Kommentar Wilstedter Geist

Die Sorge um das alte Pastorenhaus bewegt in Wilstedt die Menschen. Vielleicht könnte der Wilstedter Bürgersinn helfen, eine Lösung zu finden, kommentiert Johannes Heeg.
20.01.2019, 08:32
Lesedauer: 2 Min
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Von Johannes Heeg

Das alte Pastorenhaus steht mitten in Wilstedt auf einem Baum bestandenen großzügigen Grundstück. Ein traumhaftes, historisch wertvolles Kleinod, das seit 1771 das Ortsbild maßgeblich prägt. Kein Wunder, dass die Diskussion um die Zukunft des Anwesens teilweise sehr emotional geführt wird, denn vielen Menschen ist das Anwesen vertraut und ans Herz gewachsen. Sie können sich nicht vorstellen, dass dieses Haus eines Tages nicht mehr da ist, das wurde zuletzt auch in einer Informationsveranstaltung der Kirchengemeinde am Dienstag deutlich.

Was aus dem altehrwürdigen Pastorenhaus werden wird, kann heute niemand sagen. Fakt ist, dass die Kirchengemeinde dringend auf den Verkaufserlös angewiesen ist, um ihr geplantes neues Gemeindehaus hinter der Töpferei zu bezahlen, das wiederum von elementarer Bedeutung für den Fortbestand kirchlichen Lebens in Wilstedt gilt. Was das alte Pfarrhaus einbringen wird, weiß niemand. Ja, es ist nicht einmal sicher, dass es überhaupt einen Käufer finden wird. Denn der müsste idealerweise ein Mensch mit viel Geld und altruistischen Neigungen sein, dem es nicht auf eine wirtschaftliche Nutzung des Grundstücks ankommt, sondern auf eine ebenso gründliche wie behutsame Sanierung bei Beibehaltung des Erscheinungsbilds.

Nehmen wir mal an, dass eine solche Lichtgestalt gerade nicht zur Hand ist. Dann könnte es auf dieses Szenario hinauslaufen: Es findet sich kein Interessent, der den gutachterlich ermittelten Mindestpreis zahlen will. In diesem Fall übernimmt die Gemeinde Wilstedt das Kirchengrundstück übergangsweise, damit die Kirchengemeinde ihr neues Zentrum bauen kann – Problem eins gelöst. Das zweite Problem – was wird aus dem Pfarrhaus – lösen die Wilstedter mit jenem Geist, den sie sich gelegentlich selbst zuschreiben: Wilstedter Bürger gründen eine Genossenschaft, die das Traumgrundstück von der Gemeinde erwirbt, das marode Pfarrhaus – schweren Herzens – abreißt und auf Grundlage seiner Proportionen und Abmessungen kleine und mittlere Wohnungen baut und ohne Gewinnabsicht an Senioren aus dem Dorf vermietet. Gleich mitgebaut würden Gemeinschaftsanlagen für gemeinsame Aktivitäten wie kochen, spielen, klönen.

Es soll nicht wenige ältere Wilstedter geben, die allein in zu groß gewordenen Häusern mit viel zu groß gewordenen Gärten leben. Und darüber gar nicht nicht so glücklich sind und stattdessen lieber in einem modern ausgestatteten Gemeinschaftsprojekt in der Dorfmitte wohnen würden. Und zwar selbstständig, so lange es geht. Ihre Häuser könnten sie an junge Familien verkaufen, was der Gemeinde den Druck nähme, immer wieder neue Baugebiete am Ortsrand auszuweisen.

Diese Vision ist doch zumindest bedenkenswert. Denn letzten Endes geht es darum, dass die Menschen in Wilstedt auch in Zukunft gut leben können. Und nicht um ein paar Steine, die 1771 verbaut wurden. Aber wer weiß, vielleicht findet sich jemand, der das alte Pastorenhaus an anderer Stelle wieder aufbauen mag. Nur am jetzigen Standort lange leer stehen, das sollte es nicht.

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