Rollstuhlfahrer besucht Festival

Hurricane mit Handicap

Kay Arndt, der im Rollstuhl sitzt, und sein Betreuer Malte Krüßel haben gemeinsam das Hurricane-Festival besucht. Beide sind stolz darauf, durchgehalten zu haben und sind um einige Eindrücke reicher.
24.06.2018, 22:03
Lesedauer: 2 Min
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Hurricane mit Handicap
Von Alice Echtermann
Hurricane mit Handicap

Kay Arndt wollte, trotz körperlicher und geistiger Behinderung, sein erstes Festival erleben.

Alice Echtermann

Kurz vor dem Hurricane haben wir Kay Arndt und Malte Krüßel in Bremen getroffen. Kay, der eine geistige und körperliche Behinderung hat, wollte sein erstes Festival erleben. Nach drei Tagen in Scheeßel stellt sich die Frage: Hat es funktioniert?

Kay sieht gar nicht müde aus, auch wenn er es sicherlich ist. Genau wie Malte, dem die vergangenen zwei Tage deutlich an den Augen anzusehen sind. Die beiden jungen Männer sitzen am Sonntagmittag vor ihrem Zelt an einem Campingtisch und frühstücken, Cornflakes aus einer Plastikschale.

Malte auf dem Rollator, Kay in seinem Rollstuhl mit den Werder-Bremen-Rauten auf den Rädern. Kay Arndt hat zum ersten Mal in seinem Leben ein Festival besucht. Nach fast drei Tagen auf dem Hurricane in Scheeßel sind er und sein Betreuer Malte Krüßel erschöpft, aber um hunderte Eindrücke reicher. Sie haben durchgehalten, bis spät in die Nacht, wie die anderen Besucher. Und doch war ihr Erlebnis natürlich ganz anders.

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Der 21-jährige Kay hat eine geistige und körperliche Behinderung und lebt in einer Wohneinrichtung der Lebenshilfe in Bremen-Nord. Dort entstand die Idee, mit Malte zum Festival zu fahren (wir berichteten). „Es war sehr anstrengend“, sagt Malte. Erschöpfend für ihn war vor allem, Kay die weiten Wege im Rollstuhl zu schieben. Das Festivalgelände ist sehr groß und die Bodenverhältnisse sind auch bei trockenem Wetter schwierig, überall ist es uneben, voller Löcher und Furchen.

Bei den Rollitribünen gab es zwar besondere Dixi-Klos für Rollstuhlfahrer, allerdings waren diese bei Nacht nicht beleuchtet, erzählt Malte. Und auch die befestigten Wege auf dem VIP-Campingplatz stellten sich als eher unbefestigt heraus – es wurden keine Platten ausgelegt. Zum Glück für die beiden Bremer blieb die Schlammschlacht in diesem Jahr beim Hurricane aus. „Kay will gar nicht mehr nach Hause, oder?“, sagt Malte.

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Ein Lächeln breitet sich auf Kays Gesicht aus, er schüttelt den Kopf. Auch für ihn war das Hurricane anstrengend. Er hat sich beim Abrocken auf dem Konzert seinen Fuß aufgescheuert und nachts gefroren. Doch als Malte davon erzählt, lacht Kay nur laut auf, als wäre es der beste Witz, den er je gehört hat. Sein Betreuer schmunzelt: „Er hält gut durch. Gestern habe ich Kay gefragt, ob er mal eine Pause braucht. Er antwortete: „Was ist Pause?“ Wären die jungen Männer kein gutes Team, hätte der Besuch beim Hurricane nicht funktioniert. „Es hat viel mit Vertrauen zu tun“, erklärt Malte. Er konnte nicht immer bei Kay sein. Manchmal musste er auch selbst auf die Toilette, oder zum Supermarkt einkaufen gehen. „Er musste darauf vertrauen, dass ich zurückkomme – und ich, dass er nicht wegfährt.“

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Die Strapazen haben sich gelohnt. Kay konnte berühmte Bands live sehen: Billy Talent, The Kooks, die Beginner und viele mehr. Der 21-Jährige liebt Musik, auf seine Art. „Ich glaube, er hört weniger der Musik zu, als dass er den Rhythmus und den Beat spürt“, sagt Malte. „Nech, Kay? Hauptsache, es ist laut.“ Kay nickt wild und klatscht in die Hände. Die Songtexte sind ebenfalls Nebensache; Kay grölt einfach ein Lied, das er sich ausgedacht hat. Den Text gibt er gerne jederzeit zum Besten. „Der Fernseher ist kaputt!“, ruft er und bricht erneut in Gelächter aus. Eins steht schon fest: Nächstes Jahr will Kay wieder zum Hurricane.

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