Tarmstedter Ausstellung

Holpriger Weg zur Enkeltauglichkeit

Das Thema „Enkeltauglichkeit“ hat zahlreiche Facetten. Wie könnte es gelingen, den nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen? Wir haben uns auf der Tarmstedter Ausstellung umgehört.
14.07.2019, 21:35
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg
Holpriger Weg zur Enkeltauglichkeit

Körperpflege bei den Kühen

Christian Kosak

Angesichts von Klimawandel und Artensterben wird auch auf der Tarmstedter Ausstellung über Nachhaltigkeit diskutiert. Das Thema „Enkeltauglichkeit“ hat zahlreiche Facetten, wie wir auf dem Gelände erfuhren. Wir wollten wissen: Wie könnte es gelingen, den nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen?

Für die Köchin Barbara Stadler, die in der Genusshalle eine Schauküche betreibt, beginnt Nachhaltigkeit schon beim Einkauf. „Ich kaufe seit 40 Jahren schon regional und bio. Vor allem nicht zu viel, und ich verwerte wirklich alles. Schon allein deshalb, weil sich sonst die Gastronomie überhaupt nicht rechnet“, sagt sie. Am Sonntag hat sie Kindern nicht nur gezeigt, wie man ein Huhn zerlegt. Vor allem ging es ihr darum zu vermitteln, dass auch sogenannte unedle Teile wie Magen und Herz gut schmecken. „Aha-Erlebnisse“ hätten Teilnehmer ihrer Kochkurse auch, wenn sie aus den Schalen von Zwiebeln, Pastinaken, Sellerie, Lauch und Karotte eine aromatische Bouillon koche.

Lebensmittelpreise müssen steigen - um ohne Subventionen auszukommen

Benjamin Baden, den wir auf dem Freigelände treffen, hat einen anderen Fokus aufs Thema Zukunftsfähigkeit. „Kosten, Pachtpreise und der bürokratische Aufwand explodieren, aber der Milchpreis ist seit 1980 gleich geblieben“, sagt der 34-jährige Landwirt, der sich anschickt, den Milchviehbetrieb mit 120 Kühen von seinem Vater zu übernehmen. „Die Lebensmittelpreise müssten steigen, damit wir Familienbetriebe ohne Subventionen von unserer Arbeit leben können“, fordert er. Auch müsste Schluss sein mit den immer größeren Strukturen: „Ich will nicht nur Manager sein, denn ich liebe die Vielfalt meines Berufs.“ Und dann erzählt er von einem Freund, dem die Behörden eine Siloplatte verordnet haben, wofür die Bank aber den Kredit verweigert habe. „Der hat dann auf Bio-Angus-Rinder und Bio-Hühner umgestellt und lebt heute glücklich und zufrieden, hat mehr Freizeit und Zeit für seine Kinder.“

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Was für den Landesverband Erneuerbare Energien Niedersachsen-Bremen enkeltauglich heißt, erklärt Geschäftsführerin Silke Weyberg so: „Die erneuerbaren Energien ausbauen.“ Doch gehe es hier nicht voran. „Es gibt zwar viele Bekenntnisse zum Klimaschutz, doch es fehlen in Deutschland eine klare Strategie und die Rahmenbedingungen dafür.“ Ihr Mitstreiter Harm Grobrügge sagt: „Es fehlt von der großen Politik das klare Ja zu den Erneuerbaren, das strahlt auf alle untergeordneten Behörden aus. Wir haben dort zu wenig Leute mit Rückgrat und zu viele Paragrafen.“ Weybergs Fazit: „Im Moment ist unser Land nicht enkeltauglich. Aber wir geben nicht auf.“

Thomas Wagner von der Landwirtschaftskammer sagt: "Auch die Landwirtschaft muss ihren Beitrag zum Klimaschutz und Gewässerschutz leisten." Es sei absehbar, dass nicht nur die Gülleverordnung weiter verschärft werde, sondern auch die Bestimmungen zur Luftreinhaltung. Die Standortsuche für neue Ställe wird schwieriger." Dass die deutsche Landwirtschaft bis 2050 CO2-neutral arbeitet, hält Wagner für machbar. Derzeit sehe er zwei widerstrebende Tendenzen: "Es gibt Landwirte, die sich von der Massentierhaltung verabschieden. Es gibt aber auch welche, die noch größer werden wollen."

Menschheit muss lernen regenerativ zu leben

Conrad Bölicke, der in der Genusshalle frisches Pesto herstellt, ist davon überzeugt, dass es ohne Verhaltensänderung nicht gehen wird. Allerdings funktioniere dieser Lernprozess nicht mit Verboten oder dem erhobenen Zeigefinger, sondern „durch Attraktion und Vorbild“. Überleben werde die Menschheit nur, wenn sie es schaffe, tatsächlich regenerativ zu leben. Diese Transformation werde aber nur klappen, wenn sie mit Spaß verbunden sei. „Darum betreiben wir hier den ganzen Aufwand“, sagt er. Und: Nachhaltigkeit müsse wichtiger werden als Effizienz, das gelte auch für Bioprodukte.

Am Stand der größten deutschen Molkerei DMK verweist Vorstandsmitglied Jörg Pape auf das Nachhaltigkeitsprogramm seines Unternehmens. „Wir belohnen beispielsweise Weidehaltung und Energieeinsparung mit einem besseren Milchpreis. Allein 2018 haben wir fast 40 Millionen Euro für diese Boni an unsere Bauern ausgezahlt“, sagt er. Außerdem arbeite DMK daran, den Zuckergehalt seiner Produkte zu reduzieren und bei der Verpackung von Plastik auf Stärke umzustellen.

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Ausstellungsgeschäftsführer Dirk Gieschen berichtet von Fortschritten bei der Landtechnik, die es ermöglichten, den Einsatz von Dünger und Spritzmittel zu reduzieren. „Dank GPS-Unterstützung können die Landwirte viel präziser dosieren als früher“, so Gieschen, „das geht mit einer Genauigkeit von 2,5 Zentimetern.“ Zum Nachhaltigkeitsbeitrag der Ausstellungs-GmbH als Veranstalter sagt Gieschen: „Die Gastronomie auf dem Marktplatz und im Festzelt ist plastikfrei, auf allen Bierwagen gibt es nur noch Gläser und Getränke in Mehrwegflaschen. Das haben wir vertraglich geregelt.“

Noch nicht umgesetzt seien Überlegungen, die Ausstellung komplett mit Ökostrom zu versorgen und offizielle Stromtankstellen für Elektroautos einzurichten. Bei Bedarf sei es aber bereits jetzt schon möglich, auf dem Parkplatz beim Eingang West E-Autos und Fahrradakkus aufzuladen.

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