Abholtage in Wilstedt

Olivenernte kann nur besser werden

Die Olivenöl-Abholtage in Wilstedt am Sonnabend und Sonntag, 4. und 5. Mai, stehen im Zeichen des Klimawandels: In einigen Anbauregionen gab es 2018 einen totalen Ernteausfall.
11.04.2019, 18:36
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Heeg
Olivenernte kann nur besser werden

Aus Andalusien kommen Olivenölerzeuger Jose Gálvez und seine Marketingleiterin Edurne Rubio nach Wilstedt.

Artefakt

Wilstedt. Besucher des Wilstedter Olivenölfests am Sonnabend und Sonntag, 4. und 5. Mai, haben die Wahl unter zwei unterschiedlichen Eintrittspreisen. Es gibt die normale Karte zu sechs Euro und das Soli-Ticket für acht Euro, das ein Gewinnspiel mit einschließt, bei dem Restaurantbesuche und Olivenöl-Sets verlost werden. Den freiwilligen Preisaufschlag begründet Veranstalter Conrad Bölicke so: „Die Olivenernte 2018 war die reinste Katastrophe. Alles, was schief gehen konnte, ist tatsächlich schief gegangen.“ Der erhoffte Solidaritätsbeitrag komme einer Kooperative in Apulien zugute, die einen Totalausfall zu beklagen habe. „Da hängen 800 Familien dran“, so Bölicke. Das Geld sei als symbolische Geste für die besonders betroffenen Erzeuger gedacht.

In zahlreichen Regionen des Mittelmeerraums sei es im vorigen Jahr zunächst ungewöhnlich kalt und später dann außergewöhnlich feucht gewesen. Nicht nur, dass ganze Hänge weggespült wurden. Durch das feuchte Klima hätten auch Pilze, Mehltau, Viren und Fruchtfliegen optimale Bedingungen vorgefunden. Vielfach sahen die Oliven unreif aus, waren aber längst reif, berichtet Bölicke, sodass vielerorts der richtige Erntezeitpunkt verpasst worden sei. Die wenigen Olivenbauern, die viele Oliven ernten konnten, hatten viele Maden in den Früchten. Folge: Erstmals werde es in diesem Jahr weniger Olivenöl guter und bester Qualität geben als nachgefragt werde, sagt Bölicke. Und: „Alle Erzeuger haben die Preise angehoben.“ Trotzdem werde seine Firma Artefakt 2019 wohl 20 000 bis 25 000 Euro weniger Umsatz machen, schätzt Bölicke.

Olivenölabholtage ohne Olivenöl also? So weit sei es noch nicht, betont der Artefakt-Chef. Alle Olivenölerzeuger seien in Wilstedt vertreten. Selbst die apulischen, die in diesem Jahr kein neues Öl anbieten können. Damit die Kooperative Emanuel De Deo und die Familie Lombardi trotzdem kleine Kostproben in ihren Pagodenzelten zubereiten können, „haben wir 200 Liter Öl aus der Ernte 2017 zurückgehalten“, erzählt Bölicke. Somit könnten die Besucher auch schmecken, dass das Öl wirklich zwei Jahre haltbar sei. Kompensiert würden die Ausfälle durch neue Erzeuger mit Olivenölen aus den Abruzzen, aus Umbrien und dem kroatischen Triest. Beim Olivenölfest werde es alle Öle aus dem Katalog geben, versichert Bölicke, auch jene, die im Versand bereits als ausverkauft angegeben werden. Derzeit sei in Wilstedt noch genügend Olivenöl verfügbar, allerdings sei es möglich, „dass wir im Dezember ausverkauft sind“. Er hoffe, dass das Olivenöljahr 2019 besser werde als 2018, „sonst wird's eng“.

