Biesemeier in Bülstedt Vom Sargmacher zum Großhändler

1945 begannen Biesemeiers mit der Herstellung von Särgen. 1970 zogen sie nach Bülstedt, und 2016 wurde von Produktion auf Großhandel umgestellt.
25.08.2020, 14:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Heeg

Bülstedt. Wenn Jens Biesemeier vom Italiener spricht, meint er nicht ein Lokal, in dem Pizza und Pasta serviert wird, sondern einen Sarg, einen „mit flachem Dach und geradem Unterkasten“. Ein italienisches Modell eben, das er ebenso im Sortiment hat wie das deutsche Standardmodell, die Hausdachform. „Da ist der Deckel höher, das wird bei uns auf dem Land am meisten gewünscht“, erklärt der 46-Jährige.

Solche Dinge lernt man, wenn man den Betrieb an der Bäsmann-Kreuzung in Bülstedt besucht. Biesemeier muss es wissen, er entstammt einer Familie, die über Generationen Särge gebaut hat. 1925 hat sein Urgroßvater Emil Biesemeier in Detmold zunächst Küchenmöbel und ab 1945, nach dem Krieg, auch Särge gebaut. 1947 übernahm sein Opa Bruno Biesemeier den Betrieb, mit dem er 1970 nach Bülstedt umzog. In die Schulstraße 2, wo früher ein Ladenbauer drin war, der nach Zeven gegangen ist. „Sieben Mitarbeiter haben damals hier Särge gefertigt“, erzählt Jens Biesemeier. Alles in Handarbeit, noch nicht mal einen Gabelstapler habe es gegeben.

Die Geschäfte liefen gut, als 1976 sein Vater Edgar Biesemeier übernahm. Neue Maschinen wurden angeschafft, einige hat er sogar selbst entworfen, wie beispielsweise eine Korpuspresse zum Verleimen der Wände oder eine Bohrmaschine, die sechs Löcher gleichzeitig bohrt – für die Griffe.

2007 übernahm der jetzige Chef das Ruder. Jens Biesemeier ist der erste in der Ahnenreihe, der kein Tischler ist. „Ich konnte wegen meiner Stauballergie den Beruf nicht erlernen“, sagt er. Also wurde er Kfz-Mechaniker und setzte noch eine zweite Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann oben drauf. Der neue Inhaber stellte seinen Bruder ein, der Tischlermeister ist und Werkstattleiter wurde. Doch die Zahlen wurden mit den Jahren nicht besser, gegen die hohen Kosten hierzulande und die Konkurrenz aus Osteuropa konnten die Sargmacher auf Dauer nicht anarbeiten. Und so entschied sich Jens Biesemeier 2016, die Produktion einzustellen. Aus dem Handwerksbetrieb wurde ein Sarggroßhandel mit handwerklicher Veredelungsabteilung.

Seinem Vater habe damals zwar das Handwerkerherz geblutet, sagt sein Sohn. Aber er habe ihm nicht hineingeredet, und heute sei man sich in der Familie einig: „Alles richtig gemacht.“ Wie sie früher dort gearbeitet haben, ist in einem kurzen Film zu sehen, der 2014 in dem Betrieb gedreht wurde. Da werden noch Bretter zusammengeleimt, geschliffen und gehobelt, Seitenteile zusammengefügt, Späne fliegen. Das ist längst Geschichte.

Die Veränderungen in der Branche hingen eng mit dem Wandel der Bestattungsformen zusammen. „Vor 30 Jahren ging das mit den Feuerbestattungen los“, sagt Jens Biesemeier. Heute würden acht von zehn Verstorbenen eingeäschert, mit steigender Tendenz. Dass dafür eher einfache und damit billige Särge gebraucht würden, habe zu einem enormen Preisdruck in der Branche geführt. Mittlerweile, so schätzt er, würden nur noch zehn Prozent der jährlich in Deutschland rund 840 000 benötigten Särge im Inland produziert.

Gut 2500 Särge verkauft die Firma Biesemeier Jahr für Jahr. Außer dem Standardmaß zwei Meter lang und 65 Zentimeter breit gibt es auch Kindersärge sowie Übergrößen, die bis zu 15 Zentimeter länger und breiter sind. Der Bedarf an XXL-Sondermodellen für Menschen, die mehr als 250 Kilogramm wiegen, steige. Kunden sind ausschließlich Bestattungsunternehmen, 20 sind es im Umkreis von hundert Kilometern, von Wilstedt bis Bremerhaven und Cuxhaven. Der Bülstedter Betrieb dient hauptsächlich als Lager, doch gibt es noch immer eine handwerkliche Abteilung. In der eigenen Lackiererei werden die roh angelieferten Särge nach Kundenwunsch lackiert. Und Särge, die für Erdbestattungen gedacht sind, bekommen nachträglich Deckelstützen eingebaut. Schließlich laste auf ihnen der Druck von einer Tonne, wenn die Erde draufliegt. Für den Transport wären diese Querstreben hinderlich, da die Sargdeckel auf den Paletten Platz sparend ineinander gestapelt werden. Falls gewünscht werden auch die Griffe montiert und die Innenausstattung mitgeliefert. Verzierungen, beispielsweise geschnitzte Blätter, Tulpen oder andere Ornamente übernehme der Senior persönlich mit Fräse und Stecheisen. „Das ist das Steckenpferd meines Vaters, der hat die künstlerische Ader dazu“, sagt Jens Biesemeier. Der Vater ist ebenso angestellt wie seine Mutter und seine Frau Nina. „Familienbetrieb eben“, meint der Chef.

Weil er mit der Zeit gehen muss, hat der Betrieb außer Särgen längst auch Urnen im Angebot. Mehr als 600 verschiedene Modelle seien lieferbar, darunter auch welche, die wie Fußbälle aussehen und tatsächlich in den Farben bestimmter Vereine lackiert sind. Auch Särge werden in Bülstedt auf Wunsch in speziellen Farben lackiert, beispielsweise in Werder-Bremen-Grün. Ein Kunde habe mal einen Sarg in der Farbe einer bestimmten Dachpfanne geordert. Manchmal würden auch unlackierte Särge gewünscht, unlängst beispielsweise für einen verstorbenen jungen Familienvater, dessen Kinder das Holz selber bemalen wollten. Und nach Worpswede sei neulich ein Sarg gegangen, den Künstler gestalten wollten. Erhältlich seien auch Särge, die aus religiösen Gründen kein Metall und somit keine Nägel enthalten dürfen.

Bei allen Sonderwünschen gebe es aber doch Särge, die seit 1945 praktisch unverändert im Programm seien. Zum Beispiel das Modell 70 mit der schon erwähnten Hausdachform, das nach wie vor zu beliebtesten zähle, und das Modell 50, eine Halbtruhe, bei der Unterkasten und Oberteil etwa gleich hoch sind.

Den Reiz seines Berufs umschreibt Biesemeier so: „Ich liebe den persönlichen Umgang mit den Kunden, das ist mein Geschäftsmodell.“ Er pflege enge Kontakte zu den Bestattern, daraus hätten sich persönliche Freundschaften entwickelt, man lade sich zu Geburtstagen ein. Bliebe noch die Frage, wie der Herr der Särge sich denn seine eigene Bestattung vorstellt? „Ich möchte nicht eingeäschert werden und ziehe eine traditionelle Bestattung vor“, so Jens Biesemeier, „und obendrauf soll ein riesengroßer Stein.“

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