Kolumne - Neues Leben (4)

Ja oder Nein… Jein!

Samer Tannous ist Hochschullehrer aus Damaskus, lebt mit seiner Familie in Rotenburg und arbeitet dort als Französischlehrer. In der Wümme-Zeitung schreibt er jede Woche über seine Erlebnisse.
04.06.2018, 11:13
Lesedauer: 1 Min
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Von Samer Tannous

Auf einem der Seminare, die ich mit einem deutschen Freund durchführe, trafen wir eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin, die uns sagte: „Die meisten Geflüchteten sind ja lieb und nett, aber nach Hause lade ich mir die nicht mehr ein!“.

Auf Nachfrage erläuterte sie, dass sie einmal eine Syrerin zu Kaffee und Kuchen eingeladen hatte. Dieses Treffen sei allerdings sehr merkwürdig verlaufen: Die syrische Frau kam, setzte sich an die Kaffeetafel und ihr wurde Kaffee und Kuchen angeboten. Sie nahm sich jedoch weder Kaffee noch Kuchen. Auf diese Weise war die Atmosphäre etwas frostig und nach 20 Minuten verabschiedete sich die Syrerin, ohne vom Kaffee oder Kuchen genommen zu haben.

Was war passiert? Als wir gemeinsam die Szene analysierten stellten wir fest, dass die deutsche Ehrenamtliche die Syrerin zwar dazu aufgefordert hatte, sich Kuchen zu nehmen, aber eben nur einmal, worauf die Syrerin zunächst höflich ablehnte. Eine Wiederholung dieses Angebotes folgte nicht, die Syrerin hatte schließlich „Nein Danke“ gesagt. Und in Deutschland heißt ein Nein eben Nein. Die enttäuschte Gastgeberin tat ihrem Gast auch nicht eigenständig ein Stück Kuchen auf den Teller; das wäre in Deutschland wohl übergriffig. Auf die Syrerin muss das gewirkt haben, als sei die Einladung nicht ernst gemeint gewesen, denn aus ihrer Heimat war sie es gewohnt, dass man ungefragt Kaffee eingeschenkt und Kuchen auf den Teller gelegt bekommt. Und auf eine anfängliche höfliche Verneinung des Gastes folgt dann immer ein Aufdrängen des Gastgebers, sich doch noch zu nehmen. Leere Teller gibt es in Syrien eigentlich nie.

Nachdem wir dieses Missverständnis aufgeklärt hatten, wurde den Seminarteilnehmern deutlich, wie wichtig es ist, sich mit kulturellen Unterschieden auseinanderzusetzen und Missverständnisse sofort anzusprechen. Nur so können wir uns näher kommen.

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