Jugendkammer Landgericht Verden

Drei Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung

Ein junger Erwachsener aus Scheeßel wird zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt. Grund: Gefährliche Körperverletzung, unerlaubtes Führen einer Schusswaffe und ein Drogendelikt.
16.09.2021, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Angelika Siepmann

Verden/Rotenburg. Die fünf Revolverschüsse hatte der junge Mann gestanden, was ihm das Gericht auch zugutehielt. Sein angeblicher Beweggrund, die Angst vor einem Angriff mit einer Axt, wurde jedoch abgebügelt: „Das hat sich so nicht abgespielt!“. Dafür gebe es „objektive, vernünftige Beweismittel“. Zu ihrer „sicheren Überzeugung“, so die große Jugendkammer des Landgerichts Verden, „war kein Schuss durch Notwehr gerechtfertigt“. Der Hauptangeklagte im Prozess um die gewalttätige Gruppenfehde Mitte Januar auf dem Gelände des Rotenburger „Cleanparks“ erhielt eine dreieinhalbjährige Jugendstrafe.

Lebensgefährliche Verletzungen

Verurteilt wurde der zur Tatzeit noch 19-jährige Scheeßeler vor allem wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit unerlaubtem vorsätzlichen Führen einer Schusswaffe. Hinzu kam noch ein Drogendelikt von Juni 2020. In seiner Wohnung waren bei einer Durchsuchung rund 180 Marihuana und fast 3000 Euro „Dealgeld“ entdeckt worden. Das Gericht blieb mit der Gesamtstrafe um vier Monate unter der Forderung der Staatsanwaltschaft und betonte: „An Bewährung konnten und durften wir nicht denken“. Das Opfer habe laut Rechtsmedizin „potenziell lebensgefährliche“ Verletzungen mit erheblichen Folgen erlitten. Das Strafmaß sei angesichts der Schwere der Schuld und nach wie vor bestehender schädlicher Neigungen „absolut erforderlich und gerechtfertigt“.  

Die Kammer nahm dem Hauptangeklagten – einem von vier Verdächtigen– die behauptete Notwehrsituation nicht ab. Andererseits hielt sie es auch für wenig glaubhaft, dass das Opfer die mitgeführte Axt im Verlaufe des vielschichtigen Geschehens lediglich „nach unten“ gehalten habe. Dem widersprächen Aufnahmen einer Überwachungskamera der Autowaschanlage. Danach habe der 21-Jährige die Axt zeitweise „schimpfend vor dem Körper geschwungen“. Allerdings: Als der Angeklagte aus kurzer Distanz die Schüsse auf beide Beine des Rotenburgers abgegeben habe, hätte der Rotenburger die Axt tatsächlich nicht mehr bei sich gehabt. Das Gericht verwies auf entsprechende Zeugenaussagen, die auch zum späteren Fundort des Werkzeugs gepasst hätten.

Neuntägiger Prozess

Diversen anderen Zeugen, die während des neuntägigen Prozesses befragt wurden, vermochten die Richterinnen und Richter deutlich weniger Glauben schenken. Besonders die Angaben der insgesamt sechs Geschädigten seien mit Vorsicht zu genießen, sagte der Vorsitzende in der ausführlichen Urteilsbegründung. So sei auch vielfach in Abrede gestellt worden, dass diese und weitere Personen das Zusammentreffen mit den Angeklagten herbeigeführt hätten, mehr noch: Die Vier sollten „deutlich in eine Falle, in einen Hinterhalt“ gelockt werden“, hieß es.

Dies hätten die zum späteren Tatort „bestellten“ Angeklagten jedoch im Vorfeld auch erkannt – „und haben sich trotzdem darauf eingelassen“. Anhand der Ergebnisse der umfangreichen Beweisaufnahme, bei der die Bilder von Überwachungskameras eine wichtige Rolle spielten, stellte der Vorsitzende weite Teile des komplexen Ablaufs der Auseinandersetzung dar. Die drei 20-Jährigen, deren Verfahren am vorletzten Verhandlungstag eingestellt worden war, setzten unter anderem Pfefferspray und einen Schlagstock ein. Das Gericht glaubte ihren Beteuerungen, nichts davon gewusst zu haben, dass der Vierte im Bunde vor Antritt der Fahrt einen Revolver eingesteckt habe.

Die Vorgeschichte fasste der Richter als „Lappalie“ zusammen. „Es ist eigentlich unvorstellbar, was sich daraus entwickelt hat.“ Zwei der Angeklagten waren mit zwei jungen Frauen unterwegs gewesen und hatten sich den Unmut des eifersüchtigen Freundes der einen zugezogen, nachdem sie den „verbal aggressiven“ Mann zur Mäßigung ermahnt hatten. Der Mann wollte das Ganze nicht auf sich beruhen lassen. Nach dem eskalierten Geschehen seien die Angeklagten durch die gegnerische Gruppe „echten Bedrohungen“ ausgesetzt gewesen, hieß es auch. Die erwähnte „Diffamierung durch die Presse“ bezog sich, wie zuvor schon erklärt worden war, auf einen Mitte April erschienenen Beitrag bei ZEIT online“. Überschrift: „Auf Flüchtlingsjagd“.

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