Schuleingangsuntersuchungen Diepholz

Immer mehr Kinder verhaltensauffällig

Nur 50 Prozent der zukünftigen Erstklässler haben vom kinder- und jugendärztlichen Dienst des Landkreises Diepholz eine Schulempfehlung ohne größere Bedenken attestiert bekommen.
18.03.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Immer mehr Kinder verhaltensauffällig
Von Claudia Ihmels
Immer mehr Kinder verhaltensauffällig

Bei knapp der Hälfte der untersuchten Kinder im Landkreis Diepholz hat der kinder- und jugendärztliche Dienst Bedenken im Bezug auf die Schulempfehlung geäußert.

dpa

Nur 50 Prozent der zukünftigen Erstklässler haben vom kinder- und jugendärztlichen Dienst des Landkreises Diepholz eine Schulempfehlung ohne größere Bedenken attestiert bekommen. 34 Prozent der untersuchten Kinder hätten zudem Verhaltensauffälligkeiten gezeigt.

„Tendenz steigend“, sagte Dr. Julia Steitz-Matiszick am Mittwochabend bei der Präsentation der Ergebnisse im Ausschuss für Jugend, Gesundheit und Soziales. Die Ergebnisse der Untersuchung „Fit in Klasse 5“ förderten ebenfalls Schwierigkeiten bei vielen Kindern zu Tage.

Mit den Schuleingangsuntersuchungen beginnen die Mitarbeiter des kinder- und jugendärztlichen Dienstes bereits immer im Herbst. So gebe es bis zur Einschulung im nächsten Sommer noch die Möglichkeit, an eventuellen Defiziten zu arbeiten, sagte Kinderärztin Iselin Klaus.

Die Schuleingangsuntersuchung dauere etwa eine Stunde, berichtete Teamkoordinatorin Julia Steitz-Matiszick. Die Kinder würden mit ihren Eltern kommen und würden nicht nur körperlich untersucht, sondern auch ihr Entwicklungsstand unter anderem bezüglich der Sprache und Motorik. Zudem würde ihr Verhalten beobachtet. 99 Prozent der etwa 2000 untersuchten Kinder im Landkreis Diepholz hatten ihr zufolge im Jahr vor ihrer Einschulung einen Kindergarten besucht.

Auffällige Sehtests und Bewegungsmangel

Bei 34,2 Prozent der zukünftigen Grundschüler sei der Sehtest auffällig gewesen, neun Prozent hätten bereits Karies, berichtete Steitz-Matiszick. Mit 86,9 Prozent sei der Großteil der Kinder normalgewichtig, 7,7 Prozent hätten Übergewicht, 5,1 Prozent Untergewicht. Die Ursachen für das Übergewicht sehen die Ärztinnen neben falscher Ernährung zum einen im Medienkonsum.

17,5 Prozent der Kinder würden täglich über eine Stunde vor dem Fernseher oder Computer verbringen. Zum anderen nannten sie mangelnde Bewegung als Grund. 40,7 Prozent der Kinder seien nicht Mitglied in einem Sportverein oder ähnlichem, 71 Prozent seien Nichtschwimmer beziehungsweise hätten noch kein Seepferdchen.

Im motorischen Bereich hätten knapp 33 Prozent der Kinder Auffälligkeiten gezeigt. Das seien Probleme beim seitwärts Hüpfen, auf einer Linie laufen, beim Malen und Stifte halten, führte Steitz-Matiszick aus. Steigend sei die Tendenz bei sprachlichen Auffälligkeiten (aktuell 52 Prozent) wie Lispeln, Stottern, Wortarmut und grammatikalischen Schwierigkeiten. Die Familiensprache bei 75 Prozent der Kinder sei Deutsch, Tendenz fallend. Steigend hingegen der Trend bei der mehrsprachigen Verständigung in der Familie. „Leider steigend“, sagte die Ärztin weiter, sei auch die Tendenz bei Verhaltensauffälligkeiten wie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie Störungen des Sozialverhaltens.

Der Landkreis Diepholz stellt Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen 2015 vor.

Der Landkreis Diepholz stellt Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen 2015 vor.

Foto: Landkreis Diepholz

Obwohl nur 50 Prozent der Kinder eine Schulempfehlung ohne Bedenken bekommen haben, ist das eine Steigerung zu den Vorjahren (siehe Grafik). Den Knick in 2013 erklären sich die Ärztinnen allerdings auch damit, dass damals auf den früheren Stichtag umgestellt wurde. Vorher wurden alle Kinder eingeschult, die bis zum 30. Juni sechs Jahre wurden, dann wurde dieser Termin auf den 30. September verlegt. „Nach der Untersuchung beraten wir die Eltern ausführlich, was sie tun können“, sagte Steitz-Matiszick. Rückstellungen gebe es aufgrund der Inklusion aber theoretisch nicht mehr. Die Entscheidung würden die Schulleiter treffen. „Letztendlich ist es Sache der Schule, sich auf die Kinder einzustellen“, so die Ärztin.

Ihre Mitarbeiterin Susanne Feußahrens stellte anschließend die Ergebnisse der Untersuchung „Fit in Klasse 5“ vor. Diese sei im Gegensatz zur Schuleingangsuntersuchung freiwillig, im Schuljahr 2014/2015 hätten aber 95 Prozent der Fünftklässler im Landkreis Diepholz daran teilgenommen. „Überproportional viele Auffälligkeiten finden sich in den Haupt- und Förderschulklassen“, hielt die Medizinerin fest. Dies würde die Durchimpfungsraten, die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas, Auffälligkeiten im Hör- und Sehtestbereich sowie im Gesundheitsverhalten betreffen. In Förderschulklassen würde etwa nur jedes dritte Kind zu Hause frühstücken, am Gymnasium seien es 84,4 Prozent.

„Wir sehen Bedarf an niedrigschwelligen Angeboten im Bereich der sportlichen Aktivität und Adipositasvorsorge insbesondere für Risikogruppen“, sagte Feußahrens. In den Haupt- und Förderschulen sollte über die Einführung eines Schulfrühstücks nachgedacht werden, regte sie an.

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