Radwege mit Unterbrechung im Kreis Rotenburg

Der lange Weg zum „Fahrradland“

Bundesverkehrsminister Scheuer will Deutschland zum „Fahrradland“ machen. Ein Blick in die Praxis zeigt, dass der Fortschritt hier eine Schnecke ist: Zu bestehenden Radwegelücken kommen sogar neue hinzu.
27.04.2021, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Heeg

Landkreis Rotenburg. Deutschland solle zum „Fahrradland“ werden. Das sagte jetzt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer bei der Vorstellung seines nationalen Radwegeplans, in dem von Radschnellverbindungen die Rede ist und überhaupt von ganz vielen neuen Radwegen. Schöne Worte, mag so manche Radfahrerin und so mancher Radfahrer aus der Region denken - viele wären schon froh, wenn die vorhandenen Radwege verbessert und endlich die unliebsamen und gefährlichen Lücken geschlossen würden.

Ob das mit dem Scheuer-Plan gelingt? Die Wirklichkeit im Jahr 2021 ist kompliziert, was an einer Art moderner Kleinstaaterei liegt. Seit 2015 gibt es einen Radweg an der Kreisstraße von Otterstedt nach Dipshorn, der genau an der Kreisgrenze Verden/Rotenburg endet. 1300 Meter fehlen auf Rotenburger Seite, bis heute. Entstanden ist eine Lücke, die von Radfahren als sehr gefährlich empfunden wird: Der Radweg wird an seinem Ende im rechten Winkel auf die Kreisstraße geführt, die sich die Radfahrer von dieser Stelle an bis Dipshorn mit Autos, Lastwagen und Bussen teilen müssen. „Morgens und abends im Berufsverkehr ist es besonders gefährlich, weil es auch noch dunkel ist“, sagt etwa Jürgen Grimmelijkhuizen, der täglich mit dem Rad von Wilstedt nach Otterstedt zur Arbeit pendelt. Eine Situation sei so brenzlig gewesen, dass er auf dem Seitenstreifen angehalten habe: „Da fuhren im Überholverbot zwei Autos nebeneinander auf mich zu.“

Eine ähnliche Wegeführung wurde im vorigen Jahr zwischen Otterstedt und Reeßum geschaffen. Auch dort endet ein komfortabler Radweg auf Verdener Seite exakt an der Kreisgrenze, und die Radfahrer werden dort auf die Straße geleitet. Frage ans Land Niedersachsen, das den Bau von Radwegen durch seine Zuschüsse überhaupt erst ermöglicht: Kann das nicht besser koordiniert werden? Laura Gosciejewicz, stellvertretende Pressesprecherin des niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, sagt dazu: „Zu den Radweglücken zwischen Dipshorn und Otterstedt sowie zwischen Otterstedt und Reeßum oder zu möglichen Planungen für einen Lückenschluss kann ich Ihnen nicht weiterhelfen, da sowohl für die Planung als auch für den Bau von neuen Radwegen die Landkreise zuständig sind.“

Frage also an den Landkreis Rotenburg: Wie kann es sein, dass immer wieder Radweglücken entstehen? Warum gibt es kein koordiniertes Vorgehen der Landkreise? Pressesprecherin Christine Huchzermeier: „Jeder plant nach seinen eigenen Prioritäten unter Berücksichtigung jeweils unterschiedlicher Kriterien und insbesondere in Abhängigkeit von den jeweiligen finanziellen und personellen Möglichkeiten.“ Der Landkreis Rotenburg habe sein eigenes Bewertungssystem als Grundlage einer Prioritätenliste für Radwege. Berücksichtigt würden dabei die Unfallhäufigkeit, die Verkehrsstärke, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit sowie die Nutzung als Schulweg oder als touristische Route. Aus dieser Priorisierung ergibt sich ein möglicher Baubeginn. Benachbarte Landkreise stünden bei der Planung von Radwegen bis an die Kreisgrenze im Informationsaustausch. Leider klappe es nicht immer, dass ein benachbarter Landkreis das entsprechende Anschlussstück ebenfalls für das Förderprogramm des Landes gemeldet habe. Huchzermeier: „In Abhängigkeit von der Priorisierung kann es mehrere Jahre dauern, bis der Lückenschluss tatsächlich erfolgt.“

