Bau an der Bassumer Straße in Brinkum Patchwork-Haus füllt beim Bauamt 77 Aktenordner

Stuhr-Brinkum. Sind das da oben wirklich...? Wer zum ersten Mal die Bassumer Straße in Brinkum entlangschlendert, bleibt beim Anblick der Hausnummer 13 beinahe zwangsläufig stehen. Das Patchwork-Haus füllt beim Bauamt insgesamt 77 Aktenordner.
19.08.2010, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Hauke Gruhn

Stuhr-Brinkum. Sind das da oben wirklich...? Wer zum ersten Mal die Bassumer Straße in Brinkum entlangschlendert, bleibt beim Anblick der Hausnummer 13 beinahe zwangsläufig stehen und reibt sich verwundert die Augen. Ja, auf der Dachterrasse des Hauses, direkt über einer kleinen Geschäftszeile, ragen tatsächlich zwei riesige Tannen empor. Wer nun meint, dass es bei der Nummer 13 insgesamt nicht ganz normal zugeht, der hat völlig recht. Das Patchwork-Haus, das sich aus einem Haupthaus und ungezählten Anbauten zusammensetzt, füllt beim Bauamt insgesamt 77 Aktenordner. Und eingestürzt ist es auch schon mal...

Um aufzufallen, muss man nicht unbedingt Schönheitspreise gewinnen. Das beweist das Haus an der Bassumer Straße 13. Familie Hoffmann, der das markante Gebäude gehört, sitzt auf der Dachterrasse im ersten Stock. Vier Generationen haben sich am Tisch versammelt. Die Jüngste ist Melisa (9), die Älteste ihre Uroma Louise Hoffmann (88). Deren Sohn Burkhard Hoffmann kennt das Haus von Geburt an, er ist wie das ursprüngliche Gebäude Jahrgang 1962. Mit seiner Frau Heike betreibt er das Küchengeschäft im Erdgeschoss.

Auf dem Tisch liegen alte Fotos aus, die zeigen, dass es hier nicht immer so aussah. 'Es war mal ein normales Haus', sagt Heike Hoffmann. 'Jetzt ist es ein verrücktes Haus.' 'Schuld' daran ist ihr Schwiegervater Artur, der bis zu seinem Tod 1999 immer wieder an- und umbaute. Beinahe schon zwanghaft.

'Er hatte sich abends etwas in den Kopf gesetzt, dann habe ich ihm davon abgeraten, und am nächsten Morgen war schon alles fertig', erinnert sich Louise Hoffmann, die 'Grande Dame' des Hauses. 'Da wurde ich immer wieder überrumpelt.' Ihr Mann stand dann einfach früher als alle anderen auf, zog eine neue Mauer hoch oder riss eine andere nieder. Auch die Türen befanden sich bei Morgengrauen zur Überraschung aller schon mal an anderer Stelle wieder.

Vor der Arbeit Zement geschleppt

Die Nummer 13 hätte eine Menge zu erzählen, wenn sie denn könnte. Burkhard Hoffmann hilft aus. 'Ich war eines von elf Kindern', erzählt er. 'Da musste einfach ein großes Haus her.' Seine Eltern hatten vor dem Umzug nach Brinkum ein Geschäft in Kirchweyhe, sie lebten aber in Bremen. 'Mein Vater war schon vorher mit seinem Fahrrad und einem Handwagen unterwegs, um Politur und Textilien zu verkaufen', erzählt Burkhard Hoffmann. Dann wurde das Haus an der Bassumer Straße gebaut, die damals noch als B 51 herhalten musste. 'Ich bin deshalb im Dauerstau aufgewachsen', erinnert sich der 48-Jährige.

Er kramt alte Dokumente hervor, die den Werdegang des Gebäudes festhalten. 1964 wurden die Garagen neu gebaut, Ende des Jahres folgte die Hofüberdachung. 1968 ein entscheidender Schritt - der Anschluss ans Abwassernetz. 'Bis dahin hat mein Vater das wegfahren müssen, und ich durfte immer mit', erzählt Burkhard Hoffmann. Drei Jahre später, 1971, wurde der Laden im Erdgeschoss zur Straße hin erweitert. 1974 folgte die Erweiterung in umgekehrter Richtung zur Mühlenstraße hin.

Der erste Versuch einer zweiten Ladenerweiterung in Richtung Ortskern sorgte Mitte der Siebziger für Schlagzeilen. 'Da ist unser Haus teileingestürzt', verrät Burkhard Hoffmann. 'Die Baufirma hatte bei der Auskofferung auf dem Nachbargrundstück Putzsand gefunden und diesen abgetragen.' Offensichtlich wurde jedoch zu tief gebuddelt. Ein Arbeiter, der gerade das Geländer auf dem Dach abmontieren wollte, stürzte beim Einsturz des Hauses mit hinab und verletzte sich schwer.

Aber er war wohl nicht sonderlich nachtragend: 'Später hat er wieder bei uns weitergearbeitet, der war richtig hart im Nehmen', erzählt Burkhard Hoffmann. Von 1976 bis 1978 wurde das Projekt zweite Ladenerweiterung dann doch noch verwirklicht. Der heute 48-Jährige kann sich daran noch genau erinnern, schließlich musste er damals auch mit anpacken - parallel zu seiner Ausbildung im elterlichen Geschäft. 'Es wurde hier im Haus ja praktisch alles per Hand gebaut. Da haben wir morgens vor der Arbeit noch Sand und Zement hochgeschleppt.'

