„Spiel meines Lebens“: Rasmus Berger

Der Pistolero mit der Nummer 3

Es lief die 112. Minute im Relegationsspiel des FC Worpswede gegen Hedendorf/Neukloster. Rasmus Berger legte sich den Ball zurecht - und traf zum vielleicht schönsten Treffer seiner Laufbahn.
17.11.2020, 08:44
Lesedauer: 6 Min
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Der Pistolero mit der Nummer 3
Von Tobias Dohr
Der Pistolero mit der Nummer 3

Ein Moment für die Ewigkeit: Rasmus Berger nach Schlusspfiff des Relegationsspiels gegen Hedendorf-Neukloster, als Sohn Max zum Gratulieren angerannt kommt.

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Tarmstedt. Da stand er nun. Die Hände wie zwei Pistolen nach oben gerissen, in die Luft schießend. Er hatte voll ins Schwarze getroffen. Aus 25 Metern war der Freistoß von Rasmus Berger in der 112. Minute im Eck eingeschlagen – und damit hatte der Linksfuß genau das bestätigt, was sein Trainer im Vorfeld dieses Relegationsspiels des FC Worpswede gegen den VSV Hedendorf/Neukloster prophezeit hatte: In der Offensive ist dieser Rasmus Berger eine Waffe, hatte Carsten Huning angekündigt.

Kurz vor seinem Einsatz als Pistolero hatte Rasmus Berger zum vielleicht schönsten Sprint seiner Laufbahn angesetzt. Randvoll mit Adrenalin und Endorphinen. Und es dauerte auch nur wenige Augenblicke, ehe er nach dem symbolischen Abfeuern der Pistolen von all seinen Teamkollegen begraben wurde. Dieser ebenso wunderschöne wie auch bedeutungsvolle Treffer am Sonnabend, 9. Juni 2012, war es, der das erste von zwei Relegationsspielen der Worpsweder zu Bergers persönlichem Highlight-Spiel gemacht hat. Und dazu muss man vor allem die Vorgeschichte dieses Tores kennen.

Denn eigentlich hätte Rasmus Berger diesen Treffer gar nicht schießen können. „Wir wären an jenem Samstag eigentlich schon im Urlaub auf Föhr gewesen“, erinnert sich der Linksfuß, der die eine Hälfte seiner Laufbahn beim VSK Osterholz-Scharmbeck verbrachte und dann von 2006 bis 2014 acht Jahre für den FC Worpswede auflief. Sohnemann Max war gerade zwei Jahre alt geworden, die junge Familie hatte den Urlaub lange gebucht. Natürlich nach der regulären Spielzeit. Doch da die erste Saison nach der Ära Malte Jaskosch unter Neu-Trainer Carsten Huning besser verlaufen war, als von vielen im Vorfeld erwartet, standen die Grün-Weißen als Vize-Meister hinter dem souveränen Bezirksliga-Champion und Landesliga-Aufsteiger FC Verden 04 plötzlich in der Relegation.

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„Wir haben wirklich eine gute Runde gespielt, ich persönlich war damals in einer richtig guten Verfassung“, erinnert sich Rasmus Berger, der damals, im Juni 2012, immerhin auch schon 31 Jahre alt war. Und als „Fußballer der alten Generation“ war es für ihn nur logisch, irgendwie zu versuchen, doch noch bei diesem Spiel dabei sein zu können. „Da musste intern ein bisschen verhandelt werden“, erinnert sich Berger mit einem Schmunzeln. Doch dann gab es von der Familie grünes Licht. Also saß Berger doch im Bus nach Oldendorf (bei Zeven), wo das Spiel gegen Hedendorf stattfand.

Viel Krampf in Hälfte eins

„Die Stimmung war gut, alle haben sich auf dieses Highlight-Spiel einfach nur gefreut“, erinnert sich Berger. Das Team war von Trainer Carsten Huning optimal auf den Gegner vorbereitet worden, Erwartungsdruck war keiner da. Und doch agierten die Künstlerdorf-Kicker besonders in der ersten Hälfte überaus verkrampft. „Vielleicht war da auch die große Kulisse dran Schuld“, mutmaßt Berger, der im linken Mittelfeld auflief und das Team vor knapp 500 Zuschauern als Kapitän aufs Feld führte, da der etatmäßige Mannschaftsführer Kevin Taube verletzt ausgefallen war.

