Tarmstedter Ausstellung fällt erstmals aus

„Der wirtschaftliche Schaden ist enorm“

Die Tarmstedter Ausstellung fällt erstmals seit 1949 aus. Im Interview haben wir die Messemacher gefragt: Wie fühlt sich das an?
07.07.2020, 08:38
Lesedauer: 6 Min
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Von Johannes Heeg
„Der wirtschaftliche Schaden ist enorm“

Drei von der Ausstellung (von links): Geschäftsführer Frank Holle, Prokuristin Julia Wöltjen und Geschäftsführer Dirk Gieschen beim Trecker auf der Tarmstedter Kulturmeile, der an die erste Tarmstedter Ausstellung erinnert.

Christian Kosak

Herr Gieschen, Herr Holle, Frau Wöltjen, coronabedingt fällt die Tarmstedter Ausstellung zum ersten Mal seit der Premiere 1949 aus. Das zweite Juli-Wochenende ohne die Tarms, wie fühlt sich das für Sie an?

Dirk Gieschen: Schon im Vorfeld der Ausstellungszeit ist eine ungewohnte Ruhe zu spüren, im ganzen Ort.

Frank Holle: Das ist ein ganz seltsames Gefühl. Viele Gewissheiten gelten nicht mehr, zum Beispiel, dass man eine Woche vor der Ausstellung im Vorgarten alles schön macht. Nun wissen viele nicht, wann sie die Hecke schneiden sollen. Aber im Ernst: Ich war seit meiner Geburt jedes Jahr auf der Ausstellung, 1968 haben meine Eltern mich mit dem Kinderwagen durchgeschoben. Als Schüler habe ich auf dem Parkplatz gearbeitet, als ich in Kiel studiert habe, war ich immer auf der Ausstellung. Wenn früher ein Tarmstedter erzählt hätte, er fahre während der Ausstellung in Urlaub, hätte man den für verrückt erklärt. Nun bringt dieses verrückte Virus alles durcheinander.

Die Tradition des Angrillens mit allen Mitarbeitern am Freitag vor der Ausstellung, haben Sie das beibehalten?

Gieschen: Leider ebenfalls gestrichen, wir sind als Ausstellungsteam ja in diesem Jahr nicht auf dem Gelände. Das Gelände wir weiter gepflegt und ist deshalb auch schon gemäht. Es findet am Ausstellungssonnabend das Rock-den-Auto-Festival dort statt und am Freitagabend macht eine Art Trecker-Kino dort Station. Aber für ein traditionelles Angrillen ist nicht die Stimmung da. Wir sehen keine Zelte auf dem Gelände, keine Pflöcke, die die Standgrenzen markieren, in den Straßen Tarmstedts keine Fahnen, an den Ortseingängen keine Begrüßungstafeln.

Wie trifft es die Aussteller?

Julia Wöltjen: Ganz unterschiedlich. Durch die Corona-Krise steht manchen Unternehmen das Wasser bis zum Hals. Aussteller, sagen wir mal aus dem Pott-und-Pann-Bereich, die ausschließlich vom Messegeschäft leben, droht die Insolvenz, denn es fallen ja auch alle anderen Verbrauchermessen aus.

Gieschen: Bemerkenswert finde ich, dass uns jetzt Aussteller ein positives Feedback geben, die sonst gerne gemeckert haben. Die Auswirkungen lassen sich jetzt noch gar nicht ermessen. Von den Landmaschinenleuten weiß ich, dass sie durch ihre Kontakte und Gespräche auf der Ausstellung sonst bis ins Frühjahr hinein Abschlüsse machen. Jetzt müssen sie überlegen, wie sie das kompensieren können.

