Der Weltnichtrauchertag steht heute unter dem Motto „Lass Dich nicht einwickeln“ Nur mal eben kurz eine schmöken

Helmut Schmidt ohne Zigarette und Gerhard Schröder ohne Zigarre? Unvorstellbar, oder? Auch Twistringens Bürgermeister Karl Meyer greift gern zum Glimmstängel, allerdings nicht zu irgendeinem. Er präferiert französische Zigarillos. Ohne Filter. Die Koordinatoren des heutigen Weltnichtrauchertags, Deutsche Krebshilfe und Aktionsbündnis Nichtrauchen, dürfte es freuen, dass in der Twistringer Stadtverwaltung niemand dem Nikotin verfallen ist. Bis auf den Chef. Der muss zum Rauchen auf den Balkon.[GRUNDTEXT]
11.06.2012, 13:27
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Helmut Schmidt ohne Zigarette und Gerhard Schröder ohne Zigarre? Unvorstellbar, oder? Auch Twistringens Bürgermeister Karl Meyer greift gern zum Glimmstängel, allerdings nicht zu irgendeinem. Er präferiert französische Zigarillos. Ohne Filter. Die Koordinatoren des heutigen Weltnichtrauchertags, Deutsche Krebshilfe und Aktionsbündnis Nichtrauchen, dürfte es freuen, dass in der Twistringer Stadtverwaltung niemand dem Nikotin verfallen ist. Bis auf den Chef. Der muss zum Rauchen auf den Balkon.[GRUNDTEXT]

Twistringen·Landkreis Diepholz. Morgens um zehn im Twistringer Rathaus. Wo sind die Zigarillos? Aufgeraucht! Bürgermeister Karl Meyer hat vergessen, sich vor der Arbeit neue zu besorgen. Er nimmt es ganz gelassen, schließlich ist er kein Kettenraucher. „Früher habe ich Zigaretten geraucht, dann 18 Jahre lang aufgehört, weil die Kinder noch klein waren“, erzählt der Verwaltungschef. Bei seinem Amtsantritt als Twistringer Bürgermeister – das war im Jahr 2000 – habe er dann wieder angefangen. Seitdem rauche er rund ein halbes Dutzend Zigarillos pro Tag. „Je nach Situation“, fügt Meyer hinzu. Dass er in Stressphasen – wie jetzt im Twistringer Haushaltsstreit (wir berichteten) – öfter zum Glimmstängel greife als früher, könne er allerdings nicht von sich behaupten.

Wie in jeder anderen öffentlichen Einrichtung in Niedersachsen herrscht seit einigen Jahren auch im Rathaus Twistringen Rauchverbot. Obwohl es dort keine Hinweisschilder gibt, wissen alle Bürger, dass sie zum Rauchen vor die Tür gehen müssen.„Da liegt ja noch der Sektkorken von einer standesamtlichen Trauung“, zeigt Meyer auf den Mülleimer samt Aschenbecher im Eingangsbereich der Stadtverwaltung. Am Hintereingang des Rathauses steht ein weiterer Aschenbecher. „Hier rauchen wir oft in den Pausen zwischen den nicht öffentlichen und öffentlichen Teilen der Sitzungen“, berichtet Meyer.

Seit Leo Harms nicht mehr Fachbereichsleiter ist, ist es einsam um den Raucher Karl Meyer geworden. Bei Wind und Wetter – egal ob bei strahlendem Sonnenschein oder Eis und Schnee – muss er nun ganz alleine auf den Rathausbalkon vor seinem Büro. Nur mal eben kurz eine schmöken. „Leo Harms und ich haben unsere Besprechungen immer auf dem Balkon abgehalten“, erinnert sich der Bürgermeister an die guten alten Zeiten. Noch heute empfange er gern Gäste zum „Hintergrundgespräch“ auf dem Balkon – auf eine Zigaretten-, pardon Zigarillolänge. Raucher seien einfach gesellige Menschen, hat der Twistringer über die Jahre beobachtet. Es fördere zudem die Kommunikation. Treffen sich die Landkreis-Bürgermeister, würde er gern mal mit den Rauchern unter ihnen eine schmöken. So funktioniert also Politik? Karl Meyer lächelt verschmitzt und zündet sich jetzt einen französischen Zigarillo an – Tabak pur, ohne Filter wohlgemerkt.

„Raucher finden schnell zusammen“, findet auch die stellvertretende Landrätin Ulrike Schröder. Sie hat sich jahrelang mit blauem Dunst umgeben, musste vor kurzem aber aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Was ihr nicht leicht gefallen sei, wie die Kreispolitikerin gesteht. Mithilfe von Nikotin-Tabletten habe sie es dann letztendlich doch geschafft.

Heute jährt sich zum 25. Mal der Weltnichtrauchertag. Dieser wurde 1987 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ins Leben gerufen. Die Deutsche Krebshilfe und das Aktionsbündnis Nichtrauchen koordinieren die Aktivitäten in Deutschland. 2012 steht der Weltnichtrauchertag unter dem Motto „Lass Dich nicht einwickeln“. Ulrike Schröder sieht in dem Aktionstag lediglich einen „Denkanstoß“, der auf die gesundheitlichen Gefahren des Tabakkonsums aufmerksam mache, passionierten Rauchern die Zigarette aber bestimmt nicht zuwider mache. Dennoch würde es ihrer Einschätzung nach heute wesentlich weniger Raucher als früher geben. Sogar im Landtag in Hannover seien inzwischen die Rauchernischen entfernt worden, weiß die frühere Abgeordnete.

Nach Feierabend wird sich Karl Meyer heute genüsslich einen französischen Zigarillo anstecken und dabei einen anstrengenden Tag ausklingen lassen. Wer weiß, vielleicht hat er nach dem Jugendausschuss sogar eine Friedenspfeife mit der CDU geraucht? Ulrike Schröder wird dagegen standhaft bleiben. Sie weiß, dass sie es muss. „Manchmal, wenn ich mir etwas Gutes tun oder mich selbst belohnen will, huscht bei mir noch kurz der Gedanke an eine Zigarette vorbei“, erzählt sie. Doch der würde genauso schnell wieder verfliegen wie er gekommen sei.

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