Traditionsgasthäuser Teil 3 Gasthaus zur Linde in vierter Generation betrieben

Stuhr-Fahrenhorst. Dass Menschen vor einer Gaststätte um einen Sitzplatz Schlange stehen, kannte man eigentlich nur aus der DDR. Doch auch in Stuhr waren solche Szenen bis in die 1980er zu sehen, und zwar vor dem Gasthaus zur Linde in Fahrenhorst - ein Gasthaus mit langer Tradition.
02.02.2010, 17:30
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Gasthaus zur Linde in vierter Generation betrieben
Von Markus Tönnishoff

Stuhr-Fahrenhorst. Dass Menschen vor einer Gaststätte Schlange stehen, um einen Sitzplatz zu bekommen, kannte man eigentlich nur aus der DDR. Doch auch in Stuhr waren solche Szenen bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu sehen, und zwar vor dem Gasthaus zur Linde in Fahrenhorst - ein Gasthaus mit langer Tradition.

Bis in die 80er Jahre gab es zwei Termine im Jahr, die der Gaststätte garantiert ein volles Haus bescherten. 'Damals hatten meine Eltern etwa acht Schweine, und zweimal im Jahr gab es eine Hausschlachtung, sodass dann frischer Braten auf den Tisch kam', erzählt Heiner Fangrat, der heute das Gasthaus an der Hauptstraße in Fahrenhorst zusammen mit seiner Frau Michaela betreibt. In der Regel musste das Borstenvieh zum Jahresbeginn und im Herbst dran glauben. 'Dann standen die Leute vor dem Gasthaus Schlange. Sogar aus Bremen sind viele zu uns nach Fahrenhorst gekommen.'

Seinen Namen hat das Gasthaus zur Linde, man ahnt es, von den zwei Linden, die in direkter Nachbarschaft der Gaststätte logieren. 'Schon um 1800 herum gab es an diesem Standort eine Gaststätte', erklärt Fangrat und wirft seinen Blick auf historische Fotos, die in einem Neben-Gastraum an der Wand hängen. Fangrat betreibt das Gasthaus bereits in der vierten Generation.

Etwa um 1880 herum kaufte sein Urgroßvater Friedrich Meyerholz den Gasthof. Damals betrieb er in dem Gebäude auch noch einen Kolonialwarenhandel. Fast 60 Jahre lang leitete er die Geschicke des Hauses, bis etwa 1939 sein Sohn Heinrich Meyerholz die Gaststätte übernahm. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den das Gasthaus unbeschadet überstand, griff Meyerholz einfach selbst zu Hammer und Säge und erweiterte das Gasthaus um einen Saal. 'Es gab keinen Raum zum Tanzen', erklärt Fangrat. Und die Idee mit dem Saal kam offensichtlich gut an, denn im Folgenden nutzte zum Beispiel auch der TSV Fahrenhorst den Saal zum Turnen.

"Hier war die Hölle los"

Zu Beginn der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts machte sich dann die dritte Generation daran, die Tradition fortzuführen: Erna Meyerholz und Waldemar Fangrat übernahmen die Herrschaft in der Küche und sorgten dafür, dass die Gäste was auf den Tisch bekamen. 'Bei meinem Opa und meinen Eltern wurde auch der Knipp noch selbst hergestellt. Früher war hier die Hölle los.' 1996 trat dann Heiner Fangrat in die Fußstapfen seiner Eltern, natürlich mit Unterstützung seiner Frau Michaela, einer gelernten Friseurin. Doch bevor Fangrat den Herd in der Küche des Traditionsgasthauses ordentlich anfeuerte, machte er eine Lehre zum Koch - und zwar im Klosterhof in Heiligenrode, der im Vorjahr abgebrannt ist. 1989 beendete er seine Ausbildung und begann, im elterlichen Lokal mitzuarbeiten. 'Ich habe damals eine kleine Karte mit Gerichten eingeführt', erinnert er sich.

Nachdem er 1996 mit seiner Frau das Gasthaus von seinen Eltern übernommen hatte, trennte er den Saal, der vorher nur durch eine Tür vom Hauptgastraum getrennte war, mit einer neuen Wand ab. Im Ergebnis entstand dadurch eine neuer, kleiner Flur, der zu den Toiletten führt, und der heute als Raucherraum genutzt wird. Auch einen Kicker haben die Fangrats reingestellt. Im Jahr 2006 nahmen sich die beiden den Hauptgastraum vor. Er bekam neue Tische, eine neue Theke und eine Balustrade, die behaglich knarzt, wenn man den Fuß auf sie setzt.

Die Einrichtung ist zwar modern, besitzt aber trotzdem eine gewisse Rustikalität, die der Tradition des Hauses gerecht wird und sie weiter trägt. 'Man muss eben mit der Zeit gehen', sagt Fangrat und zieht eine kleine Bilanz seiner rund 14-jährigen Schaffenszeit in dem Traditionsgasthaus. Zwei 'Dellen' hätten sich in der Zeit besonders bemerkbar gemacht. Da sei zum einen die Euro-Umstellung. Danach habe er zunächst hohe Trinkgelder bekommen, bis die Leute zu rechnen anfingen. Da habe es dann deutlich weniger gegeben. 'Mittlerweile hat sich das aber wieder eingependelt.' Zum anderen habe sich das Rauchverbot in Gaststätten zuerst auch bei den Besucherzahlen bemerkbar gemacht. 'Da kamen zunächst weniger. Doch jetzt haben sich die Gäste daran gewöhnt. Sie gehen dann eben in den Raucherraum oder nach draußen.' Und noch eine Beobachtung hat er gemacht: 'Früher wurden deutlich mehr Schnäpse getrunken, das ist heute anders. Besonders jüngere Gäste greifen lieber zu Bier oder Mixgetränken.'

Um weiterhin ordentlich Leben im Gasthaus zu haben, müsse man sich immer wieder was einfallen lassen. Deshalb ging im August des Vorjahres eine 70er-Party im Gasthaus über die Bühne, und schon bald wollen die Fangrats eine 80er-Party organisieren. Das Geld wird im Gasthaus zur Linde in erster Linie in den Abendstunden verdient. 'Einen Mittagstisch anzubieten lohnt sich nicht mehr. Die Lkw-Fahrer gehen lieber in den Imbiss.' Abends hingegen schaut immer wieder Stammkundschaft aus Fahrenhorst und der Umgebung herein. 'Skat- und Doppelkopfspieler gehören zu den regelmäßigen Besuchern.' Und natürlich werden hier auch größere Feste gefeiert.

Das Gasthaus zur Linde war immer eine klassischer Familienbetrieb - und er ist es noch heute. Während Heiner Fangrat in der Küche am Herd steht, arbeitet seine Frau im Service. Neben ein paar Aushilfen, die den beiden bei größeren Veranstaltungen zu Hand gehen, haben die Fangrats noch eine ganz besondere Unterstützung: 'Meine Tante ist jetzt 80 Jahre alt, doch wenn viel zu tun ist, unterstützt sie uns immer noch', freut sich Heiner Fangrat.

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