„Rotenburger Abstände“ gefordert

Gegenwind aus der Nachbarschaft

Anlieger aus Vorwerk und Bötersen wollen nicht, dass im benachbarten Benkel 246,6 Meter hohe Windräder errichtet werden.
06.02.2021, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Heeg
Gegenwind aus der Nachbarschaft

Wollen keinen Windpark in Benkel (von links): Karen Wahlers, Christiane Wahlers, Lukas Marherr und Guido Bruns am Vorwerker Friedhof. Weit draußen im Dunst stehen 35 Meter hohe Eichen, die von den 246 Meter hohen Windrädern weit überragt würden.

Christian Kosak

Vorwerk. Die NWind GmbH aus Hannover hat Großes vor in der Nähe der kleinen Ortschaft Benkel. Der Projektentwickler will nordwestlich des Dorfes im Kreis Verden drei Windräder aufstellen, jeweils mit einer Nabenhöhe von 166,6 Metern, einem Rotordurchmesser von 160 Metern und somit einer Gesamt-Anlagenhöhe von 246,6 Metern. Während der Ottersberger Umweltschutz- und Landschaftspflegeausschuss und der Ortsrat Otterstedt das Projekt einmütig befürworten, regt sich in Vorwerk im Nachbarlandkreis Rotenburg Protest.

Christiane Wahlers vom Mühlenhof am Ortsrand von Vorwerk sagt, sie habe nichts gegen erneuerbare Energien. Doch die geplanten Anlagen sprengten jegliche Dimensionen, seien schlicht unverträglich. Um zu verdeutlichen, was sie meint, bittet sie zum nahe gelegenen Friedhof. Von dort sieht man in der Ferne einen Wald aus ausgewachsenen Eichen, 200 bis 250 Jahre alt vielleicht und 35 Meter hoch. Sie sagt: „Und jetzt stellen Sie sich mal dahinter die Windräder vor, die diese Bäume um 200 Meter überragen.“ Der Balkon ihrer Ferienwohnung liegt in südöstlicher Richtung, ermögliche also einen direkten Blick auf die Windräder. Sie glaubt nicht, dass ihre Gäste das gut finden werden.

Lukas Marherr, ihr künftiger Schwiegersohn, der seit vier Jahren auf dem Hof lebt, sieht das genauso. Ginge es nach ihm, dürften die Anlagen schon deshalb nicht genehmigt werden, weil sie viel zu dicht an Vorwerk geplant seien. Einer der Windtürme wäre nur 750 Meter vom Mühlenhof entfernt, dabei betrage im Kreis Rotenburg der Mindestabstand 1000 Meter. Nils Niescken, Geschäftsführer von NWind, betont indes auf Anfrage, dass alle Grenzwerte des Landkreises Verden eingehalten würden. Gleiches gelte auch für die Belastung mit Lärm und Infraschall. Marherr: „Das ist doch ein Unding, dass wir im Nachbarkreis darunter leiden sollen, dass Verden geringere Abstände zulässt.“ Seinen Angaben zufolge würden die Windräder näher an Vorwerk platziert als an Benkel.

Und ein weiterer Grund spreche gegen diesen Windpark: „Die vorgesehene Fläche liegt inmitten von Biotopen, Landschaftsschutz- und Naturschutzgebieten“, sagt Guido Bruns aus Bötersen, der in Vorwerk und Benkel Wald besitzt. Sollte der Landkreis Verden den Windpark genehmigen, würde er praktisch gegen seine eigenen Verordnungen verstoßen, sagt der Forstwirt. Im Verdener Raumordnungsprogramm werde der Standort Benkel als ungeeignet bezeichnet. Zu Recht, sagt Bruns, denn das Landschaftsschutzgebiet „Obere Beekeniederung“ liege nur 120 Meter von den geplanten Windrädern entfernt. „Das Gebiet ist von landesweiter Bedeutung für die Brutvögel, das hat der Landkreis Verden selbst festgestellt“, sagt Lukas Marherr. Guido Bruns zeigt ein Schreiben des Landkreises Rotenburg, in dem davon die Rede ist, dass in der fraglichen Region ein „vernetztes System naturnaher Lebensräume für Pflanzen und Tiere“ geschaffen werden solle. Er fragt sich: „Soll denn die Vernetzung an der Kreisgrenze aufhören?“

