Landkreis lässt Gemeinde Wilstedt abblitzen Tempo 30 vorm Altenheim abgelehnt

Der Betreiber des Wilstedter Altenheims fordert eine Tempo-30-Zone vor seinem Haus, die Gemeinde sogar eine Verkehrsberuhigung für die komplette Ortsdurchfahrt. Der Landkreis Rotenburg lehnt das ab.
14.02.2019, 18:24
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Heeg

Wilstedt. Eine Tempo-30-Zone von der Sparkasse bis zur Kreuzung Konterschaft/Löhbergstraße, das wünscht sich Tino Wohlmacher für die Hauptstraße in Wilstedt. In diesem Bereich liegen das vom ihm betriebene Altenheim, aber auch zwei Bushaltestellen. „Hier muss dringend eine Verkehrsberuhigung her“, fordert Wohlmacher, „hier wird viel zu schnell gefahren.“ Der frühere Heimbetreiber habe daher bereits 2016 eine Tempo-30-Zone gefordert, die Gemeinde Wilstedt sei voriges Jahr beim Landkreis vorstellig geworden. Doch geschehen sei bislang nichts.

Von seinem Büro aus könne er oft beobachten, dass Autos und Lastwagen „vor unserem Haus sehr schnell unterwegs“ seien. Dies führe zu unnötigen Lärmbelastungen, vor allem aber zu einer Gefährdung der Heimbewohner. „Wir haben ausschließlich Demenzpatienten bei uns“, so Wohlmacher. Erst vorigen Freitagabend sei ein Auto von der Hauptstraße abgekommen und im Vorgarten des Pflegeheims gelandet, was Wohlmacher auf überhöhte Geschwindigkeit zurück führt. Bei dem Unfall sei der Zaun auf 20 Meter beschädigt worden und erst recht der aufwendig angelegte „Garten der Sinne“, den die Heimbewohner zu Therapiezwecken genutzt hätten. Dieser sei nun für die nächsten zwei bis drei Wochen gesperrt, der Schaden betrage 6000 bis 8000 Euro.

„Wir haben die Nase jetzt voll“, sagt ein sichtlich verärgerter Wohlmacher. Denn auch am Abend seien manchmal Bewohner im Garten unterwegs, „für demenziell erkrankte Menschen spielt die Zeit nämlich keine Rolle“. Und er fügt hinzu: „Nachts wird hier noch schlimmer gerast.“ Wohlmacher verweist auf die Gemeinde Ottersberg. Auch dort liege ein Pflegeheim an einer viel befahrenen Durchgangsstraße, dort aber gelte Tempo 30.

Die Gemeinde Wilstedt geht sogar noch weiter als der Heimbetreiber und forderte im Oktober von der Verkehrsbehörde des Landkreises, die gesamte Ortsdurchfahrt der Kreisstraße 113 vom Anfang der Wilstedter Straße bis zum Ende der Buchholzer Straße auf Tempo 30 zu begrenzen. Dies habe der Wilstedter Gemeinderat beschlossen, um „eine maximale Sicherheit aller innerörtlichen Verkehrsteilnehmer“ zu gewährleisten. Bürgermeister Traugott Riedesel verwies in seinem Schreiben auf einen Bundesratsbeschluss, wonach „es künftig Standard sein wird, dass vor sozialen Einrichtungen nur noch 30 Kilometer pro Stunde gefahren werden darf“. Dazu zählten neben Kindergärten und Schulen auch Seniorenheime. Nur in begründeten Einzelfällen könnten Straßenverkehrsämter von dieser Regelung abweichen.