Und das mit dem Bauen hatte noch längst kein Ende. Von 1978 bis 1982 wurde auf die Ladenerweiterung noch ein Wohngebäude draufgesetzt. Warum die einzelnen Bauabschnitte immer so viel Zeit in Anspruch genommen haben? Burkhard Hoffmann glaubt die Antwort zu kennen: 'Es wurde immer dann weitergebaut, wenn Geld da war. Und mein Vater stammte ja auch aus Schlesien - da ist so etwas ganz normal.' Ganz normal war es hingegen wohl nicht, dass im elterlichen Geschäft, das Möbel und Textilien verkaufte (die Spezialisierung auf Küchen erfolgte erst 1994), ein Maurer angestellt war. 'Der lieferte Möbel aus und baute weiter am Haus', erinnert sich Burkhard Hoffmann.

Der Mann hatte gut zu tun. 1984/1985 kam es zu einer erneuten Erweiterung mit Garagen und Einstellflächen. Von 1985 bis 1988 wurde ein Teil der Geschäftsflächen unten in Wohnungen umgewandelt. Aus einem großen Geschäft wurden schließlich drei kleinere. Die LBS fand für zehn Jahre ihr Domizil dort, wo sich heute eine Fahrschule befindet. Und wo jetzt eine Pizzeria angesiedelt ist, befand sich lange Jahre eine Spielhalle - und zwischenzeitlich ein Kiosk. So manche Nutzungsänderung musste aktenkundig gemacht werden. 'Insgesamt haben sich beim Bauamt 77 Aktenordner über unser Haus angesammelt', erzählt Burkhard Hoffmann. 'Allerdings wurde in der Vergangenheit auch selten exakt so gebaut wie vorher aufgezeichnet.' So manche Tafel Schokolade wechselte deswegen den Besitzer...

Die Ära der großen Umbauten endete vorerst Anfang der 90er Jahre mit dem Umbau des alten Wohnhauses. 'Da sind meine Eltern aus-, und wir mit inzwischen drei Kindern eingezogen', berichtet Burkhard Hoffmann. Die Eltern nahmen sich eine Wohnung im selben Haus. Von denen gibt es inzwischen elf, wobei viele auch nur Ein-Zimmer-Apartments sind. 'Insgesamt haben wir jetzt etwa 80 Zimmer im Haus', schätzt Hoffmann. 'Ganz zu Anfang waren es mal elf.' Bei der Größe einen Überblick über das Patchwork-Haus zu bewahren, fällt nicht gerade leicht. Ehefrau Heike hat da so ihre Probleme: 'Ich lebe seit 20 Jahren hier, aber ich war bis heute noch nicht überall.' Dennoch scheinen die Familienmitglieder die 'verrückte 13' zu lieben. 'Ich kann mir nicht vorstellen, hier mal wegzuziehen', sagt Tochter Katrin. Und auch Sohn Nils (18) würde am liebsten bleiben.

Bald kommt noch was aufs Dach

Vielleicht findet sich ja noch ein Plätzchen im Haus. Immerhin: Theoretisch wäre ein viertes Stockwerk möglich, das würde das Haus wohl aushalten. 'Wir wollen aber demnächst lieber eine Photovoltaikanlage aufs Dach bauen', verrät Burkhard Hoffmann. Und in die Breite bauen geht einfach nicht mehr. 'Wir haben wohl das einzige Haus weit und breit, das zu jeder Seite an die Grundstücksgrenze reicht.'

Ein Kapitel ist hingegen Geschichte: der Partykeller. 'Den habe ich damals selbst ausgehoben', erzählt Burkhard Hoffmann. 'Das habe ich wohl von meinem Vater geerbt.' Zeitweise tummelten sich in den 70er und 80er Jahren bis zu 120 Feiernde aus Stuhr und Weyhe im Keller. 'Da schmunzeln jetzt bestimmt einige, die zwischen 40 und 50 sind und das lesen', vermutet Heike Hoffmann. Und ihre Schwiegermutter Louise erinnert sich auch noch gut: 'Das ging damals immer Tür rein, Tür raus.' Aber als elffache Mutter musste sie ja eine gewisse Toleranz aufbringen für die jungen Leute.

Doch was hat es mit den charakteristischen Bäumen auf dem Dach auf sich? 'Das waren mal kleine Weihnachtsbäume', erzählt Burkhard Hoffmann. 'Die hat mein Vater dort eingepflanzt. Zum Wegwerfen waren die ihm zu teuer.' Da die Bäume Flachwurzler seien, gebe es auch kein Problem mit dem richtigen Halt bei Wind und Wetter. 'Die stehen fest wie sonst was.'

Ob das Haus irgendwann mal ganz fertig wird? 'Neee', entfährt es Burkhard Hoffmann wie aus der Pistole geschossen. 'Jetzt bauen wir gerade einen Wintergarten.' Und dann kommt die Photovoltaikanlage, dann eine neue Heizung, dann irgendwas anderes. Es gibt immer gut was zu tun an der Bassumer Straße, in der verrückten Nummer 13.

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