Projekt Adelante im Landkreis Diepholz

Perspektive fernab der Heimat

Die Jugendarbeitslosigkeit in der Region Andalusien ist hoch. 15 Spanier, die nach ihrer Ausbildung keinen Job gefunden haben, setzen nun ihre Hoffnungen in das Projekt Adelante im Landkreis Diepholz.
30.08.2017, 18:05
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Perspektive fernab der Heimat
Von Claudia Ihmels
Perspektive fernab der Heimat

Diese Aufnahme der Projektteilnehmer ist noch in Sevilla entstanden, Anfang Oktober werden die jungen Leute aber die Reise nach Deutschland antreten.

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Landkreis Diepholz. Sie haben ein Bewerbungsverfahren gemeistert und in den vergangenen Monaten fleißig Deutsch gelernt. Nun stehen 15 junge Spanier aus Sevilla und Umgebung kurz vor einer Reise nach Deutschland, mit der sie viel Hoffnung verbinden. Denn die jungen Leute, die allesamt eine abgeschlossene Ausbildung vorweisen können, finden in ihrer Heimat keinen Job – kein Wunder bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 56 Prozent in der Region Andalusien. Im Landkreis Diepholz sind sie die ersten Teilnehmer des Projekts Adelante, werden bei Firmen hauptsächlich in Stuhr arbeiten und bei erfolgreicher Teilnahme nach einem Jahr die deutsche Anerkennung ihrer spanischen Ausbildung vorweisen können.

Dass das auf den ganzen Landkreis angelegte Projekt vor allem bei Stuhrer Unternehmen so großen Anklang gefunden hat, hat seinen Grund. Denn es ist die Fortführung eines Praktikanten-Austausches zwischen Stuhr und seiner Partnerstadt Alcala, ganz in der Nähe von Sevilla. Vier der drei Praktikanten, die dadurch nach Stuhr gekommen sind, hätten sich so bewährt, dass sie von den Unternehmen nun weiter beschäftigt werden, berichtet der Stuhrer Wirtschaftsförderer Lothar Wimmelmeier.

Parallel dazu habe die Industrie- und Handelskammer (IHK) darauf aufmerksam gemacht, dass es die Möglichkeit zur Anerkennung spanischer Abschlüsse gibt, fügt er hinzu. „Die Ausbildungen in Spanien sind in der Theorie gut, aber oft fehlt es in der Praxis“, sagt Wimmelmeier. Dieses oder andere Defizite müssten dann vor der Anerkennung nachgeholt werden. „Außerdem haben wir festgestellt, dass die Sprache der Schlüssel zum dauerhaften Erfolg ist“, ergänzt der Wirtschaftsförderer.

Ergebnis all dieser Erfahrungen und Erlebnisse ist das Projekt Adelante, hinter dem die Wirtschaftsförderung des Landkreises Diepholz und die IHK stehen. Auf spanischer Seite ist das Ministerium für Arbeit in Sevilla beteiligt, das den Deutschkursus der Teilnehmer und die Flüge nach Deutschland finanziert. Als Projektträger wurde das Bremer Unternehmen Practigo engagiert. Erster Schritt war laut Practigo-Geschäftsführer Marc Oliver Schneider die Suche nach Unternehmen und in einer zweiten Phase die Auswahl der Kandidaten in Spanien. Daran waren bereits die Unternehmen beteiligt, per Videokonferenz konnten sie die Bewerber kennenlernen. Ab Mitte Mai folgte ein Intensiv-Deutschkursus.

Während sich der erste Teil komplett in Spanien abgespielt hat, werden die 15 Teilnehmer Anfang Oktober im Landkreis Diepholz eintreffen. Practigo wird sie nach eigenen Angaben bei den alltäglichen Dingen mit einem Orientierungsseminar unterstützen, außerdem steht ein achtwöchiges Praktikum im zukünftigen Betrieb auf dem Programm. Erst danach entscheiden die beteiligten Firmen Wenzel Marine, Straschu Holding, kwb Germany, Rösler Software-Technik, Kasper-Elektronik, Provis Steuerungstechnik, MST Medien Systemtechnik, Cordes & Graefe und Paul Schrader in Stuhr, Weyhe und Delmenhorst, ob sie die Teilnehmer für die sogenannte Anpassungsqualifizierung beschäftigen. Wenn ja, müssten sie den jungen Spaniern ein Gehalt von rund 850 Euro netto sowie Projektkosten von 100 Euro, beides monatlich, zahlen.

Mit Letzterem werden weitere Integrations- und Sprachkurse finanziert. „Wir übernehmen die Kümmererfunktion“, sagt Schneider. Und dazu gehört auch, die Projektteilnehmern ein Dach über dem Kopf zu verschaffen. „Wir sind noch auf der Suche nach weiteren Gastfamilien“, so der Practigo-Geschäftsführer. Zwar habe das Unternehmen auch eine eigene Unterkunft, aber für die Integration wäre eine Gastfamilie die bessere Variante. Dabei gehe es auch zunächst nur um die ersten acht Wochen während des Praktikums. Interessenten können sich bei Practigo unter der Telefonnummer 04 21 / 4 08 97 70 melden. Auch weitere Unternehmen seien willkommen.

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