen Bevölkerung annehmen. Wenn es zum Beispiel keine lokale Zeitung mehr gibt, wird eine rechte „Bürgerzeitung“ publiziert oder rechte Freizeitangebote geschaffen. Das kommt gut an, führt dazu, dass sich rechte Positionen unwidersprochen – auch aufgrund ausbleibender zivilgesellschaftlicher Aktivitäten – durchsetzen können und macht es ihnen letztlich auch leichter, die Räume auch für weitere Aktivitäten, wie zum Beispiel Partys und Konzerte, nutzen zu können. Darüber hinaus werden im ländlichen Raum oftmals auch anlassbezogene Vorfälle durch extrem Rechte instrumentalisiert, indem sie Veranstaltungen und Kundgebungen anmelden und hierdurch versuchen, direkten Einfluss auf die Anwohnerinnen und Anwohner zu nehmen. Nichtsdestotrotz gibt es im ländlichen Raum aber auch Aktivitäten von Personen vor Ort.

Welche Beispiele fallen Ihnen für rechtsgerichtete Gruppierungen ein, die sich aus den großen Städten hinaus orientieren?

In Bezug auf die Region Diepholz spielt vor allem die rechte Instrumentalisierung des tragischen Todes von Daniel S. im Jahr 2013 in Kirchweyhe eine wichtige Rolle. Von der Partei Die Rechte gab es mehrmals Versuche, Mahnwachen abzuhalten, an denen überwiegend auswärtige Anhänger und Anhängerinnen der Partei teilnahmen. Christian Worch, ein Mitbegründer der Partei, unternahm Versuche, Weyhe als neuen Anlaufpunkt für die rechte Szene zu etablieren. Im Dezember letzten Jahres führte eine Bremer Gruppe der rechtsextremen Identitären Bewegung im Rahmen der Kampagne „Kein Opfer ist je vergessen“ eine medienwirksame Aktion in Weyhe durch. Zuletzt fand eine Gedenkkundgebung der Jungen Alternative statt, an der sich unter anderem Personen beteiligten, die eng mit der extremen Rechten vernetzt sind.

Die Organisatoren Ihres Vortrags sprechen davon, dass es in der Vergangenheit allgemein großes Interesse für ähnliche Veranstaltungen rund um Themen aus dem rechten Spektrum gab. Ist dies ebenfalls eine neue Entwicklung?

Insgesamt hat das Interesse an den Themen aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen in den letzten Jahren zugenommen. Dies macht sich unter anderem auch an den steigenden Vortragsanfragen bei der Mobilen Beratung bemerkbar. Je nach Ort und Anlass gibt es aber Unterschiede. Erfreulicherweise sind in Diepholz bereits viele Menschen für das Thema sensibilisiert, die sowohl an den Themen selbst als auch daran interessiert sind, in ihrer Region Demokratisierungsprozesse voranzubringen und sich ganz klar gegen Rassismus und menschenfeindliche Bestrebungen in ihrer Region zu positionieren. Beispielhaft hierfür genannt sind unter anderem das Aktionsbündnis gegen Rechts, das unter anderem das Aufmucken gegen Rechts-Festival organisierte, Midea (Menschlichkeit ist die einzige Alternative, Anm. d. Red.), die unter anderem eine szenische Lesung organisierten, die Arbeitsgemeinschaft „Schule ohne Rassismus“ des Gymnasiums Bruchhausen-Vilsen, die kürzlich ausgezeichnet wurde für ihre Aktivitäten, oder eben auch das Jugendhaus Trafo, welches den jetzigen Vortrag organisiert hat.

Was raten Sie Menschen, die sich im eigenen Familien- oder Freundeskreis mit Rechtsextremismus konfrontiert sehen?

Menschen, die in ihrem unmittelbaren Umfeld mit rechten und rassistischen Erscheinungsformen konfrontiert werden, dürfen auf keinen Fall alleine gelassen werden! Egal ob Städte, Kommunen, Politiker und Politikerinnen, Vereine, Initiativen oder Einzelpersonen – es ist Aufgabe von uns allen, den Blick auf menschenverachtende Einstellungen und Vorfälle zu schärfen und Betroffene zu unterstützen, beziehungsweise gar nicht erst zuzulassen, dass es zu Vorkommnissen kommt. Die Mobile Beratung ist Ansprechpartnerin für alle, die mit entsprechender Ideologie konfrontiert wurden oder Unterstützung bei lokalen Demokratisierungsprozessen suchen. Betroffene von Gewalt können sich außerdem an die Kollegen und Kolleginnen von RespAct wenden – eine mobile Anlaufstelle, die Unterstützung, Beratung und Begleitung anbietet. Beide Angebote sind niedrigschwellig und kostenlos und werden im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ gefördert.

Das Interview führte Stephen Kraut.

Info

Zur Person

Jan Krieger

ist bei der Interkulturellen Arbeitsstelle für Forschung, Dokumentation, Bildung und Beratung e.V. (Ibis) tätig. Außerdem arbeitet er im Regionalbüro Nordwest der Mobilen Beratung Niedersachsen gegen Rechtsextremismus für Demokratie.

Info

Zur Sache

Vortrag im Trafo

An diesem Donnerstag, 28. Juni, hält Jan Krieger einen Vortrag im Jugendhaus Trafo, Kirchweyher Straße 51, zum Thema „Rechte Erscheinungsformen in (Nordwest) Niedersachsen“. Der Eintritt ist frei, los geht es um 19 Uhr. Der Einlass beginnt 30 Minuten früher. Die Veranstalter weisen darauf hin, dass sie bei Provokationen aus dem rechten Spektrum oder bei dem Versuch, die Veranstaltung als Werbeplattform für rechte Organisationen zu nutzen, gegebenenfalls von ihrem Hausrecht Gebrauch machen. Bild- und Tonaufnahmen sind nicht gestattet.

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