Den Kirchen fehlen Pastoren

Nachwuchs dringend gesucht

Die Pensionierungswelle der geburtenstarken Jahrgänge rollt auch auf die Kirche zu. Nachwuchsprobleme treiben die Kirchen seit Längerem um, nun auch in Stuhr und Weyhe.
23.01.2018, 16:38
Lesedauer: 3 Min
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Von Lieselotte Scheewe
Nachwuchs dringend gesucht

Der Pastorenmangel macht auch die Kirchengemeinden im Nordkreis zu schaffen.

Peter Endig, dpa

Stuhr/Weyhe. Wer dieser Tage sein Theologiestudium abschließt, hat gute Chancen auf einen sicheren Job. Deutschlandweit, in Niedersachsen insgesamt und auch in den Gemeinden Stuhr und Weyhe werden evangelische Pastoren und katholische Priester gesucht. Die Pensionierungswelle der geburtenstarken Jahrgänge rollt auch auf die Kirche zu. Nachwuchsprobleme treiben die Kirchen seit Längerem um. Ganz aktuell trifft das Problem auch die hiesigen Gemeinden: Eine evangelische Pastorenstelle in Weyhe ist derzeit vakant, eine Priesterstelle in Brinkum seit dem plötzlichen Tod von Pfarrer Volker Kupka ebenfalls unbesetzt. In Moordeich wird Helmut Schomaker nur noch weniger als vier Jahre im Amt sein.

Dem demografischen Aspekt des Problems steht die geringe Anzahl an Absolventen gegenüber. „Von den knapp 1800 Pastoren, die wir in der Landeskirche haben, werden in den nächsten zehn Jahren über den Daumen 1000 in den Ruhestand gehen“, sagt Jörn-Michael Schröder, Superindent im Kirchenkreis Syke-Hoya, zu dem auch die Gemeinden Weyhe und Stuhr gehören. Natürlich würden auch Stellen reduziert, da die Gemeinden durch Austritte kleiner werden. Diesen Aspekt abgezogen, würden dennoch zu wenige junge Menschen den Beruf des Pastors wählen. „Es fangen weniger an zu studieren, als wir bräuchten“, sagt Schröder. Somit werde es in den nächsten Jahren immer schwieriger, Stellen zu besetzen.

Der Negativtrend wendet sich aber, zumindest in der Landeskirche Hannover, wieder in die andere Richtung. „In den letzten Jahren haben wir wieder ansteigende Zahlen der Studierenden, die sich in die Liste der Landeskirche eintragen“, berichtet Schröder. So hätten 2010 33 Studierende das Ziel angemeldet, ihr Vikariat in der Landeskirche zu absolvieren, 2015 seien es bereits 69 und 2016 51 Studierende gewesen. Schröder vermutet, dass der Beruf für junge Menschen wieder attraktiver geworden ist.

Trotzdem zuversichtlich

Die Landeskirche sei zuversichtlich, auch in Zukunft die freien Stellen besetzen zu können. In der Regel werde eine Stelle innerhalb von drei bis vier Monaten besetzt, in Zukunft könne es länger als ein halbes Jahr dauern. Wie es mit der freien Stelle in Weyhe, die aufgrund eines Stellenwechsels von Pastor Karsten Damm-Wagenitz zum 1. Mai entsteht, weitergeht, werde sich in den nächsten Wochen zeigen. „Wir haben die Hoffnung, die Stelle bis zum Sommer zu besetzen“, sagt Schröder. Somit werde die Entscheidung voraussichtlich noch in die Amtszeit des alten Kirchenvorstandes fallen.

Als Lösung für die Nachwuchsprobleme gibt es verschiedene Strategien: Springerstellen, Ehrenamtliche, pastorale Mitarbeiter und die Zusammenlegung von Gemeinden und Gottesdiensten. „Im Kirchenkreis Syke-Hoya werden ab Mai 1,75 Springerstellen eingerichtet. Das ist ein Versuch, die Lücken zu kompensieren“, sagt Schröder. Zudem werde das Engagement der Ehrenamtlichen in der Gemeinde zunehmend wichtiger, als es ohnehin schon ist. Auch Mitarbeiter der Gemeinde wie Diakone würden in Zukunft mehr in Gemeindeaufgaben eingebunden. Die katholische Kirche stellt zudem Priester aus dem Ausland ein, wie in Brinkum Pater Mathew Thayil aus Indien.

Dass weniger junge Menschen sich für die Ausbildung interessieren, beziehungsweise für den Beruf zur Verfügung stehen, liegt aus Sicht von Schröder nicht nur daran, dass der Bezug zur Kirche oder das Interesse an Religion weniger geworden sind. „Als die starken Jahrgänge in die Pfarrämter gegangen sind, waren die Berufsaussichten eine ganze Zeit nicht sehr gut“, erklärt er. Insgesamt würden auch weniger geisteswissenschaftliche Fächer studiert und der Ausbildungsweg zum Pastor sei ein langer. Nach den rund zehn Jahren Ausbildung warte dann aber ein sicherer Arbeitsplatz.

„Ich glaube, es hat auch mit einer Unattraktivität von Religion zu tun. Sie ist nicht angesagt“, sagt Andreas Gautier, pastoraler Mitarbeiter der katholischen Kirchengemeinde Heilig Geist in Brinkum. Und als eine der Ursachen sieht er die nicht vorhandene Messbarkeit des Berufs. Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten, das sei nicht so messbar wie Zahlen beispielsweise in der Betriebswirtschaft. Das laufe dem Empfinden in einer Leistungsgesellschaft zuwider, denn die Frage, ob jemand im Leben erfolgreich ist, würde in fast allen Industrienationen nach dem Erfolg im Job gemessen.

Gesamtgesellschaftliches Problem

Für ihn ist das Nachwuchsproblem aber nicht nur eines, dass die Kirche selbst betrifft, sondern auch ein gesamtgesellschaftliches. „Je mehr Religion aus dem gesamtgesellschaftlichen Leben verdrängt wird, desto mehr gehen auch die Werte aus der Gesellschaft verloren“, sagt Gautier. Dabei sei der Bedarf, sich um die Schwachen der Gesellschaft zu kümmern, eine Kernaufgabe der Kirche, genauso wichtig geblieben. „Kirche muss an den Rand gehen und sich für Arme und Schwache, Alte und Kranke einsetzen“, sagt er.

Dafür müssten sich Gottesdienste auch verändern und es braucht Menschen, die den Beruf des Pastors oder Priesters wählen. Im Bistum Osnabrück, das für die Heilig Geist Gemeinde Brinkum zuständig ist, wurde im Jahr 2017 kein einziger Priester geweiht. „Um den Bedarf zu decken, müssten es eigentlich drei oder vier im Jahr sein“, sagt Gautier.

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