Kirchtimker Erfolgsgeschichte Das Bad der Bürger

2500 Arbeitsstunden haben die Mitglieder des Fördervereins in das Kirchtimker Freibad gesteckt. Die Besucherzahlen gingen nach oben, der Vorstand spricht von einer Erfolgsgeschichte.
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Von Johannes Heeg

Kirchtimke. Bürgerschaftliches Engagement? Danach muss man in der Gemeinde Kirchtimke nicht lange suchen. Der freiwillige und ehrenamtliche Einsatz ganz vieler Menschen für die Gemeinschaft manifestiert sich unter anderem am Ortsausgang Richtung Hepstedt: Dort liegt das Kirchtimker Freibad. Dass es das Timkebad überhaupt noch gibt, – so sagen außer Bürgermeister Frank Tibke noch etliche andere aus dem Dorf und darüber hinaus – sei dem Förderverein zu verdanken, der im vorigen Jahr gegründet wurde. Mittlerweile hat er 360 Mitglieder, was bedeutet, dass so gut wie jeder dritte Kirchtimker dabei ist.

Kaum wurde im Frühjahr 2018 bekannt, dass sich die Familie Raguse zum Ende der Saison komplett zurückziehen will, gingen Gerüchte um, die Samtgemeinde könnte das Bad schließen. Badeaufsicht und Schwimmkurse, die Pflege der technischen Anlagen und des Grundstücks, der Verkauf von Eintrittskarten und Getränken – alles das lag seit 1981 in der Hand von Hilmar Raguse, seiner Frau Ursel und ihren Kindern. Die Sorgen der Kirchtimker wurden nicht weniger, als die Samtgemeinde Tarmstedt bei einem Fachbüro ein Gutachten in Auftrag gab, das am Ende empfahl, das Freibad aufgrund vieler gravierender Mängel stillzulegen und aufzugeben. Die Kosten für die Sanierung hatten die Gutachter mit insgesamt 3,2 Millionen Euro beziffert.

Aufgrund der erdrückenden Zahlen aufzugeben, war für den Förderverein Timkebad keine Option. Der Vorstand um Oliver Moje hat eigene Berechnungen angestellt und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es auch einige Nummern kleiner geht. „Laut Gutachten hätte die Samtgemeinde für ein neues Betriebsgebäude 950 000 Euro investieren müssen“, so Moje kopfschüttelnd, „das wäre völlig am Bedarf vorbei gewesen.“ Allein die Beleuchtung war mit 90 000 Euro kalkuliert. Wäre es nach dem Förderverein gegangen, hätte die Samtgemeinde die 10 000 Euro fürs Gutachten lieber gleich ins 1962 erbaute Timkebad gesteckt. Moje: „Es hat zwar niemand offen gesagt, aber man konnte im Herbst 2018 schon den Eindruck gewinnen, dass Teile der Politik das Bad am liebsten für immer dicht gemacht hätten.“

„Gegen allerlei Widerstände aus der Politik“, so Moje, habe der Förderverein doch einen hoffnungsvollen Start ins Jahr 2019 erreichen können: Aus dem Tarmstedter Rathaus kam die Botschaft, dass das Kirchtimker Freibad zur Saison 2019 geöffnet werden soll. Und der neue Arbeitskreis „Freibäder“ hatte empfohlen, dass Personal eingestellt wird und die nötigsten Reparaturen erledigt werden. 150 000 Euro stellte die Samtgemeinde für Material zur Verfügung.

Von dieser Summe seien bis zur Saisoneröffnung 65 000 Euro verbaut worden. Praktisch jeden Sonnabend von Ende Januar bis Mai seien 20 bis 30 Mitglieder des Fördervereins im Freibad aktiv gewesen, berichtet Moje. Sie haben die Betonplatten rund um die Schwimmbecken ersetzt, haben Handläufe angefertigt und montiert, zur Quelle hin einen neuen Zaun aufgestellt, das Kassen- und Umkleidegebäude neu gedeckt und angestrichen, Rasen eingesät und vieles mehr erledigt. Frontlader, Minibagger und andere Maschinen haben Mitglieder mitgebracht. Dabei seien insgesamt 2500 Arbeitsstunden ehrenamtlich geleistet worden, und dies teilweise bei Regen, Schnee und Hagel. „An einem Tag hatten wir das alles auf einmal, und die Sonne kam auch kurz raus“, erzählt Moje, „das war schon beeindruckend.“

Hinzu kamen rund 700 Stunden, die Ehrenamtliche in der Badesaison gearbeitet haben, beispielsweise beim Imbiss mit dem Verkauf von Eis, Pommes und Getränken. Für den laufenden Betrieb habe der Förderverein auch Personal gesucht, das die Samtgemeinde eingestellt und bezahlt habe: Sechs Minijobber teilen sich den Dienst an der Kasse, hinzu kommen drei Hausmeister, zwei Putzkräfte und zwei Leute für die Schwimmaufsicht. Diese Mitarbeiter stünden auch für die Saison 2020 bereit.

Trotz des durchwachsenen Wetters sei die Badesaison sehr erfolgreich gewesen, sagt Moje. 9219 Besucher seien gezählt worden. Vergleichszahlen von früher gebe es nicht, da bislang die Besucher schlicht nicht gezählt worden seien. Allerdings könne man die Eintrittsgelder vergleichen: Gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2018 mit Erlösen in Höhe von 10 329 Euro habe man in Kirchtimke um 26 Prozent auf 13 026 Euro zugelegt. „Der Jahreskartenverkauf hat sich bei uns verdoppelt“, sagt Moje. Gleichzeitig seien die Einnahmen der Bäder in Hepstedt von 41 622 auf 22 822 Euro und in Wilstedt von 44 696 auf 32 377 Euro gesunken, was freilich auch viel mit den dortigen Personalausfällen und Schließungstagen zu tun habe.

Für Moje und seine Mitstreiter ist klar: „Das bürgerschaftliche Engagement hat sich gelohnt, das Timkebad ist eine absolute Erfolgsgeschichte.“ Nun gelte es, das Erreichte zu verstetigen, indem das Timkebad zukunftssicher gemacht werde. Dazu müsse allerdings der Beckenkopf rundherum abgetragen und erneuert werden. „Da brechen immer wieder Stücke aus dem Beton heraus“, so Moje, seit Jahren müsse dort Flickschusterei betrieben werden. Dem Förderverein liege ein Angebot über 80 000 Euro vor, und es sei zu hoffen, dass die Samtgemeinde den Auftrag rechtzeitig erteilt, damit die Arbeiten vor Beginn der Saison Ende Mai/Anfang Juni abgeschlossen werden könnten. Selbstverständlich würden sich die Mitglieder wieder selbst aktiv einbringen und den alten Beckenkopf in Eigenleistung abreißen und auch das frisch verlegte Pflaster wieder aufnehmen. „Sonst würde die Aktion den Steuerzahler 120 000 Euro kosten“, meint Moje. Einen Wunsch hat er für die Zukunft: „Dass die Samtgemeinde und der Förderverein an einem Strang ziehen.“

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