Tarmstedts Bürgermeister Wolf Vogel „Jetzt müssen mal neue Leute ran“

Im Interview erklärt Tarmstedts Bürgermeister Wolf Vogel, dass sich die Erde auch nach seinem Ausstieg aus der Kommunalpolitik im Oktober weiter drehen wird.
07.01.2021, 11:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Johannes Heeg

Herr Vogel, was gab es Erfreuliches im Jahr 2020?

Wolf Vogel: Die Vermarktung unseres neuen Baugebiets „Vor dem großen Vieh“ hat begonnen. Aus dem ersten Bauabschnitt haben wir 53 Grundstücke angeboten, für die wir 126 Interessenten hatten.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Wir haben im Vorfeld klare Kriterien aufgestellt, um die Vergabe so gerecht wie möglich zu gestalten. Bevorzugt wurden Familien mit Kindern, die in Tarmstedt wohnen und kein Grundstück haben. Es gab vier weitere Kategorien mit jeweils geringerem Tarmstedt-Bezug.

Der Quadratmeterpreis hat mit 98,50 Euro einen Rekordwert für Tarmstedt erreicht, und trotzdem soll er gerade so die Kosten decken, hört man?

Das Problem ist, dass wir 2018 den Kaufpreis der Grundstücke berechnet haben. Seitdem haben sich aber die Baukosten für die Erschließung des Gebiets sehr erhöht. Für den zweiten Bauabschnitt werden wir den Preis wohl neu kalkulieren müssen. Das steht für den 14. Januar im Verwaltungsausschuss an. Im Kaufpreis soll ja ein Infrastrukturkostenbeitrag, zum Beispiel für die Kita, mit drin sein.

Kommt die Gemeinde mit dem Kita-Ausbau nach?

Ja. Schon beim letzten Baugebiet Dammwischkamp war uns klar, dass wir was machen müssen. Wie Sie schon mehrfach berichtet haben, erweitert das DRK den Kindergarten am Fasanenweg. Dafür hat die Gemeinde erstmals ein Grundstück per Erbpacht zur Verfügung gestellt.

Wie beurteilen Sie die Übernahme der Kita-Trägerschaft durch das Rote Kreuz? Da gab es ja durchaus Vorbehalte.

Das hat sich mittlerweile ganz gut eingespielt. Vor allem für unsere Verwaltung ist die DRK-Trägerschaft eine große Erleichterung, denn das DRK kümmert sich darum, dass der Betrieb läuft, kann bei Personalengpässen Ersatz schicken und bietet eine sehr gute Fachberatung für unsere beiden Kindergärten.

Wie genervt sind Sie vom Coronavirus?

Schon sehr. Um die Kontakte zu reduzieren, können weder meine Stellvertreterinnen Hella Rosenbrock und Hannelie Aßmann noch ich Geburtstagsbesuche bei unseren betagten Bürgern machen. Auch goldene und diamantene Hochzeiten wurden, wenn überhaupt, im kleinen Kreis gefeiert. Die von Ratsmitgliedern organisierte Seniorenweihnachtsfeier der Gemeinde, an der sonst bis zu 260 Menschen teilnehmen, wurde abgesagt, ebenso die Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag, die Weihnachtsfeiern von DRK und Sozialverband sowie unser Weihnachtsmarkt. Das ist schon sehr traurig, ging aber nicht anders. Es war richtig, dass diese Entscheidungen frühzeitig getroffen wurden.

Hat es Sie oder jemandem aus Ihrer Familie erwischt?

Zum Glück nicht. Wegen der Pandemie war Weihnachten diesmal speziell. Normalerweise wären meine Tochter und ich nach Kanada zu meiner anderen Tochter geflogen, die dort mit Mann und ihren beiden Söhnen lebt. Das ging natürlich nicht. Auch fallen Sportgruppe und Chorproben aus, und mit Freunden und Nachbarn kommuniziere ich elektronisch. Fraktionssitzungen laufen über Zoom, ebenso Spieleabende mit Freunden und den Töchtern.

Kaum einer in Tarmstedt mag sich vorstellen, dass Sie sich in diesem Jahr aus der Politik zurückziehen und nicht mehr Bürgermeister sein wollen. Haben Sie sich das denn gut überlegt?

Ich bin jetzt 75 Jahre alt und seit fast 15 Jahren Bürgermeister. Jetzt müssen mal neue Leute ran, mit neuen Ideen und neuen Schwerpunkten. Wo sollen denn sonst Innovationen herkommen? Die Arbeit im Gemeinderat, dem ich seit 1985 angehöre, hat sehr viel Spaß gemacht, und auch Bürgermeister bin ich sehr gerne. Und wir haben auch einiges bewegt. Allein die Dorferneuerung von 2007 bis 2015 hat Tarmstedt ganz schön nach vorn gebracht. Poststraße, Jan-Reiners-Platz, Bauernreihe und Friedhof wurden neu gestaltet, 1,8 Millionen Euro sind da reingeflossen, davon 1,1 Millionen vom Land. Der Arbeitskreis, der sich daraus entwickelt hat, hat eigene Projekte umgesetzt, beispielsweise die Kulturmeile, das Jan-Reiners-Eck mit dem kurzen Schienenstück und ganz viele Pflanzmaßnahmen.

Mit Blick auf die vielen Neubaugebiete: Ist Tarmstedt denn noch ein Dorf?

