Barbara Franke im Porträt

Raus aus dem Trott

Barbara Franke hat in ihrem Leben viel erlebt: Mit ihrem Mann baute sie eine alte Dorfschule zu einem Einfamilienhaus um, reiste als Entwicklungshelfern nach Äthiopien und betreibt eine Bed + Bike-Pension.
25.04.2021, 05:00
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Raus aus dem Trott
Von Mario Nagel

Wir machen alles selber“, sagt Barbara Franke. Ein Satz, der als Lebensmotto der 70-Jährigen und ihres Mannes Jochen verstanden werden könnte. Warum? Wer auf die Geschichte der Frankes blickt, die seit knapp 50 Jahren verheiratet sind und in Vorwerk in der Samtgemeinde Tarmstedt leben, wird das verstehen. 1973 zog das Paar aus dem Bremer Viertel in die 1000-Seelen-Gemeinde und baute die alte Dorfschule zu ihrem Lebensmittelpunkt um. An dem hat sich bis heute nichts geändert. Nur dass Barbara Franke, die auch als Entwicklungshelferin in Äthiopien gearbeitet hat, heute ihr Haus mit anderen Menschen teilt: Sie betreibt mit ihrem Mann in ihrem Haus eine Pension.

„Ich bin eigentlich ein Stadtkind. Dass ich mal auf dem Land leben werde, habe ich auch nie gedacht“, sagt Franke. In den letzten Jahren ist das Grundstück erheblich vergrößert, das Haus immer wieder ausgebaut worden. Etliche neue Räume sind entstanden – wie viele es genau sind, weiß Barbara Franke gar nicht. „Mein Mann kann einfach nicht still sitzen“, sagt sie. Vor knapp 20 Jahren war der Touristikverband des Landkreises Rotenburg, der Tourow, auf die Frankes aufmerksam geworden. „Wir hatten viele ungenutzte Räume, da hat ein Herr vom Tourow gefragt, ob wir nicht eine Pension draus machen wollen.“

Kurz darauf wurde das „Bed + Bike“, zu deutsch: „Bett und Fahrrad“, eröffnet. Es richtet sich vor allem an Fahrradwanderer. Über die Jahre hätten unzählige Menschen das Angebot genutzt: Neben Radfahrern auch Gäste von Familienfeiern, Konzertbesucher oder Musiker und Touristen. Einige blieben nur eine Nacht, andere kamen über die Jahre immer wieder. „Wir leben aber nicht davon“, betont Franke. Wie viele Menschen bereits in ihrem Haus genächtigt haben, auch das weiß sie nicht. Nur, dass die Menschen aus allen möglichen Ecken dieser Welt kamen: Aus Alaska, Australien, Europa und natürlich Deutschland.

Das passt zur Vita von Barbara Franke: Geboren ist sie in Hannover, aufgewachsen im Ruhrgebiet. In Darmstadt studierte sie Politik und Geografie auf Lehramt, lernte dort auch ihren Mann kennen – und lieben. Jochen Franke, der ebenfalls auf Lehramt studierte, konnte sein Referendariat in Bremen machen. Von dort ging es aufs Land.

Barbara Franke entschied sich gegen den Job des Berufslehrers, arbeitete ab und zu als Nachhilfelehrerin. Vor allem aber sei sie eine Vollzeit-Hausfrau gewesen – und das keinesfalls im negativen Sinne. Der Um- und Ausbau des Abrisshauses, wie es Franke nennt, sei aufwendig und zeitfordernd gewesen. In jeder freien Sekunde wurde an der alten Dorfschule gewerkelt. 1976 folgte die Geburt der ersten Tochter, vier Jahre später die des Sohnes. Die Kinderbetreuung auf dem Land sei noch nicht so ausgebaut gewesen wie heute, erzählt Franke. Also blieb die heute 70-Jährige zu Hause, bis die Familie in den 80er Jahren einen Tapetenwechsel brauchte. „Wir mussten raus aus dem Alltagstrott.“

Die Frankes wollten in die Welt, etwas Abwechslung haben. Bei der Evangelischen Kirche bewarb sich das Ehepaar bei dem Projekt „Dienst in Übersee“, entschied sich letztlich für die Entwicklungshilfe in Äthiopien. Im Juni 1986 ging es los, Barbara Franke war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger. Ihre zweite Tochter wurde in Äthiopien geboren, wo die Familie für dreieinhalb Jahre blieb. „Wir waren fast an der sudanesischen Grenze im Westen. Damals herrschte im Norden, an der Grenze zu Eritrea, Bürgerkrieg. Wir haben die Auswirkungen von so einem Bürgerkrieg also miterlebt.“

Ihr Mann arbeitete an der Schule, lehrte im technischen Bereich und baute eine Werkstatt auf, damit handwerkliche Berufe erlernt werden konnten. Barbara Franke unterrichte ihre Kinder, das Material bekam sie monatlich in einem großen Paket zugeschickt. „Ich muss heute viel an diese Zeit denken, denn in gewisser Weise haben wir damals ja auch Homeschooling gemacht, nur ohne Laptop und Internet.“ Zudem habe sie viel Zeit investieren müssen, um die Versorgung der Familie zu gewährleisten. „Das gab es keine Supermärkte. Wenn ich Brot backen wollte, musste ich erst mal das Weizen besorgen, es säubern und zur Mühle bringen“, sagt Franke.

Überhaupt hätte sie die Zeit im Ausland demütig gemacht. „In Deutschland haben wir alles, in Äthiopien nichts. Trotzdem meckern viele, dass wir nichts haben. Ich finde das bedenklich, denn wir sind privilegiert.“ Im Januar 1990 kehrte die Familie aus Äthiopien zurück, aus dieser Zeit sei viel hängen geblieben. Barbara Franke versuchte sich in den 90er Jahren zum Beispiel in der Selbstversorgung. Neben einem großen Gemüseanbau hielten die Frankes auch Schafe und Kaninchen.

Wie es ist, in ein fremdes Land zu kommen, ohne die Sprache zu können und die Kultur zu kennen, das hat die Familie in Äthiopien am eigenen Leib erlebt. Fünf oder sechs Mal sei sie dort gewesen, ihr Mann noch deutlich öfter. Die Erfahrungen von damals seien auch der Grund, warum sich Barbara Franke heute, seit knapp acht Jahren, um Geflüchtete kümmert. Sie ist Vorsitzende des Freundeskreises Asyl in der Samtgemeinde Tarmstedt (F.A.S.T). Der Verein kümmere sich primär darum, den Geflüchteten im Alltag zu helfen. Besonders beim Erlernen der deutschen Sprache und der Auseinandersetzung mit den Ämtern bräuchten viele Hilfe, sagt Franke.

Die Frankes aber wollen bald wieder raus aus dem Alltag. „Wir wollen immer Neues erleben, Hauptsache, es ist abwechslungsreich und interessant.“ Sobald die Pandemie es zulässt, soll es wieder nach Äthiopien gehen. „Durch Corona und den Bürgerkrieg konnten wir jetzt sehr lange nicht mehr dort sein. Der Krieg tobt unter anderem genau dort, wo wir jahrelang waren. Wir wissen nicht, ob der Ort verschont oder alles zerbombt wurde.“ Doch auch wenn sich die Befürchtungen bestätigen sollten, wollen die Frankes auf jeden Fall reisen.

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