Wilstedter Sparkasse wird Automatenbank

Heimatverein erwägt Kontenkündigung

Die Proteste gegen die Pläne der Sparkasse, die Wilstedter Filiale zum 1. Juli in eine reine Automatenbank ohne Personal umzuwandeln, reißen nicht ab. Der Heimatverein Wilstedt droht nun mit Kontenkündigung.
14.05.2020, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg
Heimatverein erwägt Kontenkündigung

Die 1875 gegründete Sparkasse in Wilstedt soll künftig ohne Personal auskommen. Dagegen regt sich immer mehr Protest im Dorf.

Heeg

Wilstedt. Die Proteste gegen die Pläne der Sparkasse, die Wilstedter Filiale zum 1. Juli in eine reine Automatenbank ohne Personal umzuwandeln, reißen nicht ab. Der Seniorenbeirat der Samtgemeinde Tarmstedt und der Landfrauenverein Wilstedt haben einen gemeinsamen Protestbrief verfasst, auch die SPD hatte die Pläne kritisiert. Nun kommt auch Gegenwind vom Heimatverein Wilstedt, der einen offenen Brief an den Vorstand der Sparkasse Rotenburg Osterholz geschrieben hat. Für den Fall, dass die Sparkasse ihre Pläne für die Automatenbank in Wilstedt nicht aufgibt, will es der Vorsitzende Karlheinz Wobbe nicht bei Worten belassen: „Dann wird der Heimatverein seine Konten bei der Sparkasse kündigen.“ Und auch persönlich wolle man im Hause Wobbe Konsequenzen ziehen: „Wir werden dann auch unser privates Konto bei der Sparkasse kündigen“, so Ehefrau Hertha Wobbe. „Wir sind nun seit 57 Jahren verheiratet, und genau so lange haben wir unser gemeinsames Konto bei der Sparkasse in Wilstedt.“

Im Schreibend des Heimatvereins an die Sparkasse heißt es: „Wir, der Heimatverein Wilstedt e.V., wurden 1959 gegründet, sind der zweitgrößte Verein in Wilstedt mit circa 250 Mitgliedern und haben es uns zur Aufgabe gemacht, den Heimatgedanken und das heimatliche Kulturgut zu pflegen sowie das dörfliche Leben und die plattdeutsche Sprache zu fördern. Durch Bekanntgabe der Schließung der Sparkassenfiliale in Wilstedt sehen wir uns gezwungen, Sie als Institution des öffentlichen Rechts darauf aufmerksam zu machen, dass die Sparkasse doch für alle Mitbürger vor Ort sein soll und nicht nur für die Jüngeren oder Junggebliebenen.“

Viele der älteren Mitbürger und Mitglieder sähen sich leider außerstande, moderne Geräte zu bedienen, heißt es vom Heimatverein. „Wie sollen diese denn damit zurechtkommen in einer Sparkassenfiliale, in der nur noch Maschinen und keine Menschen arbeiten?“ Karlheinz Wobbe, der Vorsitzende, fragt: „Wie sollen die Älteren ihre Geldgeschäfte tätigen? Wie sollen sie ihre Rente abholen, Geld auf ihr Sparbuch legen oder Anlagen tätigen, ohne Beratung?“ Die Sparkasse sei doch keine Privatbank, die aus Kostengründen mal eben Filialen schließe, um Gewinneinbußen zu egalisieren und damit die Infrastruktur im ländlichen Raum schädige. „Unsere Mitglieder haben durch die schlechte Mobilität und die sehr eingeschränkten öffentlichen Verkehrsmittel geringe Möglichkeiten nach Tarmstedt zur nächstmöglichen Filiale zu kommen. Deshalb wächst bei ihnen die Angst, ihre Bankgeschäfte nicht mehr tätigen zu können“, ist im Protestbrief zu lesen.

Und weiter: „Ist Ihnen der einzelne Kunde und Bürger denn nicht wichtig? Was ist denn mit Ihrem Leitsatz ,Wir sind für Sie da'? Wie können Sie für uns Bürger da sein, wenn es keine direkten Ansprechpartner vor Ort mehr gibt? Wir appellieren inständig an Sie, Ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken!“ Unterzeichnet ist der Brief vom Vorsitzenden Karlheinz Wobbe, seinem Vertreter Hans Hermann Meier, Kassenwartin Anke Helmken und ihrem Vertreter Heikmar Cossen, Schriftführerin Hildegard Andersen und Beisitzer Bertram Tauerschmidt.

Ehrenamt: Kartoffelkinder

Wünscht sich eine Sparkasse mit menschlichen Mitarbeitern: Karlheinz Wobbe vom Heimatverein.

Foto: Maximilian von Lachner

Ob die Sparkasse ihren älteren, nicht so technikaffinen Kunden entgegenkommen will, indem sie beispielsweise ihre mobile Zweigstelle nach Wilstedt beordert, ist offenbar noch nicht entschieden. Im März hieß es dazu auf Anfrage der Redaktion: "Das stellt in der Tat eine Option dar. Diese ist allerdings noch nicht zu Ende geprüft.“ Auf erneute Anfrage unserer Zeitung teilt die Sparkasse nun mit: "Zum aktuellen Zeitpunkt sind unsere zuletzt getätigten Aussagen zu diesem Thema unverändert."

Die Wilstedter Sparkasse, untergebracht in einem markanten Haus mit der Adresse Am Brink 1, wurde 1875 von den Gemeinden des Kirchspiels Wilstedt, also Wilstedt, Tarmstedt, Buchholz, Altenbülstedt, Neuenbülstedt, Vorwerk und Quelkhorn gegründet, heißt es auf der Homepage der Gemeinde Wilstedt. Gemeindevorsteher und Posthalter Johann Hinrich Meyer wurde ehrenamtlicher Rechnungsführer und Pastor Stakemann erster Vorsitzender des Vorstands. "Der ehrenamtliche Gegenbuchführer, der Kaufmann Gustav Armbrecht, führte kurioserweise den Titel Director“, ist dort zu lesen. Die Spareinlagen seien rasch gewachsen, das Geschäftsgebiet dehnte sich bis Lilienthal und in den Kreis Verden aus. Nachdem die Kasse zunächst in Privaträumen untergebracht war, sei 1902 ein eigenes Gebäude errichtet worden.

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