Traditionsgasthäuser Teil 5 Stefan Hüneberg führt seit 2008 den Varreler Krug

Stuhr·Varrel. 'Hier soll mal ein Schweinestall gewesen sein', erzählt Stefan Hüneberg und lässt den Blick durch den Varreler Krug schweifen. Seit knapp zwei Jahren führt er die Traditionsgaststätte.
16.02.2010, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Hauke Gruhn

Stuhr·Varrel. 'Hier soll ja auch mal ein Schweinestall gewesen sein', erzählt Stefan Hüneberg und lässt den Blick durch den gemütlich-rustikal ausgestatteten Varreler Krug schweifen. Seit knapp zwei Jahren führt er die Traditionsgaststätte an der Varreler Landstraße. Und über die Historie des Hauses lernt er ständig etwas hinzu. 'Die Stammgäste haben uns bereits viele Geschichten erzählt. Das ist der harte Kern unseres Publikums, die sind praktisch mit dem Krug groß geworden.'

Hüneberg selbst wurde die Gastronomie in die Wiege gelegt. 'Meine Eltern, meine Onkel und Tanten - die waren alle in der Branche tätig.' Dennoch schlug Hüneberg zunächst einen anderen Weg ein, 14 Jahre lang war er Automobilverkäufer, zuletzt sogar Verkaufsleiter Gebrauchtwagen bei einem großen Autohaus.

Als gelernter Kaufmann wagte er 2007 dann selbst den Schritt in die Gastronomie. 'Mit meiner Stammkneipe ,Zur Wasserburg' in Bremen-Arsten ging es zu der Zeit den Bach runter. Da habe ich sie übernommen.' Recht schnell habe er dort die Wende geschafft, sagt Hüneberg. Die Umsatzzahlen seien schließlich so beeindruckend gewesen, dass er von seinen Getränkelieferanten auf eine weitere Lokalität angesprochen wurde: den Varreler Krug.

Die Traditionsgaststätte besteht nachweislich seit 1685 - und sie kann auf eine lange wechselvolle Geschichte zurückblicken. Zum 300-jährigen Bestehen gab es im Juni 1985 große Feierlichkeiten. Jürgen Timm, damals stellvertretender Vorsitzender des örtlichen Sparklubs 'Varreler Krug', war aus diesem Anlass extra für Recherchen ins Oldenburger Staatsarchiv gefahren.

Dort ließ er sich auch die wichtigste Jahreszahl bestätigen: Ein gewisser Voigt Maas aus Delmenhorst hatte bereits vor nunmehr 325 Jahren die Schankstätte 'in Pacht' - daher das 'Geburtsjahr' 1685. Der Varreler Krug ist somit die älteste noch existierende Stuhrer Gastwirtschaft. 'Und in Varrel ist es die einzige', ergänzt Jürgen Timm. Inzwischen ist er erster Vorsitzender des 1920 gegründeten Sparklubs, und das Stammlokal ist nach wie vor - klar - der Varreler Krug. 'Er ist sehr zentral gelegen und schon deshalb ein wichtiger Treffpunkt hier im Ort', findet Timm.

Über die Geschichte der Stuhrer Gastwirtschaft und speziell die des Varreler Krugs gibt Erich Lembergs 'Buch von Stuhr' Auskunft. Auf den bereits erwähnten Voigt Maas folgten demnach unter anderem die Krüger Bücking, Kückens, Steenhoff, zur Jacobsmühlen, Wittrock und Cordes. Lange Jahre führten auch der Spanier Pepe Castro und seine Frau Isolde den Krug. In ihre Schaffenszeit fiel auch das 300-Jahre-Jubiläum. Die noch heute im Varreler Krug anzutreffende Einrichtung mit rustikalen Eichenbalken, getäfelten Wänden und bäuerlichem Hausrat gibt es seit einer Renovierung Anfang der 1980er Jahre zu bestaunen.

Als der Wirt noch 'Krüger' hieß

Bereits zu Zeiten des Voigts Maas herrschten strenge Sitten. Der Staat wollte nicht nur alles regeln, sondern auch alles wissen. Die Wirtschaften durften damals nur mit behördlicher Erlaubnis eingerichtet werden, und eine Verordnung von 1649 sah vor, dass die Gastwirte ('Krüger') über ihre Gäste, deren Aufenthalt, Herkunft und Ziele sowie ihren Verbrauch Auskunft geben mussten. Zudem waren sie verpflichtet, Krugsteuer und die sogenannte Akzise zu berappen.