Aus der Erntekatastrophe 2018 am Mittelmeer und dem heißen Sommer in Deutschland folgert Bölicke: „Wir sind bereits mitten drin im Klimawandel. Die Frage ist jetzt, wie wir darauf angemessen reagieren.“ Schadensminimierung sei angesagt. Nun gehe es darum, in den Olivenhainen Sturzbäche zu kanalisieren und das Mikroklima zu beeinflussen. Die Olivenbauern müssten sich mehr dem Boden zuwenden, so wie das Winzer machten. Zum Thema passend werde es auf dem Olivenölfest eine „Bodengalerie“ geben. Peter Gernandt und Christian Ahl, Wissenschaftler an der Georg-August-Universität Göttingen, führten Interessierte informativ und unterhaltsam in das Thema ein. Unter anderem werde es „Fühlkisten“ mit verschiedenen Bodenarten geben, beispielsweise Sand und Schluff. „Das Thema Boden und Bodennutzung wird die Überlebensfrage im Klimawandel werden“, ist Bölicke überzeugt, „das wird in der Gesellschaft diskutiert werden wie einst die Atomkraft.“

Wer das alles in Ruhe sacken lassen will, kann sich in Wilstedt beim „Olive Oil Street Food Market auf der Geest“ niederlassen. Anders als im Vorjahr wird dieser nicht von der Markthalle 8 bestückt, sondern von den „Bremer Stadtfabrikanten“. Das ist ein Verein, dem kleine, familiengeführte Manufakturen angehören, die ihre Lebens- und Genussmittel handwerklich herstellen und sich um einen nachhaltigen Umgang damit bemühen. Auf dem kleinen Marktplatz mit seinen Palettenmöbeln können die Besucher viele der Produkte kosten.

Direkt nebenan lockt die Genussmeile, auf der Aussteller heimische und mediterrane Spezialitäten anbieten – unter anderem echten Balsamico von der Acetaia Bellei aus Modena, natürliche Salze ohne Mikroplastik, die aus fossilen Lagerstätten wie zum Beispiel dem Urmeer unter Bad Essen oder im katalanischen Priorat gewonnen und zu schmackhaften Kräutersalzflocken veredelt werden. Zum Verkauf angeboten werden auch Säfte aus Früchten aus der Region, handgeschöpfte Schokolade, regionaler und europäischer Bio- und Hofkäse bis hin zu Rügener Manufaktursalami. „Alle Angebote zeichnet aus, dass sie von ihren Erzeugern selbst vorgestellt werden“, so Bölicke. Gärtnereien bieten Gartenkräuter und junge Peperoncini-Pflanzen für den eigenen Garten an, zudem gibt es Kunsthandwerk. Im Küchenzelt auf der Wiese schwingen in diesem Jahr Küchenchefs und Mitglieder des Vereins „Genussland Bremen Niedersachsen“ die Kochlöffel. Unter der Leitung von Marius Ries vom Kunsthallenrestaurant Canova bieten sie Bio-Produkte aus der Region an, mediterran interpretiert.

Info

Zur Sache

Die 21. Olivenöl-Abholtage

in Wilstedt finden am Sonnabend, 4. Mai, und Sonntag, 5. Mai, jeweils von 10 bis 18 Uhr statt. Kartenvorverkauf im WESER-KURIER Pressehaus, in den regionalen Zeitungshäusern (unter anderem bei der WÜMME-ZEITUNG in Lilienthal, Hauptstraße 87, Telefon 04298/ 27 04 65 10), auf www.weser-kurier.de/tickets sowie bei Nordwest Ticket unter Telefon 0421/ 36 36 36. Auch in diesem Jahr können Besucher mit dem „Arte-Fix-Bus“ aus Hamburg (20 Euro inklusive Eintritt, nur am Sonntag) und Bremen (15 Euro) zu den Olivenöl-Abholtagen fahren. Abfahrtszeiten und Reservierungen online unter www.artefakten.net.

Eine gemeinsame Fahrradanreise durch die Wümme-Landschaft bieten Slow Food Bremen und Slow Food Diepholz für Sonntag an, Treffpunkt ist um 11 Uhr am Universum Bremen, Wiener Straße 1a, Anmeldung per E-Mail an diepholz@slowfood.de.

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