Till Augsburg im Worpsweder Tor rettete mehrfach das 0:0, nach vorne hatte lediglich Manuel Weinrich eine Halbchance. Erst in der zweiten Hälfte wurde es besser, wie sich Berger erinnert: „Da wurden wir dann stärker, weil wir körperlich auch deutlich mehr zuzusetzen hatten.“ Doch auch nach 90 Minuten stand es 0:0, ebenso wie zur Halbzeit der Verlängerung. Als es dann in die letzten 15 Minuten ging, rief Rasmus Berger das Team noch einmal schnell im Kreis zusammen: „Da habe ich dann noch zwei, drei Sätze hingebrüllt. Wir wollten das Spiel unbedingt vor dem Elfmeterschießen für uns entscheiden.“ Und dafür sorgte der Captain dann zwei Minuten später höchstpersönlich. Wer genau gefoult worden war, daran erinnert sich Berger nicht mehr. Was er aber noch genau weiß, dass er für solche Freistöße eigentlich mit Mario Bolduan extra einen Trick einstudiert hatte. Doch all das war wie ausgelöscht. Stattdessen legte sich Berger den Ball zurecht. Ein guter Moment, um zum Helden zu werden – ungefähr so sah es in Berger aus, als er Anlauf nahm. Kurze Zeit später zappelte der Ball im Netz und „Pistolero Berger“ machte sich auf seine Jubeltour.

Gänsehaut-Moment nach Abpfiff

Die letzten Minuten dieser Partie waren dann allerdings nicht so schön: „Nach diesem Treffer fiel kollektiv die Spannung ab, wir waren alle stehend k.o. und haben den Sieg mit aller Macht irgendwie verteidigt“, sagt Berger. Der schönste Moment war dann aber der, als der kleine Max seinem Vater nach dem Schlusspfiff freudestrahlend in die Arme lief. „Wenn ich an diesen Moment denke, voller Glücksgefühle über den Sieg, und dann kommt dein Sohn auf Dich zugelaufen, da kriege ich heute noch Gänsehaut“, erinnert sich der Torschütze. Spätestens in diesem Moment wussten alle im Hause Berger, dass es richtig gewesen war, den Urlaubsbeginn einen Tag nach hinten zu schieben.

Die Busfahrt nach Worpswede war entsprechend feuchtfröhlich, ebenso die spontane Feier im Vereinsheim auf dem Weyerberg. Rasmus Berger musste sich allerdings zurückhalten. Denn für ihn ging es am nächsten Tag dann natürlich doch in den Urlaub nach Wyk auf Föhr. Ein perfekter Moment für ein Happy End. Eigentlich. Doch so war es nicht. Denn es gehört ebenso zu dieser Geschichte, dass eine Woche später das zweite und alles entscheidende Relegationsspiel gegen Eintracht Elbmarsch auf dem Programm stand. Und bei diesem fehlte Rasmus Berger.

Nach dem späteren Urlaubsbeginn wollte und konnte er seiner Familie nicht auch noch ein früheres Urlaubsende zumuten. Gleichwohl hat er durchaus mit dem Gedanken gespielt: „Ich hatte aber solche Schmerzen nach dem Hedendorf-Spiel, ich konnte mich die ganze Woche kaum bewegen“, erinnert sich Berger und fügt hinzu: „Ich hätte also ohnehin nicht spielen können.“ Dennoch schmerzte es am Ende, dass sein herrlicher Freistoßtreffer, den Trainer Carsten Huning damals mit dem Wort „Weltklasse“ beschrieben hatte, letztlich wertlos blieb.

