Serie: Die Marienkirche in Leeste Spannender Fund in einem alten Kirchenbuch

Weyhe-Leeste. Die Entdeckung von Gerhard Becker erinnert an ein Kapitel aus einem fesselnden Geschichtsroman. Der ehemalige Pastor und Hobby-Historiker der Leester Marienkirche fand vor ein paar Jahren in einem dicken, alten Kirchenbuch eine kleine Sensation.
29.03.2010, 18:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Nils Hartung

Weyhe-Leeste. Die Entdeckung von Gerhard Becker erinnert an ein Kapitel aus einem fesselnden Geschichtsroman. Der ehemalige Pastor und Hobby-Historiker der Leester Marienkirche fand vor ein paar Jahren in einem dicken, alten Kirchenbuch eine kleine Sensation: Eine falsch eingeordnete Akte aus dem 18. Jahrhundert, die präzise Auskunft über Bauarbeiten und Handwerker-Rechnungen am Leester Gotteshaus gab.

'Extract aus der Bau Rechnung von der Kirche zu LeesteInspection Sulingen geführet von dem zeitigen Küster Georg Wilhelm Neumann.' So heißt es in der Akte, die Becker aufgestöbert hat. Ein paar gesicherte Daten gibt es aus dieser Zeit. So wurden laut Archiv im Jahr 1772 neue Kirchenbänke angeschafft, 1777 wurde die alte Kirche abgebrochen. Und im Jahr 1781 waren die Arbeiten an der Marienkirche - zumindest vorläufig - beendet. 'Am 30. Mai 1783 fand dann die offizielle Einweihung unserer Kirche statt. Ursprünglich wurde angenommen, die Kirche stamme aus dem Jahr 1776. Aber der Turm ist auf alle Fälle älter', erklärt Ele Brusermann, heute Pastor in Leeste.

Brusermann ist seit 1986 in der evangelischen Gemeinde, er kennt sich aus in der Marienkirche - genau wie Dieter Suhling (62), der seit fünf Jahren das Amt des Küsters bekleidet. Suhling lehnt oben am Geländer vor der Orgel und lässt den Blick zufrieden durch das Gebäude gleiten. Das Innere der Marienkirche verströmt Gemütlichkeit, dafür sorgt das viele Holz, mit dem hier gebaut wurde. Vor allem die Bänke, die in einem warmen Rotbraun-Ton lackiert sind. 'Unter dem Lack sind immer noch die alten Namensschilder zu sehen', weiß Pastor Brusermann. In der guten, alten Zeit hatte jede Familie einen echten Stammplatz in der Marienkirche.

Glocke aus dem Jahr 1516

Die Kirche am Henry-Wetjen-Platz ist sowieso schon altehrwürdig. Richtig historisch ist aber eine der Glocken: Sie stammt aus dem Jahr 1516. Und ein weiterer Hingucker ist die Bibel, die auf dem Altar ruht. Es handelt sich um ein Original von 1796 - noch gut lesbar und in einwandfreiem Zustand. 'Nur den Einband mussten wir von einem Spezialisten erneuern lassen', verrät Brusermann. Die Heilige Schrift dient heutzutage allerdings mehr zur Dekoration, der Geistliche liest in der Messe aus einem anderen, robusteren Exemplar.

Ein Unwetter sorgte im Jahr 1790 für einen gehörigen Schaden am Gebäude. Anschließend musste der Turm an der Westseite gehörig erneuert werden. 'Um 1860 wurden dann die Emporen eingebaut, die vorderen Emporenköpfe wurden um 1950 wieder abgenommen', erzählt Brusermann. Gott solle freistehen, so die damals landläufige Meinung. Knapp zwanzig Jahre später, 1967, fand die vorerst letzte Renovierung in der Kirche statt: Es wurde neu lackiert, dem Gotteshaus sozusagen ein neuer Anstrich verpasst.

Das goldene Altarkreuz hat die Gemeinde 1998 angeschafft, das 'alte' Kreuz war aus Holz und mittlerweile morsch und brüchig geworden. 'Außerdem war der Korpus der Jesus-Figur kaputt', erinnert sich Küster Suhling. Das Goldkreuz korrespondiert hervorragend mit dem ebenfalls goldenen Osterleuchter - kein Wunder, beide Objekte stammen vom selben Künstler. 'Norbert Labenz aus Hemmingen bei Hannover hat das Kreuz und den Leuchter geschaffen. Der Leuchter symbolisiert die Auferstehung Jesu', betont Brusermann. Die Verantwortlichen der Marienkirche entschieden sich beim Kreuz mit Absicht für eine schlichte Variante, ohne Jesus am Kreuz. 'Dahinter ist unsere Altarszene, das Abendmahl, mit einem lebendigen Jesus dargestellt. Da fanden wir es unpassend, davor den Gekreuzigten zu stellen', erklärt der Pastor. Außerdem symbolisiere die Dornenkrone am Kreuz den Leidensweg des Messias.

