Online-Buchkritiker gehört zu Top 50 der Nation Melchiorshausens Antwort auf Reich-Ranicki

Weyhe. Karl-Heinz Heidtmann hat in seiner Freizeit schon über 500 Bücher schriftlich beurteilt. Der Melchiorshausener gehört zu den 50 aktivsten Rezensenten des Internet-Versandhauses Amazon. Seine Leidenschaft fürs Kritisieren entdeckte der 58-Jährige, weil er sich einst maßlos über ein Buch geärgert hatte.
27.04.2010, 07:22
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Von Gaby Wolf

Weyhe. Karl-Heinz Heidtmann hat in seiner Freizeit schon über 500 Bücher schriftlich beurteilt. Der Melchiorshausener gehört zu den 50 aktivsten Rezensenten des Internet-Versandhauses Amazon. Seine Leidenschaft fürs Kritisieren entdeckte der 58-Jährige, weil er sich einst maßlos über ein Buch geärgert hatte.

Klar, dass seine erste Rezension angesichts des angesprochenen Ärgers ein kompletter Verriss wurde. 'Das Buch behandelte Verkaufstechniken und hieß ,Alptraum Kunde?', erinnert sich Heidtmann. Ein Ansatz, den er als Berater und Trainer von mittelständischen Unternehmen so nicht stehen lassen konnte. Durch diesen Verriss jedoch bekam der Viel- und Gerneleser Lust, weitere Kritiken zu verfassen. Auch im Bereich schöne Literatur. Denn die gehörte nicht nur zu seiner Kindheit 'wie Salz und Brot', sondern markierte vor dem Sprung in die Wirtschaft auch den Beginn seiner beruflichen Karriere.

So war der gebürtige Bremer nach dem Studium zunächst Hochschuldozent für französische und niederländische Literaturwissenschaften in Oldenburg und für englische Sprachwissenschaften in Bremen. Nach weiteren Stationen, unter anderem als Firmenschulungsleiter bei Olivetti und als Vertriebsleiter für internationale Mess- und Regeltechnik in der Luft- und Raumfahrtindustrie, machte er sich Anfang der 90er Jahre als Berater selbstständig. Mit Erfolg. Heute hat er sieben Partner - und dadurch mehr Freiräume fürs Lesen - und Rezensieren. Kein reiner Selbstzweck. 'Leser-Rezensionen', sagt Heidtmann, 'sind oftmals objektiver als die Verlagsinformationen.' Und so haben schon etliche Nutzer im Internet vermerkt, dass Heidtmanns Kritiken für sie hilfreich waren.

Fünf Sterne für Mann und Mankell

Was aber macht man, wenn die Verlage selbst einen darum bitten, ihre Neuerscheinungen zu rezensieren? Genau das nämlich ist Heidtmann widerfahren, als er in die Top 100 der Amazon-Kritiker vorstieß. 'Da muss man natürlich aufpassen, dass man keine Gefälligkeitsrezensionen schreibt.' Er halte es der Fairness halber so: 'Wenn mir das Buch nicht gefällt, biete ich dem Verlag an, eben keine Rezension einzustellen.' Was nicht heiße, dass er nicht auch sonst mal nur einen Stern vergebe. Zur Einordnung: Fünf Sterne sind das höchste Bewertungssiegel, ein Stern ist das schlechteste. Der Hobby-Kritiker aus Melchiorshausen nutzt die gesamte Bandbreite, hadert manchmal aber auch mit dem System. So habe er gezögert, Daniel Kehlmann ('Die Vermessung der Welt') fünf Sterne zu geben. 'Ich bin überzeugt, dass er mal die Qualität eines Thomas Mann erreichen wird, aber sollte man ihm nicht noch Spielraum nach oben lassen?'

Andersherum könne man sicher Krimis wie den ersten der Wallander-Reihe von Henning Mankell vier oder fünf Sterne verleihen. 'Aber eigentlich ist das reine Unterhaltungsliteratur.' Über den aktuell am Krimihimmel leuchtenden schwedischen Autor Stieg Larsson und dessen Millenniums-Trilogie hat Heidtmann die Sterne allerdings nicht gerade regnen lassen. 'Das fängt ja schon damit an, dass man sich bei der Übersetzung nicht an die Originaltitel gehalten hat.' Der erste Band 'Verblendung' etwa hätte nach dem Original 'Männer, die Frauen hassen' heißen müssen.

Ein Buch könne man aber nach vielen Kriterien rezensieren. 'Bei einem Walser muss man zum Stil nicht mehr viel schreiben, da konzentriere ich mich mehr auf das Sujet.' Bei den Werken von Maarten ?t Hart dagegen, von dem er gerade 'Der Schneeflockenbaum' lese, entdecke er neuerdings Längen. 'Bei Hörbüchern bewerte ich natürlich auch, wer die Fassung spricht und wie er es tut.'

Inzwischen hat Heidtmann auch selbst die Erfahrung des Kritisiertwerdens machen können. Denn: 'Jetzt können auch die Rezensionen rezensiert werden.' Und da hat er sich etwa für seine Bewertung von Andrea Maria Schenkels 'Tannöd' von einem anderen Leser einen ziemlichen Anranzer eingefangen, weil er der Autorin trotz 'aparten Stils' nur drei Sterne zuerkannt hatte. 'Aber was dem einen missfällt, kann dem anderen durchaus gefallen', sagt Heidtmann. 'Ich schreibe ja nicht, um recht zu haben.'

Und so rezensiert er weiter - neben Fachbüchern und Belletristik auch Sprachführer, DVDs, Musik-CDs oder sogar Gärtner Pötschkes Abreißkalender. Und es müssen nicht nur Autoren- und Regieleistungen sein, um Heidtmann zu begeistern und ihn anzuregen, seine Meinung als Orientierungshilfe weiterzugeben. Bei einem von ihm bewerteten Entsafter waren es Laufruhe, Mikro-Sieb-Filter und Tropf-Stopp-Funktion. Ein klarer Fall für fünf Sterne.

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