Historischer Schatz

Auf Zeitreise

Durch einen Zufall ist in Hellwege ein altes Protokollbuch aufgetaucht. Es erzählt auf circa 350 Seiten von 42 Jahren Dorfgeschichte – und hat einige interessante Ergebnisse geliefert.
25.05.2019, 08:52
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Nico Brunetti
Auf Zeitreise

"Seit über 40 Jahren bin ich hinter allen Dingen her, die etwas mit Hellwege zu tun haben", berichtete Erhard Thies.

Björn Hake

Als Erhard Thies der Anruf von Rolf Lohmann erreichte, ahnte er schnell etwas. Es flammte die Hoffnung auf ein besonderes Ereignis auf – erst recht nachdem er die Worte Fund, Großvater und Buch in einem Zusammenhang vernahm. Seine Neugier steigerte sich weiter, als Lohmann dann auch noch zu ihm meinte: „Mensch, komm mal her.“ Und der ehemalige und langjährige Bürgermeister aus Hellwege sollte auch nicht enttäuscht werden. Aus diesem Telefonat heraus entwickelte sich die Vervollständigung der Geschichte des Ortes Hellwege. Was Lohmann nämlich an diesem Tage im Januar in den Unterlagen seines Großvaters fand, war keine normale Lektüre. Sondern er entdeckte das 127 Jahre alte Protokollbuch der Gemeinde von 1892 bis 1934. „Ein unheimlicher Zufall. Das ist ein historischer Schatz“, frohlockte Thies. Denn: „Früher gab es kein Gemeindebüro. Da hatten es die Bauern zu Hause, die es weitergaben. Über zwölf Generationen werden das Buch gehütet haben.“

In Sütterlin geschrieben

Für ihn persönlich hatte das Ganze jedoch einen Haken. So hätte er selbst alleine nicht viel mit dem circa 350 Seiten langem Buch anfangen können. Grund hierfür ist die Sütterlinschrift, mit der das Buch geschrieben wurde. „Für mich war der Text nicht oder nur teilweise zu entziffern. Nur Hellwege und einige Namen waren leicht lesbar“, berichtete Erhard Thies. Deshalb musste es einen anderen Weg geben, um den Inhalt zu entschlüsseln. Dabei dachte er sofort an ein ihm bekanntes Ehepaar: Hanna und Heinrich Denker. Beide, sowohl seine Schwester als auch sein Schwager, übersetzten in der Vergangenheit schon Texte für ihn. Und nachdem sich auch der aktuelle Hellweger Bürgermeister Wolfgang Harling von dem Fund begeistert zeigte, gab Thies den Auftrag an die Denkers weiter. „Wir hatten abgemacht, dass sie es bis Ende des Jahres übersetzen“, sagte der 72-Jährige.

Das Hellweger Ehepaar Hanna und Heinrich Denker übersetzten circa 350 Seiten innerhalb von sechs Wochen.

Das Hellweger Ehepaar Hanna und Heinrich Denker übersetzten circa 350 Seiten innerhalb von sechs Wochen.

Foto: Erhard Thies

Diese Rechnung ging aber nicht auf. Sie schafften es deutlich schneller als gedacht. „In Rekordzeit, innerhalb von sechs Wochen, waren sie fertig“, skizzierte Thies, der den Inhalt danach auswertete. Diese Arbeit redete er jedoch klein. „Ich bin ein Querleser und merke schnell, was mich interessiert. Gewisse Dinge springen einen an.“ Die Ergebnisse stellte er dann Anfang Mai in der öffentlichen Sitzung des Gemeinderates im Heimat- und Kulturhaus in Hellwege vor.