Der Tick mit der 3

Die Zeitungsartikel seines damaligen Triumphes hat er natürlich trotzdem aufbewahrt. „Ich habe viele tolle Spiele machen dürfen“, erinnert Berger sich an triumphale Siege mit dem VSK Osterholz-Scharmbeck. „Doch gegen Hedendorf hatte ich eben selbst einen besonders prägenden Anteil. Deshalb ist dieses Spiel in der Erinnerung schon sehr besonders für mich“, sagt der mittlerweile 40-Jährige. Kicken tut er immer noch. Bei der Ü32 der SG Wörpetal. Topfit ist er, läuft die zehn Kilometer in knapp über 45 Minuten. Und auf dem Fußballplatz trägt er immer noch die Nummer drei. In Osterholzer Fußballkreisen weiß man: Rasmus Berger gab und gibt es nur im Paket mit dieser Nummer. „Bixente Lizarazu war früher mein absoluter Lieblingsspieler, und der hatte auch die Nummer drei“, erklärt der leidenschaftliche Bayern-Fan den Ursprung dieser innigen Beziehung, die dem Linksfuß im Laufe der Jahre allerdings auch so manch spöttischen Blick und spaßigen Spruch seiner Mitspieler beschert hat.

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Doch das war Rasmus Berger schon immer herzlich egal. Im Gegenteil: Noch heute nutzt er jede Gelegenheit, um diesem „Tick“ zu frönen. „Wenn ich irgendwo im Urlaub einen Strandkorb mit der Nummer drei sehe, dann wird erst mal ein Foto gemacht“, sagt Berger lachend. Und selten war er so obenauf, wie an jenem Juni-Nachmittag in Zeven – als der Pistolero mit der Nummer drei voll Adrenalin mit seinen Händen in die Luft schoss – und das wohl schönste Tor seiner Karriere feierte.

Info

Zur Person

Rasmus Berger (40)

begann beim SV Komet Pennigbüttel mit dem Fußballspielen und wechselte in der C-Jugend zum VSK Osterholz-Scharmbeck. Er schaffte es unter Trainer Günter Hermann in die erste Herren und sammelte dort Erfahrungen in der Niedersachsenliga. Nachdem ihm der Sprung zum absoluten Stammspieler aber nicht gelang, wechselte Berger im Sommer 2006 zum aufstrebenden FC Worpswede, zu jener Zeit dritte Kraft im Landkreis Osterholz hinter dem VSK und Bornreihe. Mit den Künstlerdorf-Kickern stieg er unter Trainer Malte Jaskosch zweimal in die Landesliga auf, konnte sich dort aber nie länger als eine Spielzeit halten. Nachdem unter Jaskosch-Nachfolger Carsten Huning die Landesliga-Rückkehr knapp gescheitert war, ging es langsam bergab beim FC Worpswede. 2014 wechselte Berger nach acht Jahren auf dem Weyerberg noch einmal zurück zum VSK Osterholz-Scharmbeck. In der vergangenen Spielzeit kam er sporadisch noch mal für die erste Herren des TuS Tarmstedt zum Einsatz. Mittlerweile läuft Berger für die Ü32 der SG Wörpetal auf.

Info

Zur Sache

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg, oder die bittere Niederlage in letzter Sekunde. In unserer neuen Serie „Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportlerinnen und Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn – ganz egal, ob positiv oder negativ.

Weitere Informationen

Sonnabend, 9. Juni 2012

Relegation zur Landesliga

FC Worpswede – VSV Hedendorf/N. 1:0 n.V. (0:0, 0:0)

FC Worpswede: Augsburg; Berger, Böse, Kück (65. Webendörfer), Bolduan, Weinrich, Sicak (80. Mainz), Bohling, Hollwedel, Polat, Meinhardt

VSV Hedendorf/Neukloster: Kulinski; Reineck, Blohm (90. Sattler), Cordes (82. Hoog), Matern (70. Inacio), Hermann, Aykaya,Lewin, Schlöffel Lawes, Wilhelm

Tor: 1:0 Rasmus Berger (112.)

Schiedsrichter: Hannes Saul (Bremervörde)

Zuschauer: knapp 500

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