Breddorf und sein Supermarkt Politik erkennt das Dorfladen-Thema

Der Breddorfer Gemeinderat will sich Gedanken über die Zukunft des örtlichen Supermarktes machen. Was soll aus dem Laden werden, wenn Inhaber Heiko Poppe und seine Frau Ingret in drei oder vier Jahren aufhören?
05.03.2021, 09:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Heeg

Breddorf. Noch hat Breddorf einen Supermarkt, „nah und gut Poppe“ heißt er und liegt mitten im Dorf. Doch was soll werden, wenn Inhaber Heiko Poppe und seine Frau Ingret in drei oder vier Jahren aufhören? Ein Nachfolger ist bislang nicht in Sicht, und Heiko Poppe hat durchaus seine Zweifel, ob sich jemand findet, der den Laden weiterführen will. Zu klein sei die Verkaufsfläche, zu groß der Investitionsstau, zu unsicher die Perspektiven.

Die Idee, dass aus dem Mini-Supermarkt ein gemeinschaftlich getragener Dorfladen wird wie in Rhade oder in Otterstedt, findet Heiko Poppe gut. Derartige Projekte funktionierten aber nur, wenn sich Menschen einbringen „und vor allem, wenn sie tatsächlich in ihrem Laden einkaufen“. Derzeit sehe er noch „niemanden, der so ein Projekt anschieben könnte“, sagte er vor einigen Wochen im Gespräch mit der WÜMME-ZEITUNG.

Mittlerweile hat die Politik das Thema aufgegriffen. Die Breddorfer Ratsfrau Heike Stöver hat am Mittwoch einen ersten offiziellen Vorstoß unternommen. Im nicht öffentlichen Teil der Ratssitzung schlug sie vor, dass sich der Gemeinderat das Thema zu eigen machen soll. Es gehe nicht darum, dass die Gemeinde einen Supermarkt betreibe, das sei gar nicht ihre Aufgabe. Ein Dorfladen müsse bürgerschaftlich getragen sein, brauche eine breite Basis im Dorf. Die Gemeinde könne ein solches Projekt freilich unterstützen, beispielsweise, indem sie nach Fördertöpfen Ausschau halte.

Bei ihrem Ratskollegen Rolf Bader rennt Stöver mit ihrem Vorschlag offene Türen ein. „Der Laden ist fürs Dorf total wichtig“, meint er. „Vor allem für die älteren Menschen, die nicht mal eben mit dem Auto nach Tarmstedt fahren wollen oder können.“ Da sei es gut, sich schon frühzeitig, also jetzt, Gedanken zu machen, wie man diese Einkaufsmöglichkeit erhalten könnte. „Meiner Meinung nach kann das nur in Richtung Dorfladen gehen“, sagt Bader. Die Gemeinde sollte sich aus dem laufenden Betrieb heraushalten, „aber die Initialzündung für ein solches Bürger-Projekt kann durchaus von uns kommen“.

Sobald Klarheit darüber bestehe, ob der Laden weiter bestehen soll, müsse sich der Gemeinderat die weiteren Schritte überlegen. Alles hänge vom Engagement der Bürger ab, sagt auch Bader. Schließlich müsse ein Verein oder eine Genossenschaft gegründet werden, der oder die die Sache in die Hand nehme, zusammen mit Fachleuten ein Konzept erarbeite, Geld einsammele und schließlich das Geschäft betreibe. „Der Gemeinde fällt die Aufgabe zu, das Dorf für das Thema zu sensibilisieren und die Menschen zu mobilisieren“, so Bader. Kreative und handwerklich begabte Menschen, die sich für eine gute Sache engagieren wollten, gebe es in Breddorf viele. Und qualifizierte Handwerksbetriebe für den Umbau ebenfalls. Und noch eins könne die Kommune tun: „Vielleicht kauft die Gemeinde das Gebäude.“ Es gehöre zu einem 2400 Quadratmeter großen Grundstück, das der Eigentümer Andreas Maske seit fast zwei Jahren verkaufen wolle. Dessen Vater Eckhard Maske hatte 1959 einen Tante-Emma-Laden gegründet, aus dem der heutige Supermarkt hervorgegangen ist. Maske ist der Verpächter des Supermarktgebäudes.

Georg Gerken, Fraktionschef der Wählergemeinschaft im Breddorfer Gemeinderat, möchte ebenfalls eine Einkaufsmöglichkeit im Dorf erhalten. Da seien sich die Ratsmitglieder einig. „Die Frage ist halt, wie wir das hinkriegen.“ Für einen Dorfladen brauche es viel Eigeninitiative der Bürgerschaft und ehrenamtliches Engagement, das wisse er aus dem benachbarten Rhade. „Und natürlich lebt ein Dorfladen davon, dass die Menschen dort einkaufen.“ Die Gemeinde werde sich jetzt über Fördermöglichkeiten informieren, so Gerken.

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Von anderen Initiativen lernen

Breddorf. Bürgerschaftlich organisierte Dorfläden funktionieren nicht von alleine, sondern müssen sich stets neuen Herausforderungen stellen und zukunftsfähig weiterentwickelt werden. Das sagt Günther Lühning, Mit-Initiator des Dorfladens Otersen im Kreis Verden. Der ging im April 2001 als Nachfolger eines Edeka-Marktes an den Start. Zehn Jahre später zog er in ein eigenes Gebäude um und macht heute mit sechs Mitarbeiterinnen rund 400.000 Euro Umsatz im Jahr. Im Durchschnitt kaufen jeden Tag rund 100 Kunden dort ein, auch sonnabends. Geöffnet ist auch sonntags von 8 bis 10 Uhr, die Verkaufsfläche beträgt 180 Quadratmeter, hinzu kommen 70 Quadratmeter für ein Café mit jeweils 40 Plätzen drinen wie draußen. „Wir schöpfen 35 bis 40 Prozent der Lebensmittelkaufkraft im Dorf ab“, sagt Lühning. Getragen wird der Laden von einem Verein, der heute 160 Mitglieder hat. Allein dieses Jahr werden 154.000 Euro investiert: in ein Elektroauto mit sieben Sitzen, mit dem Ware ausgeliefrt wird, das aber auch ausgeliehen werden kann; in drei Ladesäulen für E-Autos, in die Erweiterung der Photovoltaikanlage von zehn auf 25 Kilowatt, ein neues Lagergebäude und in einen großen Stromspeicher. „Dank umfangreicher Zuschüsse bezahlen wir selbst nur 30.000 Euro“, sagt Lühning.

Der Dorfladenverein Otersen ist Mitglied eines bundesweiten Netzwerks, das den Austausch untereinander fördert und auch Beratung und Fortbildung anbietet. Derzeit laufe eine Online-Seminarreihe, so Lühning, der unter anderem Vereine aus Rhade und Otterstedt zu Gast hatte, die später dann eigene Dorfläden realisiert haben. „Wir klären ehrlich über Chancen und Risiken auf“, sagt Lühning, „Schönfärberei hilft keinem weiter.“

Weitere Informationen unter http://dorfladen-netzwerk.de.

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