Ja, aber nicht mehr so wie vor 50 Jahren, wir haben jetzt fast 4000 Einwohner. Es dauert manchmal etwas, bis Zugezogene sich heimisch fühlen. Dafür sorgen unsere lebendigen Vereine, wie etwa der TuS, das DRK, die Schützen und die Feuerwehr. Am Erntefest und erst recht an der Tarmstedter Ausstellung merkt man, dass das Veranstaltungen des gesamten Dorfs sind. Da stehen die Menschen dahinter und machen mit.

Der ungesteuerte Bau von Mehrfamilienhäusern im Bereich der Wilstedter Straße verändert gerade den dörflichen Charakter.

Wir nehmen diese Veränderungen wahr. Die Verdichtung führt zu mehr Versiegelung, und oft gibt es Probleme mit parkenden Autos. Im Moment haben wir aber keine Handhabe dagegen, weil es dort keinen Bebauungsplan gibt. Die Lösung des Problems könnte ein Dorfentwicklungsplan sein, den die Gemeinde mit Hilfe von Fachplanern beabsichtigt aufzustellen. Das wird eine Riesenaufgabe für die Gemeinde in den nächsten Jahren.

Bei Starkregen steht die Poststraße unter Wasser.

Dieses Problem besteht in der Tat schon lange. Wie gehen es nächstes Jahr an, wir wollen 10 000 Euro für Planungskosten bereitstellen, um den Kanal in der Poststraße zu erweitern. Probleme mit dem Regenwasser haben wir auch am Weidedamm und in der Eichenstraße, wo es keinen Kanal gibt.

Sie hören auf, und Frank Holle tritt als Gemeindedirektor ebenfalls ab. Was soll nun aus Tarmstedt werden?

Ich habe keine Sorge, das wird schon weitergehen, wenn der Gemeinderat wie in den vergangenen 15 Jahren zielorientiert arbeitet. Wenn es unterschiedliche Auffassungen gab, haben wir diese Dinge in interfraktionellen Sitzungen besprochen und vernünftig, das heißt ohne parteipolitische Auseinandersetzungen, gelöst. Jeder kann sich einbringen, weil alle Ratsmitglieder auf dem gleichen Informationsstand sind. Daher bin ich zuversichtlich, dass der Gemeinderat 2021 aus seiner Mitte einen neuen Bürgermeister oder Bürgermeisterin wählt, der oder die die volle Unterstützung des gesamten Rates bekommen wird. Mir war eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Verwaltung, insbesondere mit Verwaltungschef Holle und dem Bauamt, wichtig.

Apropos Information und Transparenz: Ein Ratsinformationssystem wie in den Nachbargemeinden Grasberg oder Worpswede gibt es immer noch nicht.

Das ist vor allem Sache der Samtgemeinde. Ich weiß nicht, woran es hapert.

Werden sich genügend Kandidaten für den Gemeinderat finden?

Davon gehe ich fest aus. Wir versuchen, das Interesse von jungen Menschen für die Kommunalpolitik zu wecken, indem wir eine lebendige und offene Ratsarbeit machen. Mehr machen kann man immer, vielleicht sollte die Gemeinde mehr mit der KGS kooperieren, um in Arbeitsgemeinschaften die Bedeutung von Kommunalpolitik als Pfeiler der Demokratie zu thematisieren. Ein guter Ansatz ist auch, junge Leute anhand von konkreten Projekten einzubeziehen. So hat sich eine Gruppe gefunden, die sich für eine Mountainbike-Strecke in Tarmstedt einsetzt.

Was wird aus der Tarmstedter Ausstellung, wenn sie auch 2021 nicht wie gewohnt stattfinden kann?

Drei Szenarien gibt es: Eine Ausstellung wie 2019, mit einem Rekordbesuch von 117.000 Menschen und 57.000 Euro Überschuss, ist unrealistisch. Bleiben die Totalabsage oder, was Aufsichtsrat und Geschäftsführung favorisieren, eine eingeschränkte Ausstellung unter Corona-Bedingungen, also ohne Zelte, aber mit der Bespielung des großen Freigeländes. Wir hoffen, dass wir dann 2022 wieder eine normale Ausstellung machen können. Wie wichtig diese Veranstaltung für die ganze Region ist, zeigt der vom Landkreis zugesagte Zuschuss in Höhe von 90.000 Euro. Ebenfalls mit insgesamt 90.000 Euro unterstützen Gemeinde und Samtgemeinde die Ausstellungs-GmbH. Zusätzlich plant die Gemeinde im Haushalt 2021 ein Überbrückungsdarlehen ein.

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf 2021?

Ich bin zuversichtlich und habe große Hoffnung, dass wir diese Corona-Geschichte überwinden und spätestens im Herbst 2021 zu unserem normalen Leben zurückfinden. Ich würde mich unglaublich freuen, wenn meine beiden Enkel aus Kanada ihre Sommerferien wie gewohnt bei mir in Tarmstedt verbringen könnten. Ich telefoniere zweimal die Woche mit ihnen und ihren Eltern, und einmal pro Woche sehen wir uns auf Zoom. Allen Tarmstedterinnen und Tarmstedtern wünsche ich für das Jahr 2021 viel Zuversicht, alles erdenkliche Gute, Glück und Gesundheit.

Das Interview führte Johannes Heeg

Info

Zur Person

Wolf Vogel (75) ist seit 2006 ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Tarmstedt. Der gelernte Landwirt und Diplom-Verwaltungswirt will sich 2021 von der Kommunalpolitik zurückziehen.

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