Unterstützung bekommen die Vorwerker aus dem Rotenburger Kreishaus. „Der Landkreis Rotenburg nimmt die Sorgen der Anwohner des geplanten Windparks sehr ernst. Sie werden von mir ganz überwiegend geteilt“, so Landrat Hermann Luttmann in einem Schreiben an Christiane Wahlers. Der Landkreis Rotenburg habe gegenüber dem Landkreis Verden aus Gründen des Artenschutzes und des Landschaftsbildes erhebliche Bedenken geäußert und eine Umweltverträglichkeitsprüfung gefordert.

NWind-Chef Niescken bestätigt auf Anfrage, dass sein Benkeler Projekt tatsächlich einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen werde. Das habe eine umfassende Beteiligung der Öffentlichkeit zur Folge. Die Planungsunterlagen würden demnächst öffentlich ausgelegt, und jeder könne seine Bedenken äußern. Niescken räumt ein, „dass man die Windräder sehen wird, das ist klar. Auch sie sind Teil der Energiewende.“ Das Potenzialgebiet unmittelbar an der Rotenburger Kreisgrenze sei rund 22 Hektar groß, der erwartete Energieertrag belaufe sich auf mehr als 50.000 Megawattstunden im Jahr, wodurch laut Niescken fast 12.000 Vier-Personen-Haushalte versorgt werden könnten.

„Wir sind auch für die Energiewende“, sagt Lukas Marherr. „Aber so, wie das hier gemacht werden soll, finden wir das nicht richtig.“ Die Vorwerker fühlten sich „nicht mitgenommen“. Überdies gehörten „solche Riesen-Anlagen“ ins Meer oder in Industriegebiete, aber nicht in die unberührte Natur.

Vorwerks Bürgermeister Thomas Müller sagt, er habe mit dem Landkreis Verden telefoniert und sich nach dem Stand des Verfahrens erkundigt. Dieses stehe noch am Anfang, und die Gemeinde sei noch nicht zu einer Stellungnahme aufgefordert worden. Persönlich sei er dafür, dass auch beim Benkeler Projekt die „Rotenburger Abstände eingehalten werden müssten“, schließlich sei Vorwerk sehr stark von den Auswirkungen betroffen. Müller betont aber auch: „Ich hätte in der Gemeinde Vorwerk gerne einen Windpark. Die Steuereinnahmen täten der Gemeinde gut.“

Info

Zur Sache

Benkeler Turbinen Thema im Horstedter Gemeinderat

Das Benkeler Windkraftprojekt ist am kommenden Montag, 8. Februar, Thema im Rat der Gemeinde Horstedt. Bürgermeister Michael Schröck hat zwei Vertreter des Projektentwicklers NWind eingeladen. Geschäftsführer Nils Niescken und Projektleiter Detlev Voigt werden das Vorhaben in einem halbstündigen Vortrag vorstellen, danach werden sie Fragen dazu beantworten. Die Gemeinde Horstedt ist selbst von dem Windpark betroffen, denn sie ist Eigentümerin mehrerer Flächen in dem Gebiet. „Wir hätten Pachteinnahmen von rund 10.000 Euro im Jahr zu erwarten, wenn die Windräder aufgestellt werden“, so Schröck.

Die öffentliche Ratssitzung beginnt um 19.30 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus Winkeldorf, Ottersberger Weg 4-6. Aus Gründen des Infektionsschutzes ist die Zahl der Zuhörerplätze begrenzt, die Gemeinde bittet daher um Voranmeldung unter Telefon 04288/928978 oder per E-Mail an gemeinde.horstedt@ewe.net.

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