'Oper und Operette auf dem Lande' Lustige Witwen und dunkelrote Rosen

Stuhr-Varrel. Fast 500 Besucher sind am Sonnabend bei der Veranstaltung 'Oper und Operette auf dem Lande' in die Varreler Gutsscheune gekommen.
26.04.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Hauke Gruhn

Stuhr-Varrel. Als Freund klassischer Musik hat man?s verdammt schwer. Man kann die dargebotenen Werke fast nie mitsingen, weil sie wahlweise zu komplex daherkommen oder der eigenen Stimme enge Grenzen gesetzt sind. Und außerdem fällt man durch lautstarkes Mitsingen im Konzertsaal eh nur komisch auf. Vorteil für Schlager, Pop und Volksmusik. Da bedarf es schon einer unglaublichen Geschichte, um heutzutage trotzdem den Weg ins Ohr der breiten Bevölkerung zu finden.

Wie der des ehemaligen Handyverkäufers und Opern-Senkrechtstarters Paul Potts, der in einer Talentshow entdeckt wurde. Klar, dass dessen bislang größter Erfolg, Puccinis Arie 'Nessun dorma', auch am Sonnabend bei der Veranstaltung 'Oper und Operette auf dem Lande' in der Varreler Gutsscheune Präsenzpflicht hatte. Der enorme Andrang von fast 500 Besuchern zeugte einmal mehr davon, dass irgend etwas dran sein muss an der guten alten Klassik - wenn man Oper und Operette denn unter ihrem musikalischen Aspekt dort verorten mag.

Die Hauptakteure des Abends, Sopranistin Brigitte Jäger, Tenor Andrea Shin und Bariton Thomas Mayr, wurden von Pianist und Kapellmeister Werner Marihart, Wassilij Rusznak an der Geige und Friedrike Wiechert an der Flöte gekonnt in Szene gesetzt. Der künstlerische Leiter Jörg Mielke fand als Moderator die passenden Worte, um das Publikum durchs umfangreiche Programm des Abends zu lotsen. Nach einem kurzen Abstecher in Richard Wagners Oper 'Tannhäuser' zu Beginn, wurden ausgewählte Arien aus Mozarts 'Zauberflöte' zu Gehör gebracht. Hierbei zeigte vor allem Bariton Thomas Mayr, was nicht nur an sanglichen , sondern auch an schauspielerischen Fähigkeiten in ihm steckt. Da wandern die Hände in die Hosentaschen und wieder heraus, sie werden wie zum Gebet zusammengefaltet und über dem Kopf zusammengeschlagen , dann folgt ein Ausfallschritt und in Erwartung eines Kusses werden demonstrativ die Lippen gespitzt. Quasi im Vorbeigehen füllt er die Gutsscheune schaurig-schön mit seinem tiefen Gesangsorgan.

Daneben wirkt Tenor Andrea Shin, ebenfalls ein formidabler Sangesbruder, fast schon etwas hüftsteif. Seine große Stunde ist gekommen, als er die 'Arie der Arien' anstimmt: Mit Puccinis 'Nessun dorma' aus der Oper Turandot jagt der gebürtige Koreaner den Besuchern eine ganze Salve von Schauern über den Rücken. Fast wie einst Pavarotti. Und fast wie Paul Potts - nur der in der berühmten Fernsehwerbung gebrauchte abschließende Hinweis auf die Produkte einer großen deutschen Telekommunikationsfirma fehlt - zum Glück.

Die Fenster bleiben heil

Auch Sopranistin Brigitte Jäger darf glänzen, und zwar mit der Arie der Wally 'Ebben? ne andrò lontana' von Alfredo Catalani. Diese Arie wurde unlängst ebenfalls für die Fernsehwerbung entdeckt, einst wurde ihre Bekanntheit durch den Soundtrack zum Kultfilm 'Diva' gesteigert. Ergreifend und brillant, wie Jäger das komplette Spektrum ihrer Stimme an diesem Abend gekonnt in Szene setzt, sich vokalistisch soweit hochschraubt, dass bei den ganz hohen Tönen auf der nach oben offenen Notenskala der Blick schon mal zu den Fenstern der Gutsscheune wandert. Aber dass auf diese Weise Glas zum Zerspringen gebracht werden kann, gehört wohl ins Reich der Mythen.

Während der üppigen Pause diskutierten viele Besucher über das Dargebotene, und die Zwischenbilanz fiel durchaus wohlwollend aus. Andere redeten über profanere, jedoch nicht minder bedeutende Themen: 'Wie es wohl bei Werder steht?', wollte eine ältere Dame wissen. Eine andere wandte sich fragend an ihre Begleiterin: 'Sag mal, habt ihr bei euch auch die ganze Terrasse voller Ameisen?'

Höchste Zeit für den zweiten Teil des Abends - und damit für die Operette. Sie gilt mitunter als die leichtfüßigere kleine Schwester der Oper. Nicht so dramatisch, dafür oft fröhlich-verspielt. Wie beim 'Weibermarsch' aus Franz Lehárs Operette 'Die lustige Witwe'. Da gibt das Publikum auch mal die Contenance auf und klatscht mit - der umwerfenden Darbietung von Thomas Mayr sei Dank. Als wahrer Teufelsgeiger entpuppt sich Violinist Wassilij Rusznak bei Brahms? Ungarischem Tanz Nr. 5, einem ebenso bekannten wie temperamentvollen Stück. Nachdem Bariton Thomas Mayr noch einige Herzen erobert und dunkelrote Rosen im Publikum verteilt hat, beschließt Andrea Shin den offiziellen Teil des Abends mit 'Dein ist mein ganzes Herz'. Also doch Schlager? Nein, nicht Heinz Rudolf Kunze ist der Autor der Arie mit obigem Titel, sondern wieder mal Franz Lehár mit seiner Operette 'Das Land des Lächelns'.

Apropos lächeln. Das taten viele Besucher auf dem Heimweg, schließlich hatten sie sich noch ein paar Zugaben erklatscht und einen tollen Abend erlebt. Ach ja: Ameisen gibt es momentan überall auf den Terrassen - und Werder hat am Ende knapp mit 1:0 gewonnen.

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