Was nun den Radweg Dipshorn-Otterstedt angeht, heißt es vom Landkreis Rotenburg: Der Radweg entlang der K 146 von Dipshorn bis zur Kreisgrenze befinde sich auf der Radwegeprioritätenliste des Landkreises derzeit auf Platz 2 und werde daher voraussichtlich in den Jahren 2022/2023 gebaut werden können. Der Radweg an der K 242 von Reeßum zur Kreisgrenze in Richtung Otterstedt liege nach dem aktuellen Stand auf Platz 5. Mit einem Baubeginn sei daher nicht vor 2025 zu rechnen. Mit zeitlichen Verschiebungen sei zu rechnen. Und zur Radweglücke zwischen Vorwerk und Otterstedt äußert sich der Kreis Rotenburg so: „Für die Landesstraße 132 von Vorwerk bis zur Kreisgrenze ist das Land Niedersachsen als Straßenbaulastträger verantwortlich. Im zuletzt 2016 fortgeschriebenen Radwegekonzept des Landes befand sich der Radweg entlang der L 132 von Otterstedt über die Kreisgrenze nach Vorwerk auf dem 7. Rang. Zum aktuellen Planungsstand liegen dem Landkreis keine Informationen vor.“ Aus dem Verkehrsministerium heißt es dazu, die Radweglücke zwischen Vorwerk und Otterstedt befinde sich im vordringlichen Bedarf im Radwegkonzept.

Mit Radweglücken hat Vorwerks Bürgermeister Thomas Müller bereits reichlich Erfahrungen: Neun Jahre hat es gedauert, bis der Radweg zwischen Quelkhorn und Buchholz vollendet werden konnte. Auch dort war einst an der Kreisgrenze Schluss. Daher hat die Gemeinde damals sogar die benötigten Grundstücke gekauft, um die Sache voranzubringen. Im Fall Dipshorn sei die Sache allerdings noch dringlicher, weil die Kreisstraße dort schmaler sei als bei Buchholz und zudem durch einen Wald führe: „Das bedeutet eine größere Gefahr für Radfahrer“, so Müller.

Info

Zur Sache

Millionen Euro für Radwege

Das Land Niedersachsen nimmt nach eigenen Angaben viel Geld in die Hand, um Radwege zu bauen oder deren Bau zu ermöglichen, indem Landkreise Zuschüsse bekommen. Auf Grundlage des Radwegekonzeptes 2016, das zusammen mit den Kommunen entwickelt wurde, seien an Landesstraßen 144 Radwege-Projekte mit einer Länge von 461 Kilometern und einem Investitionsvolumen von über 100 Millionen Euro im vordringlichen Bedarf, so Pressesprecherin Laura Gosciejewicz. Dazu gehöre auch die Radweglücke zwischen Vorwerk und Otterstedt.

Dem Land Niedersachsen liege sehr viel an einer sicheren, bedarfsgerechten Fahrradinfrastruktur. Daher fördere das Land kommunale Radwegprojekte mit Mitteln des Niedersächsischen Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (NGFVG). Das gelte nicht nur für die sogenannten Radschnellwege, sondern auch für Radwege an Kreis- und Gemeindestraßen. Hier stelle das Land für 2021 insgesamt 75 Millionen Euro bereit. Damit könnten auch kommunale Radwegprojekte gefördert werden, von denen in der Regel zehn bis 14 Millionen Euro von Kommunen beantragt werden. Aus dem Sondervermögen Radschnellwege stünden weitere rund 12 Millionen Euro für die Förderung von Kommunale Radschnellwegen zur Verfügung. Und aus dem Corona-Nachtragshaushalt stünden für die Jahre 2020 bis 2022 insgesamt noch einmal 20 Millionen Euro für Radwege an Landesstraßen inklusive der Förderung von Lastenrädern zur Verfügung. Davon stehen 15 Millionen Euro für die Erhaltung und den Neubau von Radwegen an Landesstraßen in den Jahren 2020 bis 2022 bereit.

Zusätzlich stelle der Bund durch das Sonderprogramm „Stadt und Land“ bis Ende 2023 weitere 65 Millionen Euro zum Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur in Niedersachsen zur Verfügung.

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