Singen als Virenschleuder

Corona-Cluster Westertimke wird größer

Im Kreis Rotenburg breitet sich das Coronavirus weiter aus. 57 der 68 Fälle haben mit der Christengemeinschaft Westertimke zu tun. Offenbar wurde der Erreger durch das Singen in Gottesdiensten verbreitet.
28.09.2020, 18:20
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Heeg
Corona-Cluster Westertimke wird größer

Berichteten über die Corona-Lage (von links): Heike von Ostrowski, Carmen Menzel, Gerd Hachmöller und Thorsten Lühring.

Heeg

Tarmstedt. Die Ausbreitung des Coronavirus im Landkreis Rotenburg schreitet weiter voran. 15 neue Fälle sind seit Freitag dazu gekommen. Sieben von ihnen haben offenbar einen Bezug zum Cluster rund um die Christengemeinschaft Westertimke, die das Gesundheitsamt mit 57 der aktuell 68 Corona-Fälle in Verbindung bringt. Die Krankheitsverläufe seien überwiegend leichter Natur, so die Behörde. Allerdings würden erstmals seit Langem wieder zwei Corona-Patienten im Krankenhaus behandelt, eine Person müsse sogar beatmet werden. Die beiden Klinik-Patienten hätten wohl nichts mit dem Westertimker Cluster zu tun, so Carmen Menzel, die Leiterin des Gesundheitsamtes.

Beim Landkreis geht man davon aus, dass sich das Coronavirus in mehreren Gottesdiensten der Christengemeinschaft in deren Räumen im Westertimker Gewerbegebiet ausbreiten konnte. Am 9., 11. und 13. September seien dort jeweils rund 80 Menschen über einen längeren Zeitraum zusammengekommen. Diese Menschen hätten wohl keinen Mund-Nasen-Schutz getragen, und, ganz wichtig: Sie hätten gesungen. Dazu müsse man wissen, so Carmen Menzel, dass beim Singen massenhaft virenhaltige Aerosole ausgeatmet werden, die so klein und leicht seien, dass sie auch über längere Zeit in der Luft schweben und sich in geschlossenen Räumen verteilen könnten. In kalter, feuchter Luft verteilten sie sich über mehrere Meter.

Laut einer aktuellen wissenschaftlichen Studie der Charité und der TU Berlin würden beim Singen bis zu 300-mal mehr Aerosole ausgestoßen als beim Sprechen. Diese Feststellung passe zu den Berichten über hohe Infektionsraten bei Chorproben in geschlossenen Räumen und zu den Ausbrüchen in den freikirchlichen Gemeinden in Frankfurt Mitte Mai 2020 mit über 200 Infizierten und Bremerhaven/Cuxhaven Ende Mai 2020 mit über 100 Infizierten und einem Todesfall. Dem Einwand der Glaubensgemeinschaft, dass das Singen in Kirchen durch keine Corona-Verordnung verboten sei, begegnet Menzel mit dem Hinweis, dass Veranstalter mit ihren Hygienekonzepten sicherstellen müssten, dass die Verbreitung des Virus verhindert werde. Die evangelische Landeskirche und das katholische Bistum Hildesheim beispielsweise hätten ihre Kirchengemeinden darauf hingewiesen, dass sie aufs Singen im Gottesdienst verzichten sollen.

„Das Hygienekonzept der Gemeinschaft war offenbar nicht ausreichend, um einen derartigen Ausbruch von Infektionen zu verhindern“, sagt die zuständige Dezernentin Heike von Ostrowski. Der Christengemeinschaft seien Gottesdienste bis zum 11. Oktober untersagt worden. Um danach wieder Versammlungen abhalten zu dürfen, müsse der Verein dem Landkreis ein schlüssiges Hygienekonzept zur Genehmigung vorlegen. Ob der Landkreis der Glaubensgemeinschaft ein Bußgeld auferlege, werde derzeit geprüft. Ein in den Sozialen Medien kursierendes Video eines Gemeindemitglieds, das einige Angriffe auf den Landkreis enthält, habe man zur Kenntnis genommen. Nun wolle man aber nach vorne schauen, „wir sind mit dem Vorstand im Gespräch“, so von Ostrowski. Dessen Kernaussage laute: „Sie hätten anders gehandelt, wenn ihnen die Gefährlichkeit des Singens bekannt gewesen wäre.“ Zur Frage, ob die Glaubensgemeinschaft mit dem Gesundheitsamt kooperiert habe, sagte Landkreis-Sprecher Gerd Hachmöller: „Es gab keine aktive Verweigerung, aber auch keine aktive Zusammenarbeit mit uns.“

Im Gegensatz zum bisherigen Infektionsgeschehen im Landkreis habe das aktuelle Cluster mit den damit verbundenen Quarantänemaßnahmen erhebliche gesellschaftliche Auswirkungen, so von Ostrowski. Viele Eltern stünden kurz nach der Wiederöffnung der Kindertagesstätten und der Rückkehr zum Regelbetrieb in den Schulen erneut vor Problemen mit der Betreuung ihrer Kinder und der Organisation des Alltags in den Familien. Im Interesse des Infektionsschutzes seien die Quarantänemaßnahmen aber unvermeidbar, um Infektionsketten zu unterbrechen.

Derzeit weist die Samtgemeinde Tarmstedt mit 28 Fällen die meisten im Landkreis Rotenburg auf. 16 Infizierte sind derzeit aus der Samtgemeinde Selsingen bekannt, 15 aus der Samtgemeinde Zeven. Im Zusammenhang mit dem Corona-Cluster um Westertimke seien zehn Schulklassen in Quarantäne geschickt worden: unter anderem die Klasse 4a der Grundschule Tarmstedt sowie neuerdings der gesamte 9. Jahrgang der KGS Tarmstedt. Betroffen seien auch die Grundschule Rhade sowie die BBS Zeven. Nach Reihentestungen sind, wie berichtet, zwei Gruppen des Kindergartens am Fasanenweg in Tarmstedt geschlossen worden.

Seit Bekanntwerden des neuen Clusters habe das Gesundheitsamt seine Ermittlungen und Untersuchungen intensiviert, so Carmen Menzel. In der vorigen Woche seien über 600 Abstrichuntersuchungen vorgenommen worden. Insgesamt befinden sich zurzeit mehr als 500 Kontaktpersonen sowie 43 Reiserückkehrer in Quarantäne. Seit Ausbruch der Pandemie seien 282 Corona-Fälle gezählt worden, 212 davon seien mittlerweile wieder genesen, zwei Personen sind verstorben.

Als Reaktion auf das aktuelle Geschehen sei das Gesundheitsamt durch weiteres Personal aus anderen Ämtern verstärkt worden. Die Mitarbeiter seien derzeit weit über die regulären Arbeitszeiten und auch am Wochenende im Einsatz. „Dadurch haben wir das Infektionsgeschehen im Landkreis derzeit noch unter Kontrolle“, sagt Menzel. Die Sieben-Tages-Inzidenz sei mit 33 zwar so hoch wie noch nie, liege aber noch unter dem kritischen Schwellenwert von 50 Infizierten pro 100 000 Einwohnern. Sollte der Wert weiter ansteigen, seien lokal begrenzte Maßnahmen bis hin zu Kontaktbeschränkungen in den am schlimmsten betroffenen Kommunen denkbar.

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