Vor 35 Jahren hat Arno Müller die vermeintlichen Fußabdrücke der Bremer Stadtmusikanten in Syke entdeckt Packan kommt eigentlich aus Ostwestfalen

Syke·Bassum. Heimlich, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, hat Arno Müller als Kind Grimms Märchen verschlungen. 2,85 Reichsmark habe der dicke Wälzer damals gekostet, erinnert sich der heute 77-jährige Syker und hält die zerfledderte Ausgabe in der Hand. 1976, nach einem Wasserrohrbruch, habe er einen uralten Brunnen auf seinem Grundstück entdeckt, berichtet der Kaufmann aus der Hachestadt. Unter schweren Eichenbohlen wartete dann im Sand eine tierische Überraschung auf den Schatzmeister der Syker Werbegemeinschaft: die Fußabdrücke der Viererbande - Grauschimmels Huf, Packans Hundepfote, Bartputzers Katzenpfote und schließlich Rotschopfs Hahnentritt.
28.07.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Syke·Bassum. Heimlich, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, hat Arno Müller als Kind Grimms Märchen verschlungen. 2,85 Reichsmark habe der dicke Wälzer damals gekostet, erinnert sich der heute 77-jährige Syker und hält die zerfledderte Ausgabe in der Hand. 1976, nach einem Wasserrohrbruch, habe er einen uralten Brunnen auf seinem Grundstück entdeckt, berichtet der Kaufmann aus der Hachestadt. Unter schweren Eichenbohlen wartete dann im Sand eine tierische Überraschung auf den Schatzmeister der Syker Werbegemeinschaft: die Fußabdrücke der Viererbande - Grauschimmels Huf, Packans Hundepfote, Bartputzers Katzenpfote und schließlich Rotschopfs Hahnentritt.

Sofort ließ Müller die vermeintlichen Spuren der Bremer Stadtmusikanten in Bronze gießen, die Gedenktafel ziert auch 35 Jahre später noch die Wand seines Geschäfts an der Syker Hauptstraße. Nicht nur Arno Müller, auch der Achimer Heimatforscher Günter Schnakenberg sowie Klaus Merkle aus Kirchlinteln haben sich auf die Spuren des tierischen Quartetts begeben und beharren seit Jahren darauf, dass Esel, Hund, Katze und Hahn jeweils aus ihrer Region stammen und von dort aus nach Bremen gezogen sind.

Märchenonkel oder Marketingfüchse? Eher Letzteres, wenn man sich vor Augen führt, dass zwischen Kirchlinteln und Stellichte mittlerweile Radler den Stadtmusikantenweg abfahren und dabei gleich drei Landkreise (Verden, Rotenburg, Heidekreis) passieren. Merkles Projektidee "Die Heimat der Stadtmusikanten entdecken" wurde 2007 von der Lokalen Aktionsgruppe Hohe Heide (LAG) bewertet und ist in das Regionale Entwicklungskonzept 2007-2013 eingeflossen. Die Hohe Heide wurde aus Mitteln der EU-Gemeinschaftsinitiative Leaderplus finanziert und wird nun von Profil 2007-2013 unterstützt.

Auch in Syke wandeln die Gästeführerinnen seit Jahren auf den Spuren der Syker, pardon Bremer Stadtmusikanten. Kaufmann Arno Müller, der es vor 35 Jahren mit seiner Geschichte sogar bis in die Bremer Talkshow 3 nach 9 geschafft hat, kann sogar "wissenschaftlich" nachweisen, dass die Musikanten in Syke und umzu heimisch waren. Eine Urkunde aus dem Jahr 1250 belege dies. Dort seien alle Orte verzeichnet, die für den Bau der Bremer Weserbrücke Eichenbohlen liefern mussten. Auch Neubruchhausen, Halbetzen, Falldorf und Gut Hoope. "Grauschimmel stammte aus Neubruchhausen, musste dort in der Mühle schwere Säcke schleppen." Eine von den Naturfreunden Hachetal montierte Plakette an Margret Wieses Neubruchhauser Wassermühle solle daran erinnern.

Weiter geht es mit Onkel Arnos Märchenstunde: "Der Hund kam aus Halbetzen, die Katze lebte in Falldorf, einer Dependance des Bassumer Stifts. Weil sie keine Mäuse mehr fangen konnte, wurde sie von der Äbtissin verjagt. Auf Gut Hoope haben die drei dann den Hahn getroffen", erzählt Arno Müller seine Version der Bremer Stadtmusikanten. In einer Karte hat er feinsäuberlich den Weg der Tiere von Neubruchhausen in die Hansestadt eingezeichnet. Übrigens: "Das Räuberhaus stand im Syker Friedeholz", ist Arno Müller überzeugt.

Märchen aus Paderborn

Was? Bei solch einer gewagten Aussage verdreht der Bremer Germanist Gerrit Reichert nur die Augen. Weit über ein Drittel der von den Brüdern Grimm gesammelten Kinder- und Hausmärchen stamme aus dem Ostwestfälischen, genauer gesagt der Gegend um Paderborn, hat er recherchiert. Und nicht nur das - Jacob und Wilhelm Grimm hätten die Quellenangabe der Bremer Stadtmusikanten gleich doppelt handschriftlich gekennzeichnet. Freiherr von Haxthausen habe den Brüdern das Märchen überliefert. Als er sich kürzlich mit dessen Nachfahren getroffen habe, hätten sie es ihm bestätigt, betont der Germanist. Haxthausen werde auch in der Sekundärliteratur bei "Märchenpapst" Rölleke als Quelle erwähnt. Außerdem hätten sich zwei Bremer Staatsarchivare schon einmal genauer mit dem tierischen Quartett befasst. Ergebnis: Bis 1910 habe es noch keine Stadtmusikanten in Bremen gegeben, fasst Reichert die Nachforschungen zusammen. Erst danach seien sie als Werbung für Bremen auf Postkarten erschienen

und hätten die berühmte Sage von der Gluckhenne abgelöst.

Ob Arno Müller und Günter Schnakenberg ernüchtert sind, wenn Reichert erzählt, dass zwischen Japan und Portugal rund 100 Varianten der Bremer Stadtmusikanten im Umlauf seien, sich die Menschen das Märchen auch in Polen und Tschechien erzählen. "Laienforscher verfallen leicht dem Charme der Märchen", weiß Gerrit Reichert. Der Realität könnten sie jedoch nicht standhalten. Er schätze aber jeden, der sich um seine Heimat verdient mache, betont der Bremer Germanist. "Das Märchen der Stadtmusikanten wurde von mir bewusst auf diese Region projiziert", gesteht Klaus Merkle, Tourenleiter aus Kirchlinteln. "Lasst Fantasie mit all ihren Chören - Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft - doch ... nicht ohne Narrheit hören", zitiert Arno Müller die lustige Person aus Goethes Faust.

Er wolle den Hansestädtern nicht ihre Stadtmusikanten wegnehmen, betont der Butenbremer. "Disse Geschicht is lögenhaft to vertellen, aver wahr mütt se doch sien, anners kunn man se jo nich vertellen", wussten schon Jacob und Wilhelm Grimm.

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