Hurricane-Festival 2017

Musikalisch und optisch im Großformat

Das Hurricane-Festival endet nach drei Tagen und 78.000 begeisterten Besuchern: Zum Finale überzeugt der Rapper Casper auf der Green Stage.
26.06.2017, 16:41
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Von Lars Fischer
Musikalisch und optisch im Großformat

Deutscher Rap ohne Macho-Gehabe: Auf Casper konnten sich sicherlich die meisten Hurricane-Besucher einigen. Der Sänger trat bereits zum viertel Mal in Scheeßel auf.

Nordphoto

Bei einem gigantischen Massenereignis wie einem Rockfestival mit 78.000 Besuchern geraten einem irgendwann die Relationen durcheinander. Am dritten Tag des Hurricane-Festivals jedenfalls kann ein Auftritt auf der White Stage, der einzigen der vier Bühnen, die nicht unter freiem Himmel steht, schon mal wie ein intimes Clubkonzert erscheinen. Nicht, dass nicht auch mehrere Tausend Besucher unters Zeltdach passen würden, aber die Dimensionen sind eben überschaubarer, die Musiker sind näher, das Erleben ist direkter. Vor allem wenn eine Band wie Archive auf der Bühne steht.

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Bereits vor zwei Jahren haben die Engländer das Zelt zur Nachmittagsstunde zum Kochen gebracht, und das wiederholen sie in diesem Jahr trotz unverdient lichter Reihen erneut. Das achtköpfige Klangkollektiv ist dabei unberechenbar, ständig verschieben sich Schwerpunkte, Einflüsse und Ausdrucksformen. Die White Stage ist traditionell eher Clubsounds vorbehalten, und die haben Archive ebenso im Portfolio wie sphärischen Rock in den Ausmaßen von Pink Floyd. Mit drei wechselnden Vokalisten, verschwenderisch vielen Details, ausufernden Instrumentalstrecken und einem enorm transparenten, ständig changierenden Klangbild lassen sie ihre Songs wie bei einem DJ-Set ineinanderfließen.

Während Jennifer Rostock von der Green Stage in einem nur schwer auszuhaltenden Tonfall auf das Publikum einbrüllt, driften die Fans zu Archive in ein rauschhaftes Erleben ab, das absolut kein substanzielles Nachhelfen braucht. Die Musik zwischen allen Genres allein ist verstörend betörend und mächtig: neben dem Auftritt der Editors der höchste Klanggenuss beim diesjährigen Hurricane, das damit am Sonntag auf die Zielgerade einbiegt.

Friedliches Festival

Alt-J auf der Green Stage und Mando Diao auf der Hauptbühne senken nach Jennifer Rostock noch einmal wohltuend das musikalische Aggressionspotenzial auf einem insgesamt sehr friedlichem Festival, ehe es Die Antwoord in neue Höhen schrauben. Das Rap-Trio aus Kapstadt hat zweifelsohne Freude an der Provokation und verzichtet lieber auf Freundlichkeiten. Ein entschiedener Vortrag, der ebenso ankommt wie Fritz Kalkbrenner, der wie üblich allein hinter seinem DJ-Pult auf dem riesigen Podium hockt. Solche Ausflüge in für Rockfestivals eigentlich artfremde Welten gehören beim Hurricane alljährlich dazu – und sie funktionieren erstaunlich gut.

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Zum Finale aber steht mit Casper auf der Green Stage ein Künstler, auf den sich beinahe alle noch Anwesenden einigen können. Das ist häufig erprobt, denn für den Rapper ist es der vierte Hurricane-Auftritt innerhalb von sechs Jahren. In der Tat ist der Musiker, der seine steile Karriere auf einer eigentlich ruinierten Stimme aufbaute, ein guter Abschluss. Bei ihm vermischen sich nicht nur die Stile von Hip-Hop bis Rock, sondern auch die Gemütslage zwischen Eskalation und Freundschaft. Casper ist so etwas wie die fleischgewordene Quintessenz eines gelungenen Festivals: genug Eigenwilligkeit, nicht zu viel Mainstream und immer ein freundliches Wort fürs Gegenüber.

Dass deutscher Rap tatsächlich auch ohne das ganze Gangsta- und Macho-Gehabe alles andere als weichgespült sein kann, hat Casper schon lange bewiesen. Dass er statt mit starrer DJ-Begleitung live mit voller Band und spektakulär in die Schräge gekippter Bühne musikalisch wie optisch auch im Großformat überzeugen kann, ebenfalls. „Im Ascheregen“ heißt einer seiner bekanntesten Songs, in der Realität ist es Nieselregen, mit dem das Hurricane so zu Ende geht, wie man es kennt: wenig sommerlich, aber mit Zufriedenheit, in der auch ein Stück Erleichterung ob des reibungslosen Ablaufs mitschwingt. Einziger Ausfall 2017 war Haftbefehl, der seine Flugzeug verpasste. Die Ursache ist nicht bestätigt, aber man munkelt von Schwierigkeiten mit der Obrigkeit. Alles in allem also keine Überraschungen.

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