Brinkumer Geschichte Markthalle für den Schweinehandel im Ortszentrum

Stuhr-Brinkum. Es gab eine Zeit, da wurde Brinkum etwas hämisch auch 'Stinkum' genannt. Auf einen Einwohner sollen um 1910 gleich fünf Schweine gekommen sein. Am heutigen Hotel Bremer Tor gab es eine riesige Markthalle für den Handel mit den Borstenviechern.
10.08.2010, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Hauke Gruhn

Stuhr-Brinkum. Es gab eine Zeit, da wurde Brinkum etwas hämisch auch 'Stinkum' genannt. Und zwar nicht ganz zu unrecht: Auf einen Einwohner sollen um 1910 gleich fünf Schweine gekommen sein. Am heutigen Hotel Bremer Tor gab es eine riesige Markthalle für den Handel mit den Borstenviechern. Ein fast vergessenes Kapitel Brinkumer Geschichte, dass aber demnächst wieder in Erinnerung gerufen werden soll.

'Traurig! Rückschritt überall!' Bitter beklagte sich der Lokalreporter der Brinkumer Zeitung, als 1923 der prachtvolle Markthallenbau nach nur elf Jahren wieder abgerissen wurde. 'Die große und in ihrem Äußeren so stattlich wirkende Schweineverkaufshalle, der Stolz Brinkums, das Wahrzeichen seiner hohen wirtschaftlichen Bedeutung für die Schweinemast und Aufzucht und für die Schweinemärkte, wird dem Erdboden gleichgemacht. In einigen Tagen wird der Stolz Brinkums vollständig verschwunden sein.' Das Ende der Markthalle bedeutete auch eine Zäsur für den Ort Brinkum: Nie wieder würde die Schweinehaltung diese Bedeutung haben wie zwischen 1912 und 1923.

'Brinkum war das Mekka für Schweinemäster im gesamten Raum', berichtet Harry Schröder. Der 83-jährige Ur-Brinkumer hat sich im Rahmen einer Geschichtswerkstatt ausführlich mit der Markthalle und der Schweinemast beschäftigt. Aber warum wurde gerade Brinkum so bedeutend für die Tierzucht? Da kommen einige Faktoren zusammen.

'Mit der fortschreitenden Industrialisierung im Ruhrgebiet konnte die wachsende Bevölkerung dort kaum noch ernährt werden', erzählt Schröder. 'Also wurde hier im ganzen Umkreis für das Ruhrgebiet gleich mitgezüchtet.' Bis zum Ersten Weltkrieg wurde günstige russische Gerste aus den Häfen Bremens bezogen. Die Schweine beziehungsweise das Fleisch wurden dann per Zug Richtung Ruhrgebiet transportiert.

Der Brinkumer Gemeindeausschuss beschloss den Bau der Markthalle am 30. April 1909, wie aus den Aufzeichnungen von Vorsteher Kirchhoff hervorgeht. 40000 Mark sollte das Projekt kosten, am Ende standen unterm Strich genau 43160 Mark. Der Bau wurde immer wieder verschoben, auch weil Tierseuchen in Brinkum wüteten. Den Aufzeichnungen zufolge brach im Februar 1910 die Schweinepest aus, ein Jahr später die Maul- und Klauenseuche.

Viele Markttermine mussten deshalb seinerzeit ausfallen. Die Grundsteinlegung konnte erst am 11. November 1911 erfolgen, zweieinhalb Jahre nach dem Baubeschluss. Nach einer Ausschreibung erhielt der Bremer Architekt Hagens den Zuschlag. Als Baugrundstück wurde der Garten des Gastwirts Gefken (später Hotel Bremer Tor) ausgewählt. Er hatte das Grundstück der Gemeinde Brinkum kostenlos überlassen. Der dazugehörige Erbbauvertrag passierte den Kreisausschuss in Syke aber wegen Mängeln erst im zweiten Anlauf.

