Tarmstedter Segelflugverein greift zur Säge

Eselsohren verbessern die Flugleistung

Die in Westertimke ansässige Airbus Segelfluggemeinschaft Bremen hat einen ihrer älteren Segelflieger in der eigenen Werkstatt optimiert.
02.07.2020, 20:47
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg
Eselsohren verbessern die Flugleistung

Kleine Ursache, große Wirkung: Ilona Kemme zeigt eines der beiden neuen Winglets an der LS 4. Die kleine Haifischflosse verhindert eine Wirbelbildung mit schädlichem Luftwiderstand am Flügelende.

Segelflugverein

Westertimke. „Ja, das kostet viel Überwindung, ein Stück vom Flügel abzusägen“, sagt Lars Hagemann. Trotzdem hat er es getan: Im vergangenen Winter hat er die beiden Flügelenden eines intakten Segelflugzeuges um jeweils gut zwanzig Zentimeter abgesägt. Das sei allerdings nicht aus blinder Zerstörungswut geschehen, so der Vorsitzende des Tarmstedter Segelflugvereins: „Das war eine lange geplante Aktion, die durchaus ihren Sinn hat.“

Wer im Urlauberjet aus dem Fenster sieht, blicke meist auf die hochgebogenen Flügelenden, erklärt Hagemann. Das sei keine Idee der Werbeabteilungen von Fluggesellschaften, die darauf oft ihr Logo oder einen Schriftzug aufbringen. Hintergrund sei vielmehr, dass sich während des Fluges auf der Oberseite einer Tragfläche ein Sog ausbildet und auf der Unterseite ein Druck. „Druck und Sog sind bestrebt, sich auszugleichen. Das gelingt ihnen nur am Ende der Tragfläche. Dort wird der Überdruck der Flügelunterseite vom Unterdruck auf der Oberseite angesogen und strömt um das Flügelende herum“, erläutert der Segelflieger.

Leider bilde sich dabei ein Wirbel, der viel Luftwiderstand erzeuge. Mehr Widerstand bedeute für den Urlauberjet einen höheren Treibstoffverbrauch und bei Segelflugzeugen verschlechterten sich die Gleitflugleistungen. „Besonders bei Streckenflügen ist das mehr als ärgerlich“, sagt Hagemann. Segelflieger an Technischen Universitäten hätten deshalb schon vor etwa 30 Jahren versucht, diese leistungszehrenden Wirbel zu verkleinern oder ganz zu verhindern.

Winglets früher nicht üblich

Ergebnis ihrer Versuche seien die hochgezogenen Flügelenden, so genannte Winglets, die einen Druckausgleich am Flügelende verhinderten und die Gleitleistung verbesserten. „Diese Erkenntnis wurde von der Industrie übernommen und fast jede Boeing und jeder Airbus fliegt heute mit den charakteristischen Eselsohren am Flügelende“, erklärt der Experte.

Die LS 4 der Tarmstedter Segelflieger sei ein älteres Modell, bei dessen Auslieferung Winglets noch nicht üblich gewesen seien. Erst seit Kurzem werde auch für dieses Muster eine nachträgliche Umrüstung auf Winglets angeboten. Den Anbausatz liefere der Hersteller des Flugzeuges, die erforderlichen Umbauten müssten die Vereine allerdings selbst machen. „Alte Enden absägen und neue dransetzen, das hört sich einfach an“, sagt Vereinskollege Oliver Koopmann „aber das ist es nicht. Die vom Hersteller gelieferten Winglets müssen noch genau an das abgesägte Flügelende angepasst werden, damit sie bündig mit dem Tragflächenprofil abschließen." Zudem müssten die Flügelenden verstärkt werden, um die im Flug entstehenden Kräfte aufnehmen können. Und schließlich müssten die Winglets für die Verladung der Flügel im Transportanhänger abnehmbar sein, ohne dass dadurch im Flug die Stabilität leide.

„Das ist etwas anderes, als ein Möbelmarkt-Regal zusammen zu stecken“, ergänzt Frank Bremer, ein weiterer Segelflieger aus dem Verein. Die Tarmstedter Segelfliegerinnen und Segelflieger sind froh, das alles in ihrer eigenen Werkstatt machen zu können. „Glücklicherweise haben wir für diese und andere Arbeiten an unseren Flugzeugen ausgebildete und geprüfte Mitglieder in unseren Reihen, die das sehr sorgfältig machen“, erklärt der Technische Leiter des Vereins, Sören Auen. Trotzdem schaue man auch diesen auf die Finger, denn am Ende müsse die Umrüstung einem vom Luftfahrt-Bundesamt beauftragten Prüfer vorgeführt werden. „Und der prüft mit pedantischer Genauigkeit. Nachlässigkeiten gehen da nicht durch.“

Mit behördlichem Segen

Das alles haben die Segelfliegerinnen und Segelflieger der Airbus Segelfluggemeinschaft Bremen nun aber hinter sich, ihr umgerüstetes Flugzeug hat den Segen der Behörde. Nachdem wegen der Infektionsschutzanordnungen auch der Flugbetrieb in Westertimke lahm gelegt war, habe die Segelflugsaison mit Verspätung begonnen. Dafür freuten sich die rund hundert aktiven Mitglieder des Vereins, dass sie mit der modernisierten LS 4 in die verbliebene Saison gehen konnten.

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