Interview mit "Portugal. The Man" "Wir sind keine Bubblegum-Popband"

Die Band "Portugal. The Man" aus Alaska hat mit „Feel it still“ die Charts erobert. Im Interview sprechen Keyboarder Kyle O’Quin und Schlagzeuger Jason Sechrist über das schlechte Image von Popmusik.
24.06.2018, 16:04
Lesedauer: 4 Min
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Von Alice Echtermann

Ihre Band gibt es seit 14 Jahren – jetzt haben Sie mit „Feel it still“ zum ersten Mal diesen großen, globalen Hit. Hat das etwas für Sie verändert?

Kyle O‘Quin: Es ist seltsam, wir haben eigentlich gar nichts verändert, sondern nur das gemacht, was wir immer getan haben: Wir versuchen, bessere Songs zu schreiben. Aber jetzt ist es passiert, und ich denke, es war deshalb, weil wir einfach wir selbst und natürlich sind. Ich denke nicht, dass wir uns deshalb anders fühlen.

Jason Sechrist: Es ist schön, auf ein neues Level gehoben zu werden.

Sie haben sich für das neue Album „Woodstock“ viel Zeit genommen. In der Vergangenheit gab es stets ein Album pro Jahr, jetzt lagen vier Jahre dazwischen. Warum?

O‘Quin: Ein Grund für die Verzögerung ist, dass wir die alten Alben einfach nicht so viel beworben haben. Als „Evil Friends“ herauskam, waren wir zwei Jahre auf Tour. Es dauerte also, bis wir zurück ins Studio kamen. Dann begannen wir, an „Woodstock“ zu arbeiten. Unsere Band legt viel Wert auf die Texte, das, was wir sagen wollen. Es muss das reflektieren, was um dich herum vorgeht. Wenn du 2014 etwas schreibst und es kommt 2016 heraus, fühlt es sich manchmal nicht mehr so frisch an. Deshalb nahmen wir „Woodstock“ mehrere Male auf.

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Und was ist die Botschaft Ihrer Musik?

O‘Quin: Sei kein Arschloch. Sei ein guter Mensch. Wir schreiben viel über Familie, harte Arbeit – das, womit wir uns auskennen. Wir wuchsen im pazifischen Nordwesten auf, wir sind unseren Familien und unserer Heimat alle sehr nah. Wir wollen das mit unserer Musik teilen.

Viele Bands hier auf dem Hurricane-Festival haben eine starke politische Botschaft. Was denken Sie – sollte Musik politisch sein?

O’Quin: Viele Leute sagen, Musiker sollten nicht über Politik sprechen. Aber wir bereisen die Welt und sehen so viel mehr als diese Leute. Ich denke, jeder darf sagen, was immer er verdammt nochmal will (lacht).

Ich habe kein Problem damit. Das ist doch der Punkt, wenn man Künstler ist. Du kannst auf die Bühne gehen und hast die Freiheit, zu sein wer du willst und zu sagen, was du willst. Viele Dinge, auf die wir Aufmerksamkeit lenken wollen, sind soziale Themen. Das vermischt sich oft mit politischen Themen. Dinge wie sauberes Wasser, gleiche Rechte für alle – das ist eigentlich gar nicht so politisch, auch da geht es nur darum, kein schlechter Mensch zu sein.

Zurück zu „Woodstock“: Die Musik ist anders als auf den vergangenen Alben, damals waren Ihre Songs etwas komplizierter. Jetzt haben Sie mit „Feel it still“ oder „Live in the moment“ diese Popsongs, die im Radio laufen. Ist das eine neue Phase?

O‘Quin: Je einfacher etwas ist, desto schwieriger ist es für gewöhnlich.

Sechrist: Es geht einfach darum, gute Noten zu finden. Wir mögen Popmusik, wir mögen Metal, wir mögen das alles.

O‘Quin: Ehrlich, ich versuche einfach, bessere Songs zu schreiben, und weniger ist oft mehr. Ich denke, das ist einer der Gründe, weshalb dieses Album ein größeres Publikum erreicht hat. Es ist einfacher zu verdauen, weil wir vieles weggelassen haben. Das ist manchmal der schwierigste Teil, Dinge rauszuwerfen.

Nach dem Motto: „Kill your darlings“?

O’Quin: Manchmal musst du einen Schritt zurücktreten, dich selbst beurteilen und nicht denken, dass jede deiner Ideen großartig ist. Du musst deinen Freunden vertrauen, die dir helfen, durchzublicken und herauszufinden, was funktioniert.

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Viele Menschen, gerade bei Rockfestivals, benutzen das Wort „Popmusik“ eher abfällig. Können Sie das verstehen?

O‘Quin: Es hat diese Konnotation von Vereinfachung oder Verdummung. Aber eigentlich ist „Pop“ doch nur die nur die Kurzform für „populär“. Alle meine Lieblingsbands sind Popbands. Ich weiß nicht, wieso es so ein verrufenes Wort geworden ist. Viele hier auf dem Festival werden uns nur von „Feel it still“ kennen, aber wir werden ein starkes Set spielen. Wir sind keine Bubblegum Popband (Musik in Massenproduktion, vor allem für Teenager; Anm. d. Red.). Wir sind einfach Musikliebhaber.

Sechrist: Es geht um zugängliche Musik. Bedeutet das etwa, dass Menschen, die sich das anhören, irgendwie niedriger gestellt wären gegenüber anderen Musikhörern? Ich denke nicht. Bei Musik ist wie beim Einkaufen: Man braucht Äpfel und Orangen und Bananen – wie verschiedene Bands. Du wirst vermutlich nie mein Freund, wenn du nicht Pantera und Grizzly Bear gleichermaßen mögen kannst.

Ihr Tourplan ist vollgepackt: Gerade kommen Sie vom Southside Festival, jetzt sind Sie auf dem Hurricane und spielen auch weiterhin fast jeden Tag ein Konzert. Dann ist das Wetter auch noch mies, es ist kalt - wie fühlen Sie sich damit?

O‘Quin: Ich lebe von Tag zu Tag. Es kann wirklich entmutigend werden. Aber ich wache jeden Morgen auf und denke: Heute! Was muss ich heute tun? Das ist der beste Weg.

Haben Sie noch Zeit, die Festivals zu genießen oder verschwimmt alles allmählich?

O‘Quin: Es verschwimmt teilweise. Aber es kommt wirklich auf die Festivals an. Bei manchen hat man mehr Zeit, herumzulaufen und manchmal hat man mehr Pressetermine.

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Sechrist: Es ist schwer, sich auch mal die Bands anzuschauen. Ich verstehe auch, warum manche der größeren Namen nicht mehr auf den Festivals herumlaufen und versuchen, sich alles anzusehen. Es laugt dich aus und du wirst die ganze Zeit verfolgt (lacht).

Und was planen Sie für die Zeit auf dem Hurricane-Festival?

Sechrist: Wir wollen für eine Stunde die Hölle hier entfesseln und ich hoffe, die Leute entfesseln sie mit uns. Wir werden versuchen, ein Beispiel zu setzen und anfangen, Bierflaschen herumzuwerfen (lacht). Nein, okay, das vielleicht nicht. Kein Glas auf Festivals.

Das Interview führte Alice Echtermann.

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