Stromtrasse Stade-Landesbergen Unter Hochspannung

Soll der Ersatzneubau der Stromleitungstrasse von Stade nach Landesbergen in der Gemeinde Hassendorf per Erdverkabelung oder Freilandleitung erfolgen? Mit dieser Frage befasst sich der Samtgemeinderat Sottrum.
20.11.2019, 16:01
Lesedauer: 4 Min
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Unter Hochspannung
Von Lars Köppler

Erdverkabelung oder Freilandleitung? Beim Ersatzneubau der Stromleitungstrasse von Stade nach Landesbergen, der die Menschen in Sottrum und Hassendorf seit einigen Jahren berührt und die Gemüter erhitzt, geht es genau um diese Frage. Die in der Zwischenzeit gegründete Bürgerbewegung „Hassendorf unter Strom“ gehört zu den Befürwortern der Erdverkabelung und unterstreicht diesen Standpunkt mit einer Unterschriftenliste, in die sich rund 550 Bürger eingetragen haben. Unterstützung bekommen die Aktivisten nun von den Grünen im Samtgemeinderat, die Ende Oktober einen Antrag auf Befürwortung einer Erdverkabelung an Samtgemeindebürgermeister Peter Freytag adressiert hatten. Am Donnerstag, 5. Dezember, setzt sich der Rat der Samtgemeinde Sottrum mit diesem Antrag auseinander. Das Gremium tagt öffentlich ab 19 Uhr im Sitzungssaal des Sottrumer Rathauses.

Für den Übertragungsnetzbetreiber Tennet ist der Ersatzneubau der Stromleitungstrasse von Stade nach Landesbergen ein Mammutprojekt. Erklärtes Ziel des Unternehmens ist es, die Kapazität der bestehenden 220-kV-Leitung auf 380 Kilovolt zu erweitern. Da Tausende Menschen in dem insgesamt 1500 Quadratkilometer großen Betrachtungsraum von dem Leitungsbauprojekt direkt betroffen sind, hatte Tennet schon weit vor der geplanten Fertigstellung der neuen Leitung frühzeitig eine Aufklärungskampagne gestartet. Im Sottrumer Rathaus konnten sich Bürger aus den Landkreisen Rotenburg und Verden erstmals im Januar 2017 über den aktuellen Planungsstand informieren und die Tennet-Mitarbeiter mit ihren Fragen löchern. Bis spätestens 2024 sollen das Großprojekt für den Konzern, ein Tochterunternehmen des niederländischen Finanzministeriums, abgeschlossen sein und die Menschen über die neue Leitung effizienter mit Strom versorgt werden.

Warum sich derweil die Grünen auf die Variante der Erdverkabelung festgelegt haben, begründet Dieter Szczesny in seinem Antrag mit den drohenden Konsequenzen, die sich aus Sicht seiner Fraktion durch den Bau riesiger Strommasten ergeben würden. Großflächige Waldrodungen, elektromagnetische Felder und die Gefährdung ohnehin bedrohter Vogelarten seien die Folge, heißt es in dem Antrag. Zudem seien negative Auswirkungen auf den Tourismus und die Naherholung zu befürchten. „Wir sorgen uns sehr konkret um den Erhalt der Lebensqualität und den Schutz des sensiblen Ökosystems in der Wümmeniederung“, stellt Szczesny fest, der neben der Bürgerbewegung auch den Naturschutzbund an seiner Seite wähnt. „Gemeinsam appellieren wir, sich die Argumente für den unterirdischen Trassenbau zu Herzen zu nehmen“, fordert Szczesny.

Dreyer sieht vielfältige Nachteile

Der Grünen-Politiker hofft, dass sich die Samtgemeinde Sottrum in Sachen Trassenplanung künftig offiziell für die lange Erdkabel-Variante mit Kabelübergangsanlage südlich der Wümmeniederung einsetzt und die Fakten, die jetzt noch geschaffen werden, verantwortungsvoll überdenkt. „Denn die Auswirkungen der Freilandleitung werden jahrzehntelang spürbar sein“, mahnt der Ratsherr. Zwar weiß er den Großteil der Hassendorfer Bevölkerung hinter sich, doch gibt es auch Gegner der Erdverkabelung, zu denen unter anderem Bürgermeister Klaus Dreyer (SPD) zählt. Das Gemeindeoberhaupt sieht in einer Erdverkabelung vielfältige Nachteile. „Allein die Unterquerung der Wümme wird in einer Tiefe von 14 Metern durch einen Tunnel erfolgen müssen“, erklärt Dreyer und fragt: „Ist es eigentlich mit dem Klimaschutz vereinbar, wenn monatelang mehrere Bagger und Raupenfahrzeuge bei der Herstellung des Kabelgrabens von 50 Metern Breite und zwei bis drei Meter Tiefe eingesetzt werden müssen?“

Er sei der Auffassung, dass eine Baustelle mit einer Erdverkabelung besichtigt und das Ergebnis des Prüfauftrages von Tennet abgewartet werden sollte, sagt Dreyer und spielt damit auf die inzwischen von der Landesbehörde an Tennet erteilte Order an. Der Netzbetreiber soll demnach unter Beachtung von Umweltaspekten und der Wirtschaftlichkeit die Möglichkeit einer Erdverkabelung vom Umspannwerk durch die Wümmeniederung in Richtung Hellwege untersuchen. Unterstützung bekommt Dreyer derweil von seinem Ratskollegen Hermann Rugen, der ebenfalls auf die Gefahren einer Erdverkabelung hinweist und im jüngsten Hassendorfer Gemeinderat eine Stellungnahme der Grundstückseigentümer, Landwirte und Waldbesitzer vorgetragen hat. „Bei einer Erdverkabelung verdoppelt sich die Bauzeit und es ergibt sich eine Vervielfachung der Kosten“, gab der Landwirt und ehemalige Ortsbrandmeister zu bedenken und ergänzte: „Den Grundstückseigentümern bereitet eine Erdverkabelung große Sorgen, zumal die in Anspruch genommenen Flächen von rund 20 Hektar lange Zeit nicht und nach mehreren Jahren nur sehr eingeschränkt genutzt werden könnten.“

Politisches Dauerthema

In der Vergangenheit hatte es schon zahlreiche Sitzungen und auch Beschlüsse zum Projekt „Stade-Landesbergen“ gegeben. Nach Abschluss des Raumordnungsverfahrens im Juni vergangenen Jahres hatte das Amt für regionale Landesentwicklung Lüneburg die Herausverlegung der bisherigen Freileitung über und an den Häusern im Hassendorfer Bahnhofsbereich befürwortet, um damit auch die gesetzliche geforderten Abstände von 400 und 200 Metern zu gewährleisten. Diese Entwicklung hatte der Hassendorfer Rat in seiner Sitzung vom 1. Oktober 2018 einstimmig begrüßt und sich damit auch der Auffassung der Gemeinde Sottrum und der Samtgemeinde Sottrum angeschlossen. Doch dieser Beschluss soll nun nach dem Antrag der Grünen revidiert und die Gespräche neu entfacht werden.

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