Holle: Für die Gastronomen ist es die Höchststrafe. Seit März machen die keine oder nur minimale Umsätze, und jetzt bricht denen auch noch die Ausstellung weg. Auch unseren Schlachter in Tarmstedt trifft das hart, er hat das Festzelt und andere Aussteller beliefert. Das fällt alles flach. Die Zeltverleiher gehen leer aus, Handwerksbetriebe verlieren Aufträge, weil nun keine Strom- und Wasserleitungen auf dem Ausstellungsgelände verlegt werden müssen. Messebauer sind betroffen, Werbetechniker, Bäcker, Getränkelieferanten und Übernachtungsbetriebe im Umkreis von 40 Kilometern.

Gieschen: Allein die beiden Festwirte beschäftigen deutlich mehr als 100 Leute. Auf den 50 Gastroständen auf dem Gelände werden wohl um die 300 Menschen arbeiten. Auch denen werden die Einnahmen fehlen.

Holle: Wie den 250 Mitarbeitern der Ausstellung, die auf den Parkplätzen, an den Kassen und Losbuden, im Infobüro und beim Geländeteam arbeiten. Wir haben früher einen großen Teil unseres Lohns, manchmal auch alles, gleich auf der Ausstellung verbraten. Heute finanziert sich so mancher Schüler ein neues Handy oder den Urlaub damit.

Wie groß ist der Schaden für die Ausstellungs-GmbH, für Tarmstedt und die Region?

Gieschen: Der wirtschaftliche Schaden ist enorm. Exakt beziffern können wir ihn nicht, dafür ist die Materie zu komplex. Die Auswirkungen auf die Region wären sicherlich ein gutes Thema für eine Masterarbeit. Wir waren ausgebucht und hatten eine lange Warteliste. Schon zum Jahresende waren alle 750 Stände vergeben, Mitte März war die Standplanung abgeschlossen, einige Aussteller hatten schon ihre Standmiete bezahlt. Unsere fünf fest angestellten Mitarbeiterinnen sind in Kurzarbeit. Die Ausstellungs-GmbH wird in diesem Jahr mit einem Verlust abschließen. Zum Glück haben wir in der Vergangenheit solide gewirtschaftet und in den guten Jahren ein wenig zurückgelegt, sodass wir das verkraften können.

Holle: Es hätte schlimmer kommen können. Angenommen, es wären frühzeitig wieder Großveranstaltungen erlaubt gewesen, wir hätten unsere Ausstellung gemacht, und dann kommen nur 40 000 Besucher?

Nach dem Rekordbesuch 2019 mit 117 000 Menschen?

Holle: Ja, die Menschen haben vielleicht Angst, sich anzustecken, und bleiben zu Hause. Dieses Risiko wollten wir vermeiden und haben uns für eine saubere Lösung entschieden.

Wie steht es um die Planungen für 2021?

Holle: Wenn im Januar die Grüne Woche in Berlin stattfindet, dann gehen wir davon aus, dass es auch Tarmstedter Ausstellung 2021 geben wird. Ich glaube allerdings, dass solche Großveranstaltungen nur funktionieren, wenn es einen Impfstoff gibt.

Wöltjen: Wir müssen flexibel planen, das geht aber allen Messeveranstaltern so. Die Welt ist mit Corona nicht wie vorher, das muss allen klar sein. Immerhin haben die ersten Aussteller schon für 2021 angefragt. Unser Vorteil ist, dass sehr vieles im Freien stattfindet.

Wird dann etwas anders sein als bisher?

Gieschen: Corona hat die Wahrnehmung dafür geschärft, wie wichtig Regionalität ist. Das betrifft die Ernährung, aber auch die Art, wie wir verreisen. Darin sehen wir ein Potenzial für die Weiterentwicklung der Ausstellung. Wir werden also keinesfalls den Kopf in den Sand stecken, das war noch nie unsere Art. Wir werden weiter nach allen Seiten schauen, was für Aussteller und Besucher von Interesse sein könnte. Die entscheiden letztlich über den Erfolg der Tarmstedter Ausstellung.

Angesichts von Corona, Klimadebatte und Artenschwund: Kann die Landwirtschaft überhaupt noch so weitermachen?