Auch für den Radfahrerclub ADFC sei die wirkungsvollste Maßnahme zur Verbesserung der Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer das Gebot von Tempo 30 innerhalb der Ortschaft, schrieb Riedesel dem Landkreis. Bei niedriger Geschwindigkeit sinke das Verletzungsrisiko aller. Autofahrer könnten bei niedrigen Geschwindigkeiten den Straßenraum vor sich deutlich besser wahrnehmen, brenzlige Situationen besser erkennen und ausgleichen. Leider habe die Straßenverkehrsbehörde des Landkreises Rotenburg in der Vergangenheit eine Verkehrsbeschränkung vor dem Seniorenheim Wilstedt abschlägig behandelt.

Gleiches gelte für den Antrag der Gemeinde Wilstedt, die Fahrbahnen der innerörtlichen Durchgangsstraßen mit markierten Radfahrstreifen zu versehen. „Die Ablehnung mag zwar rechtlich zutreffend sein, ist für uns als Gemeinde jedoch höchst unbefriedigend“, so Bürgermeister Riedesel. Die derzeitige „Nichtregelung“ – jeder fahre dort, wo er sich sicher fühle – gehe vermutlich nur solange gut, bis es um Auseinandersetzungen wegen Schadensregulierungen nach einer Kollision von Radfahrern mit anderen Verkehrsteilnehmern auf dem Gehweg gehe.

Im Rotenburger Kreishaus will die Verkehrsbehörde von Tempo 30 auf der Kreisstraße in Wilstedt nichts wissen. Auf Anfrage unserer Zeitung teilt der Landkreis mit: Die entsprechenden Anträge des ehemaligen Betreibers des Seniorenheims und der Gemeinde wegen der Einrichtung einer Tempo-30-Zone in diesem Bereich seien „sorgfältig zusammen mit der Polizei und dem Straßenlastbauträger geprüft“ worden. Die Örtlichkeiten seien zudem im Rahmen einer Verkehrsschau begutachtet worden. „Beide Anträge wurden als nicht begründet abgewiesen“, heißt es von der Pressestelle des Landkreises.

Zur Begründung heißt es: „Um die Geschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften zu reduzieren, muss es zwingend notwendige Umstände geben. Es muss eine Gefahrenlage bestehen, die das allgemeine Risiko einer Beeinträchtigung der Sicherheit und Ordnung des Verkehrs erheblich übersteigt.“ Das sei zum Beispiel ein direkter Zugang zur Straße oder ein starker Ziel- und Querverkehr, der eine Gefährdung der Verkehrsteilnehmer darstelle. „Dies wurde von allen Beteiligten an dieser Stelle nicht erkannt“, so die Pressestelle. Unmittelbar vor der Senioreneinrichtung stehe eine Ampel, damit könne die Straße sicher überquert werden. Dazu sei der Außenbereich der Senioreneinrichtung durch einen hohen Zaun zur Straße abgesperrt, sodass die Bewohner nicht auf die Straße gelangen könnten.

Keine Gefahr also für Menschen, die sich im Bereich der Ortsdurchfahrt bewegen? Zahlen der Gemeinde Wilstedt sprechen eine ganz andere Sprache. Die Gemeinde verfügt über ein eigenes Geschwindigkeitsmessgerät, das die Werte auch speichert und zu Diagrammen aufbereitet. Eines der Protokolle, das der WÜMME-ZEITUNG vorliegt, stammt von Juli und August 2017 und enthält Daten von Messungen am Ortseingang aus Richtung Buchholz. Ergebnis: Die meisten fahren schneller als die erlaubten 50 Sachen. 5330 Auto-, Lkw- oder Motorradfahrer passierten die Messstelle mit Tempo 50, während 8557 mit 60 Stundenkilometern unterwegs waren. 3094 rasten jedoch mit 70, 737 mit 80 und 215 Fahrer sogar mit 90 Sachen durch den Ort. Der Spitzenwert dieses Messzyklusses lag bei mehr als 140 Kilometern pro Stunde. Messprotokolle von April/Mai 2017 sowie von April bis Juni 2016 zeigen ähnliche Werte. Weitere Messungen seien zeitnah geplant, heißt es von der Gemeindeverwaltung.

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