Verpackungstonne soll kommen Gelber Sack ade

Über das Gefühl, wie die feinen Trennnoppen des dünnhäutigen Plastiks an den Fingern entlang gleiten und doch an der falschen Stelle einreißen, brauchen sich Verbraucher bald nicht mehr zu ärgern.
08.11.2017, 10:10
Lesedauer: 3 Min
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Von Lieselotte Scheewe

Landkreis Diepholz. Das Schnüren und Lagern des gelben Sackes soll im Landkreis Diepholz bald Geschichte sein. Denn die AWG (Abfallwirtschaftsgesellschaft) will den dünnhäutigen Sack zum 1. Januar 2019 durch eine robuste Tonne ersetzen und stellt diesen Vorschlag im Dezember im Kreistag vor. Möglich macht dies das neue bundesweite Verpackungsgesetz, das Anfang 2019 in Kraft tritt. Sortiert werden muss der Müll im Landkreis allerdings weiterhin, in Verpackungsmüll mit Grünem Punkt oder anderen Kennzeichnungen und sonstigen Plastikmüll. Denn: Eine Wertstofftonne, in der sämtlicher Plastikmüll gesammelt wird, kommt vorerst nicht.

„Wir ersetzen nur das Gefäß“, sagt AWG-Geschäftsführer Andreas Nieweler, der den Menschen im Landkreis noch lieber eine umfassendere Wertstofftonne vor die Haustüren stellen würde. Dies allerdings nicht in dem undurchsichtigen System, das derzeit den Recyclingmarkt bestimmt. Obwohl eine kaputte Plastikschüssel auf die gleiche Weise recycelt wird wie ein Joghurtbecher, müssen die beiden momentan getrennt in Sack und Restmülltonne entsorgt werden. Das hält nicht nur Nieweler für unpraktisch: „Der Bürger sagt zu Recht: Was soll dieser Unsinn?“ Und aus dem müßig sortierten Verpackungsmüll werde nur ein Teil stofflich verwertet, das heißt, aus Verpackungen, neues brauchbares Material hergestellt. „Nur ein Drittel etwa wird wirklich recycelt, der Rest energetisch verwertet, also verbrannt“, sagt Nieweler. Die Idee, mit der Einführung von gelbem Sack und Grünem Punkt in den 1990er-Jahren ein umweltfreundlicheres System zu erschaffen, sei damit „komplett gescheitert“.

Das Kernproblem liegt aus Sicht von Nieweler genau in diesem dualen System. Für den Hausmüll und allen weiteren Müll, der nicht „Verpackung“ ist, ist die Kommune zuständig, für Verpackungen aus Papier oder Plastik privatwirtschaftliche Unternehmen. Das größte Duale System (DSD), das als Kennzeichen den Grünen Punkt verwendet, teilt sich den Markt mit neun weiteren Anbietern. Die Unternehmen lizensieren Verpackungen und bekommen dafür von Herstellern, beispielsweise von Joghurtbechern, Geld. Dafür kümmern sie sich dann anteilig darum, die Verpackungen zu sammeln, zu sortieren und zu verwerten. Nicht alle Hersteller geben ihre Anteile am Markt wahrheitsgemäß an – um Kosten zu sparen. Nieweler nennt in dem Zusammenhang eine 60-Millionen-Euro-Lücke bundesweit.

Aus dem Grund spricht sich die AWG im Landkreis Diepholz dafür aus, die Zuständigkeiten auch für den Verpackungsmüll wieder in die Hände der Kommune zu legen. „Wir kämpfen seit zwei Jahren dafür, dass wir als Landkreis für die Sammlung und die Behälter zuständig sind und so bestimmen, was in die Tonne kommt“, sagt Nieweler. Landrat Cord Bockhop äußerte sich als Aufsichtsratsvorsitzender der AWG kürzlich zu dem Thema und begrüßt zwar den Vorstoß der AWG, die Verpackungstonne einzuführen: „Viele sind mit den Gelben Säcken und der Verwertung der Inhalte zu Recht unzufrieden.“ Dass jedoch das neue Gesetz weiterhin die Verpackungsverwertung in privatwirtschaftlicher Hand belässt und keine kommunal getragene Wertstofftonne vorsieht, bedauere der Landkreis. Statt dieser kommunalen Lösung, richtet die Bundesregierung derzeit eine zentrale Stelle ein, die die Mengenströme und Lizenzeinnahmen kontrolliert.

Das Thema umfasst also mehr als nur die Diskussion um Sack oder Tonne. Nieweler kritisiert vor allem zwei Dinge: die Mengen- und Finanzströme seien intransparent, die Verwertungsquoten der privaten Unternehmen zu gering. Daran ändere auch die Verpackungstonne nichts, könnte aber aus seiner Sicht ein erster Schritt in Richtung der Wertstofftonne sein. „Wir halten die Wertstofftonne für richtig, aber nicht mit diesem undurchschaubaren System.“ Am 18. Dezember legt die AWG daher der Kreistagsfraktion ein Zwei-Stufen-Modell vor. Zuerst will sie demnach die Verpackungstonne einführen. Wenn der Kreistag dem Vorschlag zustimmt, sollen ab Januar 2018 die Verhandlungen mit den Dualen Systemen, ab April dann die Ausschreibungen beginnen. „Ab 2020/21 können wir dann die Verpackungstonne möglicherweise auf andere Stoffgruppen erweitern, wenn die Dualen Systeme transparenter werden und die Firmen anfangen, ökologisch zu denken.“

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