Letztere war eine Verbrauchssteuer, wonach auf einheimisches Bier weniger Abgaben fällig wurden als auf 'ausländisches' (Bremer) Bier. Doch auch in Stuhr müssen es die Bewohner einst allzu bunt getrieben haben: 1814 wurde festgelegt, dass Gastwirtschaften um 22 Uhr zu schließen und sonntags erst gar nicht vor 16 Uhr zu öffnen seien. Zudem wurde festgelegt, dass keinem Gast etwas geborgt werden durfte. Und der Krüger war per Dekret ab sofort für alle Schlägereien in seinem Hause verantwortlich.

Am Varreler Krug wurde im Laufe der Jahrhunderte des Öfteren an- und umgebaut. Einst soll es dort auch eine Zollstation gegeben haben. Für kurze Zeit hieß der Varreler Krug nach 1888 allerdings gar nicht mehr Varreler Krug - sondern 'Steenhoffs Gasthaus. Hülfs-Station für Radfahrer'. Der etwas sperrige Name setzte sich auf Dauer freilich nicht durch. 1914 kauften die Großeltern von Heide Sagehorn das Gebäude, in dem sich bis heute unter anderem die Gastwirtschaft befindet. Zunächst betrieb Großvater Wilhelm Wittrock den Varreler Krug selbst, nach seinem Tod wurde an die Familie zur Jacobsmühlen verpachtet.

'Meine Mutter Marga Schneider ist mit ihren 92 Jahren noch heute die Verpächterin', erzählt Heide Sagehorn. 'Sie hat auch von 1946 bis in die 80er Jahre hinein das Edeka-Geschäft geführt, in dem sich heute die Bäckerei Krützkamp befindet.' Dort, wo jetzt Heide Sagehorns Nichte einen Schreibwarenladen betreibt, war bis in die 1970er Jahre die Volksbank angesiedelt. Nun befindet sich diese gegenüber auf der anderen Straßenseite. Und die Sache mit dem Schweinestall kann Heide Sagehorn auch aufklären. 'Es gab zwar einen solchen Schweinestall', erzählt sie, 'aber der befand sich nicht in dem Gebäudeteil, wo jetzt der Varreler Krug ist.' Beim Stille-Post-Spiel kommt im Laufe der Jahre eben doch so einiges durcheinander...

Im Mai 2008 übernahm Stefan Hüneberg die Traditionsgaststätte, die er schon von Kindesbeinen an kannte, weil er regelmäßig auf dem benachbarten Gut Varrel seiner Angel-Leidenschaft nachging. 'Der Krug lief damals nicht mehr so, wie er sollte. Und zu Beginn musste sich auch bei uns das Publikum erstmal finden', berichtet Hüneberg über kleinere Startprobleme. Die seien aber inzwischen längst überwunden. 'Bei uns gibt es nun drei Generationen an Gästen.

Und es sind auch viele ehemalige Stammgäste zurückgekehrt.' Die rustikale Ausstattung sieht Hüneberg eindeutig als Pluspunkt: 'Sie war mit ein Grund, den Varreler Krug zu übernehmen.' An Wochenenden verwandelt sich die Traditionsgaststätte seit einiger Zeit in eine Fußball-Arena. Insbesondere wenn Werder spielt, sei es proppevoll, berichtet Stefan Hüneberg. 'Wenn wir Fußball zeigen, kommen immer so 70 bis 100 Leute. Teilweise mussten wir sogar schon den Einlass stoppen, weil wir nicht mal mehr freie Stehplätze hatten.' Nicht nur die

Einrichtung, auch das Essen im Varreler Krug ist eher rustikal. Bratkartoffeln, Knipp, Schinkenbrote, Pommes, Frikadellen - das wird am häufigsten bestellt.

Sonja Brodtmann, die Lebensgefährtin von Stefan Hüneberg, 'managt' den Varreler Krug unter der Woche. Der Chef selbst pendelt häufig zwischen seinen beiden Gaststätten. 'Ein Spagat, der aber ganz gut klappt', findet er. Mit dem Varreler Krug hat Stefan Hüneberg derweil noch einiges vor.

Im Internet gibt es unter www.varrelerkrug.de bereits viel Wissenswertes zu finden. Hünebergs Überlegungen gehen jetzt dahin, die leer stehende Wohnung über der Schankwirtschaft zu Gästezimmern auszubauen. 'Und 2011 wollen wir endlich auch Kohltouren anbieten.'

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