Flugplatz Westertimke

„Man fliegt ja nicht jeden Tag“

Beim Tag der offenen Tür auf dem Westertimker Flugplatz können Gäste nicht nur mitfliegen, sondern auch viel Wissenswertes am Boden erfahren. Zum Beispiel, warum Drohnenpiloten besser im Sitzen navigieren.
09.09.2019, 11:58
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Johannes Kessels
„Man fliegt ja nicht jeden Tag“

Pilot Frank Bremer nahm Passagierin Sophie Gatzke mit in den Himmel über Westertimke.

Johannes Kessels

Westertimke. Beim Aufsteigen kribbelte es ein wenig im Bauch, aber schon sehr bald kann Sophie, zehn Jahre alt, sich vorkommen wie eine alterfahrene Luftkapitänin, wenn auch hinten auf dem Beifahrersitz. Die Airbus-Segelfluggemeinschaft Bremen hatte zum Tag der offenen Tür auf ihren Westertimker Flugplatz eingeladen, und wer 20 oder 35 Euro locker hatte, konnte eine Runde mitfliegen, nur mit dem Wind oder unterstützt mit Hilfsmotor.

Wer gedacht hatte, vom Park- zum Flugplatz würden die Riesenmenschenmengen strömen, sah sich enttäuscht, aber es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. „Wir machen hier ja keine Show mit Mordstheater, sondern wollen unseren Sport vorstellen“, sagt Rolf Struckmeyer, der Vorsitzende des Vereins, der vor zwei Jahren aus der Fusion der Segelfluggruppe Bremen mit Flugplatz in Westertimke und der Airbus-Weserfluggemeinschaft Lemwerder entstanden ist, nachdem diese ihren Flugplatz verloren hatte.

Am frühen Nachmittag ist der Besuch aber doch recht zahlreich, zum Mitfliegen muss man eine Stunde warten. Dabei konnten sich die Besucher gut die Zeit vertreiben. Ein LS 8, ein Hochleistungsflugzeug der Standardklasse, lässt sich von einem Motorsegler in die Lüfte ziehen, beide Flugzeuge kreisen ein paarmal über dem kleinen Wäldchen, über die Lautsprecher, die am Rand des Starterfelds stehen, ist vom Piloten die Ansage „350 Meter“ zu hören, und Tim Rühenbeck, Fluglehrer und Elektronikspezialist des Vereins, muss prompt eine erstaunte Frage beantworten: Seit wann misst man in der Luftfahrt die Höhe in Metern? Das ist im Segelflug normal, erklärt er. Aber Segelflieger müssen auch in englischen Fuß rechnen können, weil so alle Flugkarten beschriftet sind. Noch etwas höher, und dann schießt das LS 8 mit 280 Sachen kreuz und quer über den Platz und zieht lange weiße Streifen hinter sich her. Das ist das Ballastwasser, das es aus seinen Tanks ablässt, ungefähr 120 Liter. Aber bis es unten ankommt, ist es anscheinend schon verdunstet. Ballastwasser wird mitgeführt, weil ein Segelflugzeug bei höherem Gewicht schneller und weiter fliege, sagt Rolf Struckmeyer.

Zwischendurch steigt mal wieder ein Segelflugzeug auf, das von einer Winde an einem 100 Meter langen Seil hochgezogen wird, dann ist der Luftraum wieder für eine Weile frei und gehört jetzt Jean-Christopher Hennig. Der Student aus Göttingen, der Westertimke kennt, weil seine Freundin aus Breddorf kommt, bleibt beim Fliegen am Boden, er fliegt nämlich eine Drohne – eine FPV-Racingdrohne, wobei FPV für „First Person View“ steht. Der vierflügelige Quattrokopter wird über Fernbedienung gesteuert, der Pilot sieht aber über seine Brille das, was jemand sehen würde, wenn er an Bord wäre. Vorsichtshalber hat Jean-Christopher Hennig sich auf einen Campingstuhl gesetzt. „Daran erkennt man den FPV-Flieger“, flachst seine Freundin. Es kann einen nämlich durchaus aus den Socken hauen, wenn man im Stehen mit 150 Kilometern pro Stunde durch einen Looping rast oder sich um die Längsachse dreht.

Damit muss Sophie aus Thedinghausen, zehn Jahre alt, nicht rechnen. Sie sitzt auf dem hinteren Sitz von Frank Bremers Segelflugzeug, und da geht es ordentlich zu. Nach zehn Minuten – Vater Sten Gatzke hat inzwischen verraten: „Die will morgen damit in der Schule angeben“ – ist Sophie wieder auf festem Boden. Abgefahren und cool sei es gewesen, meint sie, und, ganz abgeklärt: Das Steigen sei kribbelig gewesen. „Man fliegt ja nicht jeden Tag.“

Bei Familie Müller aus Reesum ist fraglich, ob sie heute überhaupt noch fliegt – oder nein, fährt. Müllers sind nämlich mit einem Heißluftballon angereist, der darf aber erst abends aufsteigen, wenn der restliche Flugverkehr beendet ist, und Vater Dunker Müller meint, es sei zu wenig Wind. „Wir kommen wohl nicht vom Platz weg.“ Tochter Katharina versucht es mit Physik für Fortgeschrittene, erbarmt sich aber dann des Fragestellers und drückt es etwas anschaulicher aus: „Segelflieger fliegen durch den Wind, Ballonfahrer fahren mit dem Wind.“

Für Jochen Albinger, der in einem Segelflugzeug mitflog, waren die Wind- und Sichtverhältnisse ideal. Natürlich führte die Runde über Bülstedt, das regiert er schließlich als Bürgermeister. „Zeven war stramm dunkel, da regnet es anscheinend“, sagt er. Aber dafür konnte er das Bremerhavener Containerterminal sehen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+