Neue Serie über Traditionsgasthäuser Gans-to-go bei Nobel in Moordeich

Stuhr-Moordeich. Nobel in Moordeich: Eine gute Adresse für Feinschmecker, Kegler, Feiernde sowie alle, die einfach nur Durst haben - und das scheinbar seit Ewigkeiten. Bereits seit 1869 hat es eine Konzession. Seitdem wurde ständig um- oder angebaut, mal auch etwas abgerissen.
04.01.2010, 17:50
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Hauke Gruhn

Stuhr-Moordeich. Nobel in Moordeich: Eine gute Adresse für Feinschmecker, Kegler, Feiernde sowie alle, die einfach nur Durst haben - und das scheinbar seit Ewigkeiten. Bereits seit 1869 hat es eine Konzession. Seitdem wurde ständig um- oder angebaut, mal auch etwas abgerissen. Zu Beginn unser neuen Serie 'Traditionsgasthäuser' werfen wir einen Blick in die Geschichte und die Gegenwart des Moordeicher Familienbetriebs.

Unzählige Türen, Gänge, Stockwerke, Treppen - man muss sich schon auskennen, um sich bei Nobel nicht zu verlaufen, sobald man hinter die Kulissen blickt. 'Ich lerne selbst noch jedes Jahr einen neuen Raum hier kennen', feixt Klaas Nobel, der zusammen mit seinem Vater Heinz die Geschicke des Gasthauses lenkt. Und in der Tat wurde beim Gebäudekomplex Nobel jede Menge Patchwork betrieben: Es gibt viele Alt-, Neu- und Anbauten, die allesamt ihre Histörchen in sich bergen.

Die Familie Nobel wohnt seit nachweislich 300 Jahren in Moordeich. Dort, wo heute Bier ausgeschenkt und Grünkohl serviert wird, befand sich einst der Hof der Familie. Es gab etwa 60 Schweine, acht Kühe und mindestens ein Pferd. Erst Mitte der 60er Jahre war dann Schluss mit der Landwirtschaft, erinnert sich 'Senior' Heinz Nobel. 'Im Winter wurde früher für die Kohlfahrten geschlachtet und Wurst produziert.' Doch mit der Zeit passte Gastronomie und Landwirtschaft so dicht an dicht nicht mehr ins Bild der Zeit.

Bereits um 1860 hatte Johann Segelke Nobel, der Urgroßvater von Heinz, die Lizenz zum Branntwein-Ausschank. 1869 wurde von staatlicher Seite die Konzession ausgestellt, was als Geburtsstunde des Gastronomiebetriebes angesehen wird. Zwei Jahre später baute Johann Segelke Nobel die erste Gaststube. Etwa vier Jahrzehnte darauf, im Jahr 1911, legte dessen Sohn Claus Heinrich den Grundstock für das heutige Gebäude. In der Folge hieß die Schankwirtschaft 'Zur Erholung' - und es gab bereits damals Bier von Haake-Beck, das aus Bremen angeliefert wurde. 1930 wurde der Saal hinzugefügt - und der Name in "Nobel's Central-Palast" geändert.

Die vielen Umbauten im Laufe der Jahrzehnte treiben übrigens auch kuriose Blüten: 'Hier in der Teestube war mal das elterliche Schlafzimmer', erzählt Heinz Nobel. 'Hier wurde ich gezeugt, und hier wurde ich geboren.' Wo sich heute die 1949 erbaute Kegelbahn befindet, soll früher ein Schank- und Wohnraum mit Diele gewesen sein. 'Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde bei uns sogar noch das Mehl in einer eigenen Mühle gemalen', verrät der 63-Jährige.

Nach dem Tod ihres Vaters Claus Heinrich führten ab 1937 die Töchter Grete und Lisa Nobel die Gastwirtschaft weiter, so gut es in den Kriegswirren eben ging. 1945 trat Karl, der Ehemann von Grete Nobel, aktiv in den Betrieb ein. 'Was damals sehr unüblich war: Er hat den Familiennamen seiner Frau angenommen', erzählt Heinz Nobel, der Spross der beiden. Zunächst ging es nach dem Krieg aber nur langsam bergauf. Die Gaststube bekam den Namen 'Pumpernickel' verpasst, was auf die westfälische Heimat von Karl Nobel zurückzuführen ist. So heißt ein dort verbreitetes Schwarzbrot.

