In Hepstedt gibt es keine Baumschutzsatzung

Gefällte Eiche entzweit Nachbarn

In Hepstedt gibt es Streit unter Nachbarn, weil einer von ihnen eine alte Eiche gefällt hat. Naturschutzbehörde und Gemeinde haben keine Handhabe, weil die Gemeinde keine Baumschutzsatzung hat.
27.11.2020, 20:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Heeg
Gefällte Eiche entzweit Nachbarn

Symbolischer Hingucker: Das ist nicht die gefällte Eiche aus Hepstedt, sondern ein Exemplar im Baumpark Thedinghausen, das als Baumdenkmal dienen soll.

Focke Strangmann

Hepstedt. Eine Eiche hat in Hepstedt einen heftigen Streit unter Nachbarn ausgelöst. Ein vor Kurzem zugezogener Mann, auf dessen Grundstück der Baum seit mehr als 100 Jahren steht beziehungsweise stand, hat dessen Fällung veranlasst. Die Nachbarin, vor Jahren ebenfalls zugezogen, wollte das verhindern. Sie hat sich unter anderem an den Bürgermeister gewandt, an den Landkreis, ans Bauamt in Tarmstedt, an die Polizei, an den Nabu und auch an die Wümme-Zeitung.

Der Eigentümer

Der Eigentümer des Baums hat in einem Gespräch mit der Redaktion mehrere Gründe genannt, warum ihn der Baum gestört hat und warum er ihn entfernen will. Kurz darauf zog er allerdings per E-Mail sämtliche Aussagen zurück.

Die Nachbarin

Seit sie Kenntnis von der bevorstehenden Fällung der Eiche erhalten habe, versuche sie alles, um dies zu verhindern. Ergebnis: „Keine der angesprochenen Personen und Institutionen sieht sich in der Situation, hier eingreifen zu können, gerade auch, weil sich die Eiche auf privatem Grund befindet.“ Auf ihrem direkt angrenzenden Grundstück stehe ebenfalls eine alte Eiche, „beide bilden ein schönes schattenspendendes Ensemble“. Für Argumente wie Klimaschutz, Relevanz der Bäume, Auswirkung auf den Boden oder Verstärkung der Trockenheit sei der Nachbar nicht aufgeschlossen, artenschutzrechtliche Bedenken wische er vom Tisch. Sie sagt auch: Die Rechtslage sei klar, in Hepstedt gebe es keine Baumschutzsatzung und der Nachbar dürfe fällen, sofern er nicht gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoße. „Die Beweispflicht dafür liegt aber bei mir.“ Sie habe in dem Baum Grünspechte, Fledermäuse und Eichhörnchen beobachtet. Die Klopfgeräusche der Spechte seien das ganze Jahr über wahrnehmbar. Der Grünspecht suche in den Gärten nach Ameisen, sein typischer Balzruf sei im Frühjahr zu vernehmen. Die Eiche habe einen Durchmesser von mindestens 80 Zentimetern, also einen Umfang von rund 2,50 Metern.

Der Bürgermeister

Markus Schwiering, von Beruf Rechtsanwalt und Notar, verweist auf die Rechtslage: Ja, der Eigentümer dürfe die Eiche auf seinem Grundstück fällen, und nein, in Hepstedt gebe es keine Baumschutzsatzung, die dies verhindern könnte. Eine solche zu beschließen, wäre Sache des Gemeinderates, an den die Nachbarin sich diesbezüglich wenden möge. „Ich freue mich über jeden Baum“, sagt Schwiering, „und ich persönlich hätte diesen Baum auch stehen lassen.“ Doch sei er kein Freund von Baumschutzsatzungen, weil die Gemeinde ihren Bürgern nicht zu viele Vorschriften machen wolle. Auch sei zu befürchten, dass in der Zeit vor einem solchen Beschluss noch schnell viele Bäume entfernt würden. Der aktuelle Fall sei in Hepstedt eine absolute Ausnahme, betont er. Der Gemeinderat schaue sich jedes Jahr im Dorf um, und es sei ihm „keine Stelle bekannt, wo mutwillig gesunde Bäume gefällt wurden“. Hepstedt habe einen insgesamt schönen Baumbestand, und er appelliere an die Einwohner, die alten Bäume zu erhalten, sofern sie gesund und standsicher seien. Darüber gebe es im Dorf einen Konsens. Dass es in diesem Fall nun anders gelaufen sei, sei bedauerlich und „auch kein guter Einstieg in die Nachbarschaft“, so Schwiering.

Die Naturschutzbehörde

Der Landkreis Rotenburg als zuständige Naturschutzbehörde sieht keine rechtlichen Möglichkeiten, das Fällen eines Baumes auf Privatgrund ohne Baumschutzsatzung oder andere konkrete Schutzvorschriften (zum Beispiel Naturdenkmal) zu verbieten. Allerdings müsse die Person, die die Arbeiten durchführt, dafür sorgen, dass der Artenschutz gewährleistet werde. „Der Landkreis empfiehlt dringend, hier zumindest forstfachlich ausgebildetes Personal zu beauftragen.“ Die Argumente der Nachbarin – Klimaschutz, Auswirkung auf den Boden, Verstärkung der Trockenheit – sind für die Behörde „nachvollziehbar und werden in der Sache auch vom Landkreis unterstützt. Eine gesetzliche Grundlage, um den Erhalt des Baumes zu fordern, ist leider nicht gegeben“. Pro Jahr würden etwa zehn problematische Fälle wie dieser an den Landkreis herangetragen, Anfragen zur Baumfällung auf Privatgrund gingen deutlich mehr ein. Sie könnten aber im Regelfall telefonisch geklärt werden.

Sofern Lebens- und Ruhestätten von streng geschützten Tierarten vorhanden sind, dürften diese nur zerstört werden, wenn es ausreichend Ausweichquartiere gibt und sie zum Zeitpunkt der Fällung nicht belegt sind. Dies könne durch eine vorherige Begutachtung geklärt werden.

Ein wirksames Instrument, um in den Dörfern wertvolle alte Bäume zu erhalten, sei die Aufstellung einer Baumschutzsatzung. Die Bevölkerung sollte aber vorab ausreichend informiert werden, ansonsten könne es im schlimmsten Fall auch dazu führen, dass sich die Menschen bevormundet fühlten und im Vorwege schon Tatsachen geschaffen werden, die später nicht rückgängig gemacht werden könnten.

Der Nabu

„Unsere Erfahrung zeigt, dass in Ortschaften ohne Baumschutzsatzung Gespräche notwendig sind, um den Wunsch eines Eigentümers nach Fällung eines Baumes zu ändern“, so Walter Lemmermann vom Nabu-Kreisverband Bremervörde-Zeven. Dabei seien es die örtlichen Gemeindevertreter, insbesondere die Bürgermeister, die moralischen Druck aufbauen können. Das Gesprächsangebot über den erheblichen naturschutzfachlichen Nutzen eines alten Baumes durch einen im Dorf unbekannten ortsfremden Naturschützer werde häufig als belehrend empfunden. „Wir stehen aber für solche Gespräche gerne zur Verfügung.“ Eine naturschutzfachlich gut ausgearbeitete Baumschutzsatzung sei häufig für eine Akzeptanz von Bäumen hilfreich.

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