Bülstedt: Albinger weist Vorwürfe zurück Ex-Bürgermeister will weiter mitmischen

So zerstritten Bülstedts früherer Bürgermeister Albinger und sein Gemeinderat sind, in einem sind sie sich einig: Das Verhältnis ist schon seit Jahren völlig zerrüttet.
26.03.2021, 17:59
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Johannes Heeg

Bülstedt. Am Tag nach seinem Rücktritt sitzt Bülstedts früherer Bürgermeister Jochen Albinger im Büro seines Hauses an der Dorfstraße und lässt die vergangenen viereinhalb Jahre Revue passieren. So lange war er Oberhaupt der 760-Seelen-Gemeinde, das erste mit SPD-Parteibuch. Am Donnerstagabend ist es damit vorbei, Timo Knoop wird zum neuen Bürgermeister gewählt, in einer Sondersitzung des Gemeinderates im Steinfelder Dorfgemeinschaftshaus. Zuvor sollte der Amtsinhaber abgewählt werden, was allerdings nicht mehr notwendig war, nachdem Albingers Ehefrau Beate das Rücktrittsschreiben ihres Mannes überreicht hatte. Albinger selbst ist nicht erschienen, was wiederum keine Überraschung ist, hatte er doch im Vorfeld durchblicken lassen, dass er lieber zum Schulausschuss gehe, der zeitgleich in Tarmstedt tagen sollte.

Albingers Erzählung, sein Blick zurück, klingt anders als das, was am Donnerstagabend im Steinfelder Dorfgemeinschaftshaus zu hören ist. Außer in einem Punkt: Das Verhältnis zwischen ihm und seinen acht Ratskollegen war völlig zerrüttet, das sagen beide Seiten. Das muss mal anders gewesen sein, denn Jochen Albinger war nach der Kommunalwahl 2016 vom Gemeinderat zum Bürgermeister von Bülstedt gewählt worden – einstimmig, in einer harmonischen konstituierenden Sitzung, die 22 Minuten dauerte. Der selbstständige Isoliermeister hatte mit 186 Stimmen das beste Ergebnis bei der Gemeinderatswahl erzielt, gefolgt von Stefan Grube (Wählergemeinschaft Bülstedt, 177) und Frank Schmätjen (Wählergemeinschaft Steinfeld, 130). Grube und Schmätjen wurden damals zu stellvertretenden Bürgermeistern gewählt. Am Donnerstag werden sie Stellvertreter des neuen Bürgermeisters, diesmal dauert die Sitzung ganze 13 Minuten, es gibt weder eine Aussprache noch eine Bürgerfragestunde, was einige der anwesenden Bürger befremdlich finden, wie sie zum Ausdruck bringen.

Gewachsenes Misstrauen

Die geplante Absetzung Albingers begründet der Gemeinderat mit einem stetig gewachsenen gegenseitigen Misstrauen. Das sei so stark geworden, dass der Gemeinderat habe handeln müssen, um Schaden von der Gemeinde abzuwenden. So heißt es sinngemäß in einer Erklärung, die acht der neun Ratsmitglieder unterschrieben haben und die der stellvertretende Bürgermeister Stefan Grube in der Sitzung verliest. Die Entscheidung, Albinger aus seinem Amt zu entfernen, beruhe „nicht auf persönlichen Belangen der Ratsmitglieder“ und sei auch „nicht plötzlich getroffen worden“. Und sie wäre aus Sicht des Gemeinderates vermeidbar gewesen, wenn Albinger auf den „ausdrücklichen Wunsch nach einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit“ eingegangen wäre.

Der Gemeinderat wirft Albinger vor, er habe als Bürgermeister Beschlüsse des Gemeinderates „in der Öffentlichkeit falsch dargestellt und gegen die Vorgaben der Beschlusslage umgesetzt“. Er habe Pressemitteilungen ohne vorherige Informationen des Rates veröffentlicht, davon betroffen seien „auch die wesentlichen und zukunftsweisenden Vorhaben der Gemeinde zum Kindergartenausbau, zu Personal und zur Vergabe von Bauplätzen“. Und zuletzt habe Albinger durch „Terminwahl“ dafür gesorgt, dass seine beiden Stellvertreter nicht dabei waren, als er mit der Kämmerei den Haushalt der Gemeinde besprochen hat.