Zunächst gehörte Moordeich nach dem Krieg noch zu Hasbergen, dann ab 1949 zur Gemeinde Stuhr. Und die Verwaltung befand sich nicht etwa im heutigen Rathaus in Alt-Stuhr, sondern - richtig - bei Nobel. Auch die Polizei, die Post und das Standesamt waren bei Nobel einquartiert. 'Das Arbeitslosengeld wurde immer an Tisch 3 ausgezahlt', erzählt Klaas Nobel, der mit seinem ausgeprägten Interesse an Geschichte inzwischen so etwas wie der Familienarchivar geworden ist. Vermutlich hätte er auch beruflich in dieser Richtung etwas gemacht, wäre er nicht in die Gastronomie eingestiegen, sagt er. Doch er bereut diesen Schritt ebenso wenig wie sein Vater Heinz, der ab 1965 nach dem Tod von Karl Nobel zunächst mit seiner Mutter und seiner Tante den Betrieb weiterführte. Nach seiner Hochzeit bekam Heinz Nobel dann Unterstützung von Ehefrau Edith.

Der Rundgang über das Anwesen bringt weitere Erkenntnisse. 'Einige Gebäudeteile aus dem 19. Jahrhundert sind bereits in Stein gebaut', erläutert Klaas Nobel. 'Das war zu der Zeit schon ein Ausdruck von Reichtum.' Der ehemalige Schweinestall steht noch immer, jetzt dient er als Werkstatt und Lagerraum. Auf dem Dachboden ist noch deutlich zu sehen, dass es sich um ein altes Bauernhaus handelt. Klaas Nobel weist in eine Ecke: 'Das war früher die Garderobe. Heute wäre es völlig unzumutbar, sie auf einer anderen Etage zu haben als die Gaststube.' Allerlei Fundsachen befinden sich noch auf dem Dachboden. Eine alte Waage, ein ausgedienter Besteckkasten, eine ausrangierte Couch, ein riesiger Globus, alte Stühle und Tische - was fast antik anmutet, ist in Wahrheit einfach nicht mehr zu gebrauchen. Nur eine Juke-Box, ein Geschenk des Limo-Herstellers Coca-Cola ist noch ab und an in Betrieb.

Seit der Übernahme durch Heinz Nobel hat sich im Gasthaus einiges verändert. Die Gasträume wurden erweitert und modernisiert, 1979 wurde die Kuppeldecke im Saal von einem Bremer Professor kunstvoll bemalt - der Kuppelsaal entstand. Der Name 'Central-Palast' fiel weg und das im allgemeinen Sprachgebrauch der Bürger übliche 'Nobel Moordeich' wurde offizieller Name. Seit 1990 präsentiert sich das Gasthaus im heutigen Gewand. Weitere Veränderungen wird es aber über kurz oder lang wohl wieder geben, wenn man sich die Geschichte des Hauses vor Augen führt.

Einige Neuerungen - was genau, bleibt vorerst noch geheim- hat Junior Klaas Nobel in Sachen Küche und Speisekarte vor. Das ist sein Hauptaufgabenbereich, während sich Vater Heinz vor allem um den Gaststubenbereich kümmert.

'Wer Heinz Nobel sucht, findet ihn am Tresen', lautet die Devise des Seniors. Man teilt sich die Aufgaben im Hause Nobel, schließlich ist immer genug zu tun. 30 Mitarbeiter sind angestellt - inklusive Aushilfen. Nicht nur in der Kohlzeit ist allerhand los. 'Die Nachfrage ist auf jeden Fall da', weiß Klaas Nobel zu berichten. 'Das Problem ist wie überall, dass auch die Kosten steigen.' Für ihn steht fest: 'Wir müssen weiter auf Qualität setzen. Und Gewinne müssen wieder investiert werden, sonst ist man irgendwann einfach weg vom Fenster.'

Apropos Fenster: Eine der ausgefalleneren Ideen im Hause Nobel hat mit einem Fenster zu tun. Aus der ehemaligen Waschküche wird zur Weihnachtszeit kurzum ein 'Gänse-Drive-In' gemacht. 'Die meisten Leute haben heute kaum noch die Möglichkeit, selbst eine Gans zuzubereiten. Da können sie dann einfach zu uns ans Fenster heranfahren', erzählt Junior Klaas. Er hat nicht von ungefähr nach der Kochlehre noch seinen Betriebswirt gemacht: 'Eine Gastwirtschaft ist auch eine Unternehmung, das macht man nicht mal so nebenbei.' Und wie um zu zeigen, dass er es ernst meint, zieht der 37-Jährige mit seiner Familie zurzeit im Obergeschoss ein. Unweit der beiden Hotelzimmer, aber mit separatem Eingang. Die Tochter bekommt das frühere Kinderzimmer von Klaas Nobels Schwester. Die Familientradition geht weiter.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+