Musical von Regisseur Detlev Petersen kommt im Syker Theater gut an / Verdrehte Handlungsstränge Keine Pastellfarben für Rotkäppchen

Experiment gelungen. „Rotkäppchen reloaded“, das vom Syker Regisseur Detlev Petersen maßgeblich initiierte Musical über die Märchen der Gebrüder Grimm, sorgte im Syker Theater für beste Stimmung. Es waren vor allem die kuriosen Einfälle, die irgendwie bekannten, aber kreativ verdrehten Geschichten und die einfallsreich umgetexteten rund 20 Hits, die für kräftigen Applaus sorgten. Die Handlung war einfach gestrickt und vorhersehbar, doch das spielfreudige Ensemble aus Profis und ambitionierten Laienschauspielern machte das wett.
08.12.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Karsten Bödeker

Experiment gelungen. „Rotkäppchen reloaded“, das vom Syker Regisseur Detlev Petersen maßgeblich initiierte Musical über die Märchen der Gebrüder Grimm, sorgte im Syker Theater für beste Stimmung. Es waren vor allem die kuriosen Einfälle, die irgendwie bekannten, aber kreativ verdrehten Geschichten und die einfallsreich umgetexteten rund 20 Hits, die für kräftigen Applaus sorgten. Die Handlung war einfach gestrickt und vorhersehbar, doch das spielfreudige Ensemble aus Profis und ambitionierten Laienschauspielern machte das wett.

Eigentlich sind sie Menschen wie du und ich, Schwestern im Geiste, mit gleichen Sorgen und Wünschen, umgetrieben von der Suche nach dem einen Richtigen, dem Partner fürs Leben. Und so standen Schneewittchen und Rotkäppchen – bei „Rotkäppchen reloaded“ im Syker Theater in viel coolerem Neudeutsch Snow und Red getauft – Arm in Arm und sangen zur Melodie von „Memory“ aus Cats: „Manchmal will ich nur träumen“.

„Du hast gerade keinen und ich hätte gern mal einen“, hatte Red zuvor zu Snow gesagt, die gerade vom Frust-Shoppen aus der Einkaufsmeile des Städtchens Oz gekommen war. Und da Märchen, selbst wenn sie vom Syker Regisseur Detlev Petersen verdreht werden, immer gut enden, fand Schneewittchen später ihren Prinz, der sich natürlich in leichtem aber sympathischem Größenwahn Prince nannte. Rotkäppchen lebte am Ende mit Rumpelstilzchen zusammen. Der hatte sich erst erfolglos als Bettenvertreter vorgestellt und später erfolgreich bei der mit Berliner Schnauze sprechenden Großmutter („Hää!?“) als Volkszähler eingeschlichen und wollte Rotkäppchen eigentlich entführen, weil ihm ihre Mutter einen Goldbeutel schuldete.

Der rote Hut, pardon: der rote Faden der Geschichte war Rotkäppchen, die auf dem Weg zur „Omma“ von zwei Stinkmorcheln begleitet wurde („Wir sind Fußpilze und können daher laufen.“). Denen war langweilig, weil im Wald beim Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst die Antwort immer „Baum“ lautete. Das Käppchen traf zwar keinen Wolf, dafür aber allerhand Gestalten, die sich eigentlich in anderen Märchen tummeln. Vielleicht wäre die eine oder andere weniger ein bisschen mehr gewesen, und auch nicht jeder Gag war witzig. Doch durch das ganze Stück zog sich der Eindruck einer irgendwie niedlichen und verspielten Geschichte, die zwar kein großes Tourneetheater war, dafür aber einfach Spaß machte. Liebevoll gestaltete Kostüme und tolle Kulissen sorgten für den passenden Rahmen. Die meisten Geschichten waren gekonnt eingebaut und äußerst einfallsreich gestaltet. Deswegen bekamen Petersen und seine Regie-Mitstreiterinnen Karen Meyer-Vokrap und Laura Stief sowie Choreografin Svenja Miesner verdientermaßen großen Beifall.

Käte, der Hutmacher, betrieb Rossmann, den Laden für die Frau zu Pferde. In grünen Stulpen, schwarzem Rock und grüner Brokatjacke schnäuzte er sich erst in seinen rosafarbenen Puderquast, um dann zur Melodie von „All by myself“ mit französischem Akzent „Yves Saint Laurent“ zu trällern – herrlich. Mit dem Vorschlag, auf Pastelltöne umzusteigen, kam er bei Rotkäppchen übrigens nicht an.

Der Froschkönig, der unbedingt geküsst werden wollte, sang zur Melodie von „Kein Schwein ruft mich an“ „Keine Frau kommt vorbei“. Ihm begegnete (und widerstand) Rotkäppchen ebenso wie dem gestiefelten Kater, der eine verruchte Bar betrieb. Acht in Grün gekleidete Syker Tanzschülerinnen tauchten immer wieder als Elfen auf.

Rumpelstilzchen war mit Zottelhaaren und knielangem Ledermantel allein optisch ein Gegenpart zur schönen und unschuldigen Red. Doch unter Rumpelstilzchens rauer Schale war ein weicher Kern, der auch mal therapeutische Gespräche mit seinem Zauberspiegel führte. Sein Vertrauen zahlte sich aus, Rotkäppchen zog zu ihm.

Und wer es noch nicht wusste: Rapunzel, nach 50 Jahren im Turm eher auf der Suche nach dem etwas älteren Mann, hätte einen noch längeren Zopf, wenn der nicht wegen Spliss um einen halben Meter hätte gekürzt werden müssen . . .

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