Gieschen: Sie wandelt sich vielfach schon und sie wird sich weiter wandeln müssen, insbesondere, was die Tierhaltung angeht. Das Tierwohl wird weiter an Bedeutung gewinnen, die Regionalität wird wichtiger. Aber auch der Biobauer braucht Maschinen und Ställe, und die Anbieter finden sie bei uns auf der Ausstellung. Dort wird auch künftig der Ort für Meinungsaustausch sein. Die kritischen Diskussionen über die Tierhaltung sollen auch in Tarmstedt geführt werden, wir bieten gerne die Plattform dafür.

Planen Sie eine Ersatz-Ausstellung, etwa in virtueller Form?

Gieschen: Wir haben das tatsächlich erwogen, dafür hatten wir schon Angebote vorliegen. Man könnte ja virtuelle Rundgänge zu den Ständen anbieten, die aussehen wie die echten. Doch das ist sehr teuer und hätte sich in den wenigen Wochen auch nicht gut umsetzen lassen. Wir gehen mit einem Angebot ins Netz, das eine Stufe tiefer angesiedelt ist. Dort finden sich alle Aussteller, die sich angemeldet hatten, mit Kontaktformularen. Es wird zudem Videos geben von Aussteller-Besuchen, die wir gerade machen.

Holle: Es ist aber klar, dass virtuelle Geschichten nicht den richtigen Messebesuch ersetzen können. Die Leute wollen die Maschinen anfassen und das Holz riechen. Wir können die Besucher allerdings neugierig machen, und weil wir immer mit der Zeit gegangen sind, ist der virtuelle Rundgang Teil unserer Strategie-Diskussion. Die Rückendeckung des Gemeinderats haben wir, wenn wir investieren wollten. Immerhin könnte es sich je nach Ausbaustufe um hohe fünf- bis sechsstellige Beträge handeln.

Was machen Sie am Freitag, 10. Juli? Das wäre der Eröffnungstag gewesen, Bürgermeister Vogel würde seine Amtskette umlegen.

Gieschen: Wir machen an diesem Tag eine kleine Eröffnung im Rathaus, mit dem Landrat als Schirmherrn und wenigen anderen geladenen Gästen und mit Dirk Böhling als Moderator. Es wird einige Fachgespräche geben, die wir im Internet übertragen: zu Natur- und Klimaschutz, zur Düngeverordnung, aber auch zu fachlichen Dingen rund um die Landtechnik, der Digitalisierung auf dem Acker und im Stall und zu den Perspektiven in der Landwirtschaft.

Kommt ein Ehrengast?

Holle: Wir haben einen angefragt.

Die Fragen stellte Johannes Heeg.

Info

Zur Person

Dirk Gieschen und Frank Holle

sind die Geschäftsführer der Ausstellungs-GmbH. Julia Wöltjen ist seit Januar als Prokuristin für die Standplanung der Tarmstedter Ausstellung verantwortlich.

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Zur Sache

Zur Sache

Die Tarmstedter Ausstellung ist Norddeutschlands älteste und größte Regionalmesse mit den Schwerpunkten Landwirtschaft, Land-, Kommunal- und Energietechnik, Tiershow und Zucht, Haus und Garten, Freizeit und Hobby. Sie findet normalerweise jährlich am zweiten Juli-Wochenende von Freitag bis Montag statt – Corona-bedingt fällt sie dieses Jahr erstmals seit der Premiere 1949 aus. 2019 präsentierten sich in Tarmstedt 750 Aussteller auf dem 18 Hektar großen Freigelände sowie in 13 Ausstellungshallen, 117000 Menschen haben sich das angesehen und für einen Besucherrekord gesorgt. Für kommenden Freitag ist eine kleine Eröffnungsfeier im Rathaus geplant, die per Stream im Internet übertragen wird: www.tarmstedter-ausstellung.de.

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