Die Gemeinde zählt insgesamt etwa 7000 Mitglieder. In der Kirche ist Platz für etwa 400 Gläubige, davon finden 220 Menschen Platz im unteren Teil der Kirche. 'Oben passen auch noch mal etwa 180 Leute hin', erklärt Suhling. Die Aktivposten in Leeste sind die Kirchenmusik, der Kirchen-, sowie der Posaunenchor. 'Sie tragen das Gemeindeleben', schwärmt der Pastor. Die Leester Sänger bieten jedes Jahr von Mitte Oktober einen Projektchor an, bei dem alle Interessierten in die Chorarbeit hineinschnuppern können. Dazu wird die Weyher Ausgabe der Syker Tafel im Jugendhaus der Mariengemeinde organisiert, es gibt seit zehn Jahren eine Pfadfindergruppe, dazu kommen die Konfirmanden. 'Das sind genau 90 in diesem Jahr', weiß Brusermann, der die Jugendlichen alle zwei Wochen unterrichtet.

Die Gemeinde am Henry-Wetjen-Platz hat ähnliche Probleme wie viele andere Gemeinden, Vereine oder Klubs: Es darf ein bisschen mehr sein - vor allem, was die Jugendarbeit angeht. 'Es wäre immer schön, wenn da mehr kommt', betont Brusermann, 'aber: Wir haben viele Angebote zum Beispiel einen Kinder- und Krabbelgottesdienst oder einen Kinderchor.' Heute, so sagen zumindest viele Fachleute, müsse sich die Kirche mehr öffnen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Und damit haben sie in Leeste offensichtlich auch keinerlei Probleme: Es gibt sogar einen Beamer, mit dem Gottesdienste oder kirchliche Feiern auf eine Leinwand übertragen werden können, damit auch weiter hinten die Sicht optimal ist. 'Ich öffne die Kirche gerne. Nur: Meinen Talar werde ich am Fasching nie verleihen', erklärt der Pastor schmunzelnd. Das ist übrigens keine erfundene Situation, es gab tatsächlich schon mehrfach Anfragen nach dem Kleidungsstück des Geistlichen.

Nächste Baustelle steht schon an

Die nächste große Baustelle in Leeste ist neben der Reparatur der Furtwängler-Orgel die Sanierung des Kirchturms. 'Da kommt schon der Mörtel aus den Fugen, weil der alte Glockenstuhl aus Stahl war. Das hat natürlich ganz schön mitgeschwungen', sagt Suhling. Aber da sind sie dran, die Leester. 'Wir haben längst einen Antrag bei der Landeskirche gestellt, doch es wurden immer wieder andere Projekte als dringlicher erachtet', erzählt er. Der Turm ist aber nicht die einzige Baustelle: Anstelle des Jugendhauses soll bald ein echtes Gemeindezentrum entstehen - in der Nähe der Marienkirche. 'Einige sagen, dass wir bereits 2010 mit dem Bau beginnen werden. Das halte ich für sehr optimistisch. Aber für 2011 rechne ich auf alle Fälle mit dem Bau - eventuell sogar schon mit dem Abschluss', hofft der Pastor. Einige andere Grundstücke an der Böttcherei, an der Schulstraße sowie an der Geestfurth sollen in absehbarer Zeit dazu verkauft werden.

Fernziel ist es, die Gemeinde rund um das kirchliche Zentrum im Ort anzusiedeln, um die Marienkirche. Denn die steht an ihrem Platz - und zwar seit Jahrhunderten. Mit einem echten Kirchhof gleich vor der Tür. Die klassische Dorfkirche eben. 'Die erste Erwähnung einer Kirche in dieser Gegend stammt aus dem zwölften Jahrhundert. Das war vermutlich aber noch an einem etwas anderen Ort', weiß Brusermann. Trotzdem bleiben es Jahrhunderte. Und die Gemeinde schart sich gerne um ihr Gotteshaus. Wie beispielsweise beim traditionellen Weihnachtsmarkt zu sehen ist.

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