Tarmstedter Segelflugverein

Das Holzzeitalter ist passé

ASK 13 adé: Nach 38.000 Flügen hat der Tarmstedter Segelflugverein ein 51 Jahre altes Ausbildungsflugzeug nach Südfrankreich verkauft.
10.03.2021, 13:00
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Von Johannes Heeg
Das Holzzeitalter ist passé

ASK 13 adé: Rolf Struckmeyer von der Airbus Segelfluggemeinschaft (links) und der Käufer Enno Adema vom Centre Savoyard des Vol á Voile Alpin.

Segelfluggemeinschaft

Westertimke. Auf dem Segelflugplatz in Westertimke ist eine Ära zu Ende gegangen – das Zeitalter der vollständig oder teilweise aus Holz gebauten Segelflugzeuge. Die Airbus-Segelfluggemeinschaft Bremen hat sich von ihrem Schulungsdoppelsitzer ASK 13 getrennt. Das liege nicht etwa daran, dass der Holzbock in den Flügeln wüte, heißt es vom Verein. Der Flieger habe wie jedes der Flugzeuge in jedem Winter die Jahreswartung in der vereinseigenen Werkstatt durchlaufen, erklärt der Technische Leiter des Vereins, Sören Auen.

Dabei seien die Techniker geradezu pedantisch, selbst kleinsten Auffälligkeiten gehe man auf den Grund. Auch minimale Schäden würden ausgebessert, bevor im Frühjahr ein vom Luftfahrtbundesamt beauftragter Prüfer das Flugzeug für die folgende Saison freigebe. "Dadurch haben unsere Flugzeuge einen technischen Zustand wie bei ihrer Auslieferung aus dem Werk“, sagt Auen. Bei der ASK 13, die von einem bekannten Hersteller aus Poppenhausen in der Rhön gebaut wurde, sei das nun schon immerhin 51 Jahre her.

Das Flugzeug sei zwar praktisch wie neu, aber doch ein wenig aus der Zeit gefallen, erklären die Segelflieger. „Es gibt ja weder Motor noch Getriebe oder anderes, was irgendwann einen irreparablen Schaden nehmen könnte. Aber wir müssen mit der Zeit gehen. Fahrschulen bilden schließlich auch nicht mehr auf dem VW-Käfer aus“, sagt der Ehrenvorsitzende Rolf Struckmeyer. Also habe der Verein die betagte ASK 13 per Anzeige angeboten, und gleich mehrere Kaufinteressenten hätten sich gemeldet. "In Frankreich ist das Muster noch sehr beliebt, und so hat es uns nicht gewundert, dass ein französischer Verein nicht lange zögerte und das Flugzeug kaufte. Es geht nach Challes Les Eaux in Südfrankreich.“

Jetzt, im reiferen Alter, werde die ASK 13 dort ganz neue Erfahrungen machen, sagen sie sich in Westertimke. Zum Beispiel die, dass eine steife Brise in Norddeutschland nur ein laues Lüftchen ist im Vergleich zum stürmischen Mistral, der im Frühjahr durchs Rhonetal bläst. „In Frankreich wird sie noch eine lange zweite Jugend vor sich haben", ist sich der Fluglehrer und Vorsitzende Lars Hagemann sicher. „Wir sind überzeugt, sie in gute Hände gegeben zu haben. In ihrem neuen Zuhause werden noch viele Pilotinnen und Piloten tolle, erlebnisreiche Flüge über den französischen Alpen mit ihr machen. Au revoir, altes Schlachtross.“

In Deutschland war der Segelflieger, der Tragflächen aus Holz und einen Rumpf aus einem bespannten Stahlrohrgerüst hat, bei mehr als 38.000 Flügen in der Luft. „Und das waren alles Schulflüge, auf denen das Material nicht geschont wurde“, sagt Hagemann. „Da war auch schon mal die eine oder andere harte Landung dabei. Aber das steckt sie gut weg. Die ASK 13 ist gutmütig und robust. Ein ideales Schulflugzeug.“ Auf diesem Flugzeug hätten viele Flugschülerinnen und Flugschüler ihre ersten Alleinflüge gemacht und daher ganz besondere Erinnerungen an sie. Im Laufe ihrer 51 Flugzeugjahre müssen es einige hundert gewesen sein, die zum ersten Mal, ohne ihren vertrauten Fluglehrer hinter sich, ganz allein mit der ASK 13 in die Luft gegangen seien.

Der Verkauf des Schulflugzeugs bedeute aber keineswegs, dass es in Westertimke keine Flugausbildung mehr geben werde. "Damit wäre ja auch die Gemeinde um ein attraktives Sportangebot ärmer“, sagt Hagemann. Nach der Verschmelzung mit dem ehemaligen Segelflugverein aus Lemwerder habe der Verein gleich zwei adäquate Schulflugzeuge, die ebenso robust, einfach und sicher zu fliegen seien. Sie seien allerdings aus Kunststoff und passten damit viel besser zu den einsitzigen Flugzeugen, die die Schülerinnen und Schüler als nächste nach dem Doppelsitzer fliegen werden.

„Bei unserer guten Pflege hätte die ASK 13 noch jahrelang bei uns weiter fliegen können“, sagt der Ehrenvorsitzende Struckmeyer. Aus Erzählungen ostdeutscher Segelflieger wisse er, dass in der früheren DDR in die Jahre gekommene Schulflugzeuge als Feuerholz verwertet wurden. „In der ehemaligen DDR wurden die Flugzeuge nachweislich vernichtet, wenn eine bestimmte Flugstundenzahl erreicht worden war. Aufwändige Grundüberholungen leistete man sich dort nicht, und sie einfach nur in die Ecke zu stellen, kam nicht in Frage, denn womöglich hätte das jemanden zur Republikflucht verleiten können.“

Im Westen sei das immer anders gewesen, sagt Rolf Struckmeyer, „auch ältere Flugzeuge werden in technischem Top-Zustand gehalten."

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