Erhalten geblieben ist dank der Aufzeichnungen des Vorstehers auch die genaue Auflistung der Kosten für den Bau der Markthalle. Sämtliche Arbeiten wurden demnach 'von Meistern hiesiger Gegend ausgeführt'. Dachdecker Bodmann aus Melchiorshausen erhielt 1282, Schlossermeister Dietrich Peters 5743 und Zimmermeister Albert Siemer (beide aus Brinkum) 12498 Mark. Die unvorhergesehen Kosten beliefen sich auf 7478,50 Mark. Der Bau schritt laut Kirchhoff zügig voran, am 14. März 1912 wurde Richtfest gefeiert. Am 27. August folgte die Bauabnahme, am 18. Oktober wurde die Markthalle schließlich eingeweiht 'und an diesem Tage auch ihrer Bestimmung dienstbar gemacht', wie es in den Aufzeichnungen aus dem Jahre 1913 heißt.

Die Geschäfte liefen zunächst gut. Laut der von Horst Rauschert zusammengestellten Chronik 'Erinnerungen an das alte Dorf Brinkum' spielte sich das geschäftige Treiben der Schweinehändler aus nah und fern vor allem zur Syker Straße hin ab. 'Jeden Mittwoch war Markttag, und in den über 400 Schweinebuchten wurden zeitweise 1700 Ferkel und Schweine aufgetrieben und gehandelt', heißt es in der Chronik. 1910 lebten laut einer Zählung in Brinkum gerade einmal 1964 Menschen, dafür aber mehr als 10000 Schweine. Nicht ganz geruchsneutral, wie sich unschwer erahnen lässt.

Daran hat es aber nicht gelegen, dass der Markthalle nur eine kurze Existenz beschert war. Der Erste Weltkrieg vermasselte vielmehr die Geschäfte. Die billige russische Gerste fehlte und auch sonst ging es der Wirtschaft zunehmend schlechter. Unter der Krise litten die Brinkumer. 'Damals hatte ja jeder Briefträger ein paar hundert Schweine hier', weiß Harry Schröder aus den Nachforschungen der Geschichtswerkstatt.

Auch nach Kriegsende erholte sich die Schweinebranche nicht mehr wie erhofft. Die Gemeinde verkaufte schließlich 1921 die Markthalle an die Firma Gebr. Forrer aus Bremen. Diese wollte den Betrieb laut Zeitungsbericht von 1923 zunächst weiterführen, auch die Gemeinde sollte aber weiter an den Einnahmen mitverdienen. Nicht einverstanden mit diesem Modell war offensichtlich Gastwirt Gefken als Eigentümer des Grundstücks: Er erhob Klage und gewann in langwierigen Prozessen gegen die Bremer Firma. Schließlich musste sie klein beigeben und das Gebäude zum Abbruch an das Baugeschäft Adam Bornscheuer & Co. in Bremen verkaufen. Der Preis: 40 Millionen Mark. Klingt nach viel, war es aber nicht mehr wirklich anno 1923 - schließlich grassierte die Hyperinflation.

Mit dem Abbruch wurde am 1. Juli 1923 begonnen, keine elf Jahre nach der Einweihung. 'Eine Ironie des Schicksals ist es', vermerkte der Reporter der Brinkumer Zeitung damals, 'dass in den heutigen elenden Zeiten für die Summe, die die Errichtung der Schweinehalle beanspruchte, nicht mal mehr ein Pfund Schweinefleisch zu erwerben ist.'

Besonders schlug der Abriss der Halle ins Kontor, weil nur zwei Jahre zuvor bei der Brinkumer Gasanstalt der Hahn für immer zugedreht worden war. 'Was kommt jetzt an die Reihe?', fragte der Reporter im Juli 1923. Er sah bereits den Zusammenbruch der Kleinbahn und den Abbruch des Bahnhofs voraus. Dazu kam es jedoch bekanntlich nicht.

Damit der 'schweinische' Teil der Brinkumer Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, denkt die Geschichtswerkstatt intensiv über eine Ausstellung zum Thema nach. Und auch in der Brinkumer Interessen Gemeinschaft (BIG) gibt es Überlegungen, zum verkaufsoffenen Sonntag am 19. September eine Schweine-Aktion ins Leben zu rufen. 'Genaues steht noch nicht fest, wir haben aber einen Arbeitskreis gegründet, um uns Gedanken über die Belebung der verkaufsoffenen Sonntage zu machen', berichtet BIG-Vorsitzender Rainer Mewe. Schweine spielen dabei offenbar eine tragende Rolle. Genau wie vor 100 Jahren, damals im schönen Stinkum.

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