Aufwand zahlt sich aus

Aus seiner Sicht zahlte sich der Aufwand aus. „Für mich lohnt sich das schon, das kleinste Ding zu finden und zu einem Puzzle zusammenzufügen.“ Es ist aber nicht gänzlich neu, dass er sich mit der Geschichte in Hellwege auseinandersetzt. „Seit über 40 Jahren bin ich hinter allen Dingen her, die was mit Hellwege zu tun haben“, berichtete er. Das habe sich auch schon im Ort herumgesprochen. „Die Bürger wissen das“, sagte Thies. Deshalb sind solche Anrufe wie der von Lohmann nichts Ungewöhnliches. Unter anderem kümmert er sich um die Zeitreise am Geschichtspavillon am Mühlenhof in Hellwege.

In dem Protokollbuch entdeckte Thies nun auch eine „private Sache“. Denn dort las er, dass die Heidekoppel an der Ahauser Straße in Hellwege von der Gemeinde an seinen Großvater Dietrich Thies verkauft wurde. „Es ist toll, sowas wiederzufinden“, meinte er. Der 72-Jährige haderte jedoch auch. „Damals gab es nur Beschluss- und keine Diskussionsprotokolle. Die gibt es erst seit den 70er, 80er Jahren. Schade, das wäre interessant gewesen.“ Einiges erinnerte ihn seine ehemalige Funktion als Bürgermeister. „Wege und Brücken müssen erneuert werden: Das kennt man auch in der heutigen Zeit“, sagte er. Einiges, zum Beispiel finanzielle Schwierigkeiten, habe er als Verantwortlicher der Gemeinde aber nicht erleben müssen. Grundsätzlich hätte Thies nicht tauschen wollen. „Wir können Gott dafür danken, nach den Kriegen geboren zu sein und in dieser Zeit zu leben.“

Info

Zur Sache

Die Höhepunkte aus dem alten Protokollbuch


1894 – 1905: Die Gemeinde Hellwege setzt einige infrastrukturellen Verbesserungen um. Im Jahr 1894 wird beschlossen, einen über die Wümme führenden Steg zu erneuern beziehungsweise auszubessern. 1903 ist die Holzbrücke am Bruch (heute Bosdorfer Straße) durch Betonringe instand gesetzt worden, ein Jahr später werden an gleicher Stelle die Pflastersteine ausgebessert. Darauf folgt 1905 die Entscheidung, sechs Jahre hintereinander jährlich 80 Meter Straße zu pflastern.

1912: Ein neuer Schulbau wird beschlossen: der insgesamt vierte. Die Mittel für den Bau und die Lehrerstelle übernimmt die königliche Regierung.

1913: Große finanzielle Probleme der Gemeinde werden offenkundig. Schulbau, Schleusenbau und die Landstraße Wittorf - Sottrum haben erhebliche Mittel verschlungen.

1914: Die neue Schule wird eingeweiht. Außerdem spitzt sich die finanzielle Lage der Gemeinde Hellwege zu. Benötigt wird ein Kredit in Höhe von 4000 Mark – dafür bittet man den Vorsitzenden des Kreisausschusses freundlich um Zustimmung. Aufgenommen wird darüber hinaus ein zweiter Kredit: Die Gemeinde übernimmt ein Drittel der Krankenkassenbeiträge des Lehrers.

1919: Das Einstimmenprinzip wird eingeführt. Die Gemeinde bildet einen Gemeindeausschuss mit acht Mitgliedern und einem Gemeindevorsteher. Bis dahin gab es keinen gewählten Gemeinderat. Stattdessen hatte jedes Haus ein Stimmrecht.

1921: Die Gemeinde lehnt die Einrichtung einer Fortbildungsschule, damit auch einen Vorschlag des Landrates, ab. Grund: Im Dorf sind keine Lehrlinge vorhanden und für Knechte ist so eine Schule nicht nötig.

1931 – 1932: Eine Bürger- und Biersteuer soll eingeführt werden. Im Jahr 1932 wird das dann auch in die Tat umgesetzt. Gemessen an einem Hektoliter Einfachbier sowie Schankbier werden 2,50 Reichsmark fällig. Ein Hektoliter Vollbier muss mit vier Reichsmark versteuert werden. Die Steuer für ein Hektoliter Starkbier beträgt sechs Reichsmark.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+