„Alles Quatsch“

Die Liste der ihm vorgehaltenen Verfehlungen kommentiert Albinger so: „Das ist doch alles Quatsch.“ Seine beiden Stellvertreter Grube und Schmätjen hätten gar kein Interesse gehabt, den Haushaltsplan zu besprechen. Beide hätten sie signalisiert, dass sie bei der Wahl im September nicht mehr antreten wollten, so stellt es Albinger dar. „Da sollten mal jüngere Ratsmitglieder mitgehen, aber keiner wollte.“ Und was die Finanzen angehe, stehe Bülstedt blendend da: „Wir investieren 470.000 Euro in den Kindergarten und 200.000 Euro in das neue Baugebiet in Steinfeld und bleiben trotzdem schuldenfrei.“ Im Moment gelte für Bülstedt allerdings eine Haushaltssperre, denn der Rat habe den Etat noch nicht beschlossen.

Schon kurz nach seiner Wahl 2016 sei die Kommunikation zwischen Bürgermeister und Gemeinderat gestört gewesen, sagt Albinger. „Die haben sich einen gesucht, der die Arbeit macht, aber sie haben nicht damit gerechnet, dass ich eigene Ideen einbringe.“ Das sei zum Beispiel ganz früh der Fall gewesen beim Ersatz der maroden Fußgängerbrücke am Mühlenteich, bei der Umrüstung der Straßenlampen auf LED und bei der Beschaffung der Mitfahrerbänke. Und beim Baugebiet habe er darauf geachtet, dass die vom Rat beschlossenen Vergaberegeln eingehalten werden. Noch zwei Stunden vor dem Bürgermeisterwechsel am Donnerstag habe er ein Grundstück verkauft, das zehnte von 14.

So sind die Regeln

Es scheint viel Klein-klein gewesen zu sein, in das sich Albinger und sein Gemeinderat da verkämpft haben. „Da ist sicher auch Neid auf das Erreichte im Spiel“, sagt Albinger. Da er Mitglied des Gemeinderates bleiben und auch bei der nächsten Wahl wieder antreten will - wie stellt er sich die künftige Zusammenarbeit vor? „Ich werde die Dinge beobachten“, sagt Albinger, und Ideen für die Entwicklung der Gemeinde einbringen. Seinem Nachfolger wünscht er gutes Gelingen, sagt aber auch: „So ein Bürgermeister hat doch mehr Arbeit, als mancher denkt.“ Seine Ratskollegen hätten ihn wohl als „Störfaktor“ empfunden, der lieb gewonnene Abläufe durcheinander gebracht habe. Dass er der Sondersitzung des Gemeinderates ferngeblieben ist, erklärt er so: „Ich habe keinen Sinn darin gesehen, denn ich hätte mich nicht zur Abberufung äußern dürfen. So sind die Regeln. Da fand ich die Entwicklung der Grundschule Tarmstedt wichtiger.“ Albinger ist zwar nicht mal Mitglied im Schulausschuss, aber er ist einer der vier Männer, die Samtgemeindebürgermeister werden wollen. Erste Unterstützerunterschriften habe er bereits eingesammelt.

Timo Knoop, verheiratet, Vater zweier Töchter, bei den Rotenburger Stadtwerken beschäftigt und nun der neue Bürgermeister, will schnellstmöglich einen neuen Termin mit Kämmerin Sandra Hammer machen, sagt er nach der Sitzung auf Anfrage. Für April kündigt er eine Ratssitzung an, in der der Haushalt beschlossen werden soll. Was er sonst noch vorhat? „Wir wollen das neue Baugebiet und den Kindergartenanbau voranbringen“, sagt der 46-Jährige. Von weiteren Vorhaben sagt er nichts. Knoop ist seit 15 Jahren im Gemeinderat. Ob er sich noch einmal aufstellen lasse, wisse er noch nicht.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+