Zweite Diskussion über Agnes Miegel: Verleger sieht Verstrickung mit Nationalsozialismus "Erst mal alles verarbeiten"

Agnes Miegel, die Zweite. Nachdem in der vergangenen Woche zwei Mitglieder der Agnes-Miegel-Gesellschaft ihre Sicht zu der ostpreußischen Schriftstellerin vorgestellt hatten, war gestern der Verleger Ulrich Grabowsky zu Gast in der Brinkumer Kooperativen Gesamtschule. Er sah durchaus eine Verstrickung Miegels mit dem Nationalsozialismus. Hintergrund ist die Diskussion um die Frage, ob die Agnes-Miegel-Straße in Brinkum umbenannt werden soll.
09.03.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Markus Tönnishoff

Agnes Miegel, die Zweite. Nachdem in der vergangenen Woche zwei Mitglieder der Agnes-Miegel-Gesellschaft ihre Sicht zu der ostpreußischen Schriftstellerin vorgestellt hatten, war gestern der Verleger Ulrich Grabowsky zu Gast in der Brinkumer Kooperativen Gesamtschule. Er sah durchaus eine Verstrickung Miegels mit dem Nationalsozialismus. Hintergrund ist die Diskussion um die Frage, ob die Agnes-Miegel-Straße in Brinkum umbenannt werden soll.

Stuhr-Brinkum. "Es bleibt spannend", sagte Lehrerin Ilse Zelle, die den Profilkurs Spurensuche betreut, am Ende der Veranstaltung. Der Verleger Ulrich Grabowsky vertrat praktisch den Gegenpart zu Marianne Kopp, Vorsitzende der Agnes-Miegel-Gesellschaft, sowie zu ihrer Stellvertreterin Annemete von Vogel, die in der vergangenen Woche ihre Position dargelegt hatten. Grabowsky hatte ein von Kopp herausgegebenes Buch über Miegel in seinem Verlagsprogramm - nahm es dann aber vom Markt. Warum? "In dem Buch werden viele Fakten verschwiegen", so der Verleger. So habe in dem Buch gestanden, dass im Freundeskreis von Agnes Miegel keine Nazis gewesen seien. "Die Hälfte der Mitglieder waren aber in der NSDAP", sagte Grabowsky.

Zudem seien in dem Buch Zitate von Hans Grimm zu finden, mit denen er Miegel in einem Entnazifizierungsverfahren entlastet. "Grimm hat in den 20er-Jahren das Buch ,Volk ohne Raum' geschrieben und damit den Nazis die ideologische Begründung für die Niederwerfung des Ostens gegeben." Außerdem habe Grimm nach 1945 Schriften verfasst, die wegen ihrer Nähe zum Nationalsozialismus auf den Index des Verfassungsschutzes gekommen seien. Damit stieß er auf den Widerspruch eines Besuchers. "In seinem Buch sprach Grimm von der Rückeroberung der Kolonien, er hat nicht vom Krieg gegen den Osten gesprochen", sagte er.

Eine wichtige Frage war auch, wie sich Miegel im Dritten Reich gegenüber ihren jüdischen Freunden verhalten hat. Grabowsky berief sich auf einen Text von der Internetseite der Agnes-Miegel-Gesellschaft. Demnach habe sich die Dichterin an die Regeln des NS-Regimes gehalten und den Kontakt zu Juden 1933 abgebrochen. "Sie hätte auch was für ihre jüdischen Freunde tun können", entgegnete Grabowsky und rief damit Widerspruch beim FDP-Ratsherrn Jürgen Timm hervor. "Sie haben das damals nicht erlebt. Meine Eltern haben mir sogar verboten, in die Richtung von Juden zu schauen", so Timm weiter. Für Zelle war es merkwürdig, dass Miegel zum Beispiel die Deportation der Juden aus ihrer Heimatstadt Königsberg nicht mitbekommen haben soll. "Das kann ihr eigentlich nicht entgangen sein", sagte Zelle. "Aber was hätte sie denn tun sollen?", entgegnete ein Besucher. "Der von den Nazis entmachtete Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen hat auch gewusst, dass über Bremen Deportationen stattgefunden haben.

Aber die Leute konnten nichts machen."

Eine Schülerin wollte wissen, wie der Verleger ein Zitat von Miegel sehe. Miegel hatte sich 1934 in einem Brief an den Leiter der Reichsschrifttumskammer als Nationalsozialistin bezeichnet. "Das schreibt man nicht einfach so", sagte Grabowsky. Miegel habe wissen können, was zuvor passiert sei, führte er weiter aus und verwies unter anderem auf den Boykott jüdischer Geschäfte, die Bücherverbrennung und den blutigen sogenannten Rhöm-Putsch.

Timm brachte die Diskussion auf die Zeit nach dem Krieg. "Wie hat Agnes Miegel sich da verhalten?", wollte er wissen. "Sie hat sich nach 1945 nicht distanziert zum Nationalsozialismus verhalten", sagte Zelle. Und Grabowsky ergänzte: "Sie hat auch noch in den letzten Kriegsmonaten Durchhalteparolen verbreitet." Ein Besucher merkte an, dass sie lediglich aus ihren Werken gelesen habe. "Das ist das gleiche", entgegnete Grabowsky lakonisch. Der Besucher zitierte aus einem Brief, den Miegel nach dem Krieg verfasst habe. Darin habe sie der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass nun ein neues, besseres und bescheideneres Deutschland entstehe.

Einige der Besucher mahnten immer wieder an, das Verhalten einer Person in der damaligen Zeit nicht pauschal aus der heutigen Blickrichtung zu bewerten. Zelle gab ihnen Recht: "Es ist schwer, von heute auf damals zu schauen. Wir wissen nicht, wie wir uns damals verhalten hätten", erklärte sie. Eine abschließende Bewertung von Miegel wollten die Schüler gestern noch nicht abgeben. "Jetzt muss erst mal alles verarbeitet werden", so Zelle.

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