Erfahrungen einer Wilstedterin Viele Briefe und kein Impfstoff

Die Wilstedterin Gisela Stangenberg möchte zusammen mit ihrem demenzkranken Mann gegen Covid-19 immunisiert werden. Doch im Anmeldesystem ist das nicht vorgesehen.
12.03.2021, 08:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg

Wilstedt. Gisela Stangenberg und ihr Mann Raymund gehören zur Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Impfpriorität. Sie ist 81 Jahre alt, ihr Mann ist 89, das Zevener Impfzentrum ist seit 15. Dezember einsatzbereit. Doch gegen das Coronavirus geimpft sind die beiden Wilstedter noch nicht. Wann es so weit sein wird? Kein Mensch kann es ihnen sagen.

Dafür haben Stangenbergs mittlerweile zehn Briefe aus dem Sozialministerium bekommen, alle ohne Datum, dafür mit Codes, mit denen sie einen Impftermin vereinbaren könnten. Und Gisela Stangenberg ist um manche Erfahrung reicher, auf die sie gerne verzichtet hätte: mit der Bürokratie, mit Telefonwarteschleifen und dem umständlichen Anmeldesystem, in dem es nicht vorgesehen ist, dass sie und ihr Mann einen gemeinsamen Impftermin bekommen. Dazu muss man wissen: Raymund Stangenberg ist schwer dement, seit fünf Jahren pflegt ihn seine Frau zu Hause.

Das ist der Grund, warum sie ihren Impftermin, der ihr nach mehreren Anläufen schließlich fest zugewiesen worden war, sausen ließ. „Am 4. März wäre meine erste Impfung gewesen, am 25. März die Zweitimpfung“, berichtet Gisela Stangenberg. „Ich habe im Impfzentrum angerufen und gefragt, ob ich meinen Mann gleich mitbringen könnte, damit er eben auch geimpft wird. Doch das sei nicht möglich, wurde mir gesagt, das liege am System.“ Das Problem sei, dass sie ihren Mann aufgrund seiner Pflegebedürftigkeit „nicht stundenlang zu Hause allein lassen“ könne, während sie sich in Zeven impfen lasse. Mitnehmen zum Impfzentrum könne sie ihn aber auch nicht. „Er dürfte nicht mit rein“, sagt sie. Erst neulich habe sich ihr Mann bei einem Sturz auf der heimischen Terrasse schwer verletzt, glücklicherweise sei er von einer Wilstedter Ärztin sofort untersucht und behandelt worden. In Bremen, das wisse sie von Freunden aus der Hansestadt, würden Fälle wie ihrer unkompliziert gehandhabt: „Da hieß es, bringen Sie Ihren Mann mal gleich mit“, berichtet Gisela Stangenberg.

Nun hoffe sie, dass bald die Hausärzte Covid-19-Schutzimpfungen verabreichen dürfen. Mitte April bis Mitte Mai solle das in Niedersachsen der Fall sein, das weiß Gisela Stangenberg aus den Nachrichten, die sie aufmerksam verfolgt. Von einer ihrer Enkelinnen, einer Ärztin, die in Wiesbaden lebt, weiß sie allerdings: „Dort kommt der Arzt schon jetzt ins Haus.“ Das wünsche sie sich auch für ihren Mann und für sich. Denn schon zu lange gehe das, „dass ich meine Kinder gar nicht mehr sehe“. Sie hätten ihre Kontakte extrem reduziert, berichtet die frühere Chefsekretärin, die früher bei Philips, Mercedes und zuletzt bei der Deutschen Bahn gearbeitet hat. Weihnachten und Silvester hätten sie zu zweit verbracht, und auch im Alltag vermeide sie Begegnungen, obwohl das sonst gar nicht ihre Art sei. „Wir gehen jeden Tag ein bis zwei Stunden spazieren, mein Mann mit dem Rollator, auf den er sich in den Pausen setzen kann, um sich auszuruhen“, erzählt sie. Sie sei sehr vorsichtig, trage stets eine Maske – auch zu Hause, wenn sie jemandem die Tür öffne.

Gut findet Gisela Stangenberg die Möglichkeit des Drive-in-Impfens, die der Landkreis am Sonnabend in Bremervörde anbietet. „Leider ist das nur für Bremervörder gedacht“, bedauert sie, „wir bräuchten hier bei uns auch so etwas.“ Überhaupt müsste das dezentrale Impfen vorangetrieben werden, denn immerhin seien es von Wilstedt aus gute 25 Kilometer bis zum Impfzentrum nach Zeven. Und dort kenne sie sich gar nicht aus. „Für ältere Menschen ist das gar nicht so einfach“, sagt sie. Ihr Vorschlag: „Man könnte doch in der Wilstedter Turnhalle impfen, die steht doch jetzt leer. Oder im Sportlerheim oder in der Schützenhalle.“

Unbedingt vereinfacht werden müsste die Online-Registrierung fürs Impfen. „Alte Leute sind damit total überfordert“, so die Einschätzung von Gisela Stangenberg. Sie selbst sei daran gescheitert, und nur dank ihres großen Freundeskreises, zu dem auch viele junge Menschen gehörten, habe die Anmeldung schließlich funktioniert. Und klar, auch die Verteilung des Impfstoffs hätte besser laufen müssen und müsste besser laufen. Als nach unzähligen Versuchen endlich ein Telefonat mit dem Impfzentrum zustande gekommen sei, „konnte ich zunächst keinen Termin bekommen, weil kein Impfstoff mehr da war“. Dabei sei sie aber niemandem persönlich gram, betont die 81-Jährige: „Ich habe Verständnis für die Schwierigkeiten, denn so eine Lage hatten wir noch nie.“

Einen Lieblingsimpfstoff hat Gisela Stangenberg auch: "Ich hätte am liebsten den von Johnson & Johnsen, den die EU gerade zugelassen hat. Damit muss man nur einmal geimpft werden. Außerdem muss das Präparat nicht tiefgefroren transportiert und aufbewahrt werden." Kühlschranktemperatur reiche aus.

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