Von Politikverdrossenheit ist bei den Menschen in Stuhr und Weyhe vor der Bundestagswahl kaum etwas zu spüren Urnengang für viele selbstverständlich

+1992 erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache „Politikverdrossenheit“ zum Wort des Jahres. Seither ist der Begriff – angesichts stetig sinkender Wahlbeteiligung – fester Bestandteil der öffentlichen Diskussion. Bei der vergangenen Bundestagswahl rangierte der Anteil der Nichtwähler auch in den Gemeinden Weyhe und Stuhr hinter CDU und SPD auf Platz drei. Mit Blick auf den Urnengang am kommenden Sonntag waren sich viele Stuhrer und Weyher gestern jedoch einig: Das Kreuzchen ist Bürgerpflicht.
17.09.2013, 00:00
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Von Merle Heusmann

+1992 erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache „Politikverdrossenheit“ zum Wort des Jahres. Seither ist der Begriff – angesichts stetig sinkender Wahlbeteiligung – fester Bestandteil der öffentlichen Diskussion. Bei der vergangenen Bundestagswahl rangierte der Anteil der Nichtwähler auch in den Gemeinden Weyhe und Stuhr hinter CDU und SPD auf Platz drei. Mit Blick auf den Urnengang am kommenden Sonntag waren sich viele Stuhrer und Weyher gestern jedoch einig: Das Kreuzchen ist Bürgerpflicht.

Der Schulgong hat soeben die sechste Stunde an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Brinkum beendet. Schülermassen strömen aus dem Gebäudekomplex auf den Schulhof. Unter ihnen eine junge Frau mit Brille und Schal, die auf den Beginn der nächsten Unterrichtsstunde wartet – Politik. „Ich hoffe, heute noch etwas mehr über die Bundestagswahl zu erfahren“, sagt Wiebke Othersen aus Heiligenrode. Eines steht für die 19-Jährige – die am Sonntag das erste Mal den Bundestag mitwählen darf – aber schon jetzt fest: Sie setzt ihr Kreuz auf den Wahlbogen. Das hätten ihr ihre Eltern so vermittelt, betont sie. Wer nicht hingehe, dürfe sich nachher auch nicht beschweren.

So wie Wiebke Othersen dachten bei der vergangenen Bundestagswahl vor vier Jahren aber gerade einmal 65,4 Prozent der Wahlberechtigten in der Gemeinde Stuhr und 78, 4 Prozent in Weyhe. Die Wahlbeteiligung in Stuhr lag damals unter dem bundesweiten Durchschnitt von 73,3 Prozent.

Das müsse sich ändern, fordert der 62-jährige Hans-Werner Bodensieck, der am Brinkumer ZOB in der Mittagssonne auf seinen Bus wartet. Er selbst habe immer gewählt, lässt er wissen. Verständnis für Nichtwähler könne er aber dennoch aufbringen. „Die Unterschiede zwischen den Parteien sind einfach zu gering“, findet Bodensieck. Politiker seien nur darauf aus, sich zu profilieren.

Für den 86-jährigen Erich Meinz, der ebenfalls gerade am ZOB vorbei flaniert, spielt das keine Rolle. Es sei selbstverständlich, zur Wahl zu gehen, sagt er. Vor wenigen Jahren sei er als gebürtiger Bremer von der Hansestadt nach Stuhr gezogen. An seinem Wahleifer änderte das nichts. „Ich habe die ganze Zeit miterlebt, in der wir keine Möglichkeit hatten, zu wählen“, merkt Meinz an. Er selbst sei damals im Jungvolk gewesen. „Heute bin ich begeistert, das es die Chance gibt“, so der 86-Jährige. Man müsse etwas dafür tun, dass es so bleibe. Da seine Frau es nicht ins Wahllokal schaffe, habe das Ehepaar bereits per Brief gewählt. „Das scheint ja ohnehin im Trend zu liegen.“

Gegenüber des Busbahnhofes warten derweil zwei Jungen an einer Ampel. Maik aus Fahrenhorst und Sven aus Heiligenrode haben bereits Schulschluss. Im Politikunterricht habe die Bundestagswahl in den vergangenen Wochen eine Rolle gespielt, erzählen die beiden Neuntklässler, die selbst nur bei der Juniorwahl an ihrer Schule ein Kreuz machen dürfen. Wahlmüdigkeit ist für die beiden trotzdem nicht hinnehmbar. „Ich kann es nicht leiden, wenn sich Leute vier Jahre lang das Maul zerreißen, und dann später nicht wählen gehen“, sagt der 16-jährige Maik.

Diese Option haben Menschen aus anderen Ländern gar nicht erst. So wie die Brasilianerin Juliana Schnabel, die am Kirchweyher Marktplatz gerade aus ihrem Auto steigt. In Brasilien sei es ein Muss, zu wählen, berichtet die junge Frau, die seit acht Jahren in Deutschland lebt, jedoch keine deutsche Staatsbürgerin ist. „Wer in Brasilien nicht wählt, bekommt eine Strafe“, erzählt sie. Bei den brasilianischen Wahlen würde sie deshalb immer in der brasilianischen Botschaft in Berlin mitabstimmen. Wie in Deutschland die freie Wahl zu haben, ob man wählen geht oder nicht, finde sie aber dennoch demokratischer. „Für mich bedeutet das Freiheit“, sagt Juliana Schnabel.

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