Prozess vor dem Landgericht Verden

"Verletzte Ehre" möglicher Auslöser

Verden. Musste Daniel S. sterben, weil sein mutmaßlicher Mörder seine Wut an jemandem auslassen wollte? Dies ist eine der Fragen, die seit Dienstag vor dem Landgericht Verden geklärt werden sollen.
11.09.2013, 05:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Sebastian Kelm
"Verletzte Ehre" möglicher Auslöser

Große Medienpräsenz beim Prozessauftakt im Fall Daniel S. am Landgericht Verden (Archivfoto).

Bjoern Hake

Musste Daniel S. sterben, weil sein mutmaßlicher Mörder seine Wut an jemandem auslassen wollte? Dies ist eine der Fragen, die seit gestern vor dem Landgericht Verden geklärt werden sollen. Am ersten Verhandlungstag wurde nur die Anklageschrift verlesen. Die darin geschilderten Details zum Tathergang am Kirchweyher Bahnhof ließen aber nicht nur die Angehörigen des Opfers um Fassung kämpfen.

Im schwarzen Oberhemd sitzt der schmächtige junge Mann auf der Anklagebank im Landgericht Verden und vernimmt ohne sichtbare äußere Regungen, was ihm gerade zur Last gelegt wird. Es sind die von der Staatsanwaltschaft gesammelten Einzelheiten jener Nacht auf den 10. März, in der er den 25-jährigen Daniel S. bei einem brutalen Angriff derartig schwere Verletzungen zugefügt haben soll, dass er diesen später im Krankenhaus erlag. Es sind bisher nicht öffentlich bekannte Details zum Tathergang am Kirchweyher Bahnhof, die Uwe Hoffmann, Rechtsanwalt der Mutter des Opfers, später wie folgt kommentiert: „Es tut weh, das alles zu hören.“

Ein nun vorgestelltes Ergebnis der Ermittlungen: der vermeintliche Auslöser der Gewalttat. Der 20-jährige Cihan A. soll darüber „in Rage“ geraten sein, dass ihn der Busfahrer auf dem Rückweg von einem Diskobesuch in Wildeshausen aufgefordert hatte, sich nach vorne zu setzen. Der mutmaßliche Haupttäter sei vorher schon als „besonders streitsüchtig“ aufgefallen. So wollte der Busfahrer ihn und weitere Begleiter besser im Auge behalten. Dadurch offenbar in seiner Ehre verletzt, soll der Angeklagte angekündigt haben: „Einer wird diese Nacht nicht überleben.“

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An verbalen Auseinandersetzungen im Bus soll Daniel S. nicht beteiligt gewesen sein. Er habe lediglich versucht, die Situation zu beruhigen, appellierte für einen respektvollen Umgang miteinander. Am Kirchweyher Bahnhof angekommen, traf ihn schließlich die Wut des laut Staatsanwaltschaft „wahllos“ agierenden Angeklagten: Cihan A. – wie sein Opfer ebenfalls aus Leeste – sei aus dem Bus gestürmt, habe sich erst noch seine Jacke ausgezogen und dann Daniel S. geschlagen.

Kurz habe er von ihm abgelassen – allerdings nur, um ein weiteres Mal Anlauf zu nehmen und ihn von hinten in der Manier eines Kickboxers gegen den Oberkörper zu treten. Mit „menschenverachtendem Vernichtungswillen“ habe er auch noch auf Daniel S. eingetreten, als der bereits regungslos am Boden lag, wie Staatsanwältin Annette Marquardt weiter ausführt. Für eine Tötungsabsicht würde sprechen, dass der 20-Jährige so lange weitergemacht habe, bis er lautstark feststellte: „Der ist tot.“

Während das verlesen wird, ringt Ruth S. mit der Fassung, kämpft mit den Tränen. Jeweils vertreten durch einen eigenen Anwalt, tritt sie zusammen mit ihren drei Söhnen als Nebenkläger auf, einer von ihnen ist beim Prozessauftakt aber nicht dabei.

Einer der Brüder, Tobias S., stellt sich – sichtlich mitgenommen, ansonsten aber gefasst – den Fragen der zahlreichen Medienvertreter, die den ersten Verhandlungstag mitverfolgen. „Es ist eine Schweinerei. Er soll wenigstens ein bisschen für das büßen, was er uns angetan hat“, formuliert er seine Erwartungen an das Urteil für Cihan A., das nach aktuellem Stand frühestens im Dezember fallen wird.

Uwe Hoffmann, der Rechtsbeistand der Mutter von Daniel S., ist schon zufrieden, dass es gestern überhaupt zur Verlesung der Anklageschrift gekommen ist. Weitere Anträge hätten sich schließlich auch verzögernd auswirken können. Und er sagt: „Ich bin froh, dass meine Mandantin das schon einmal überstanden hat.“

Der Angeklagte selbst kommt beim ersten Tag der Hauptverhandlung – abgesehen von der Bestätigung seiner Personalien – noch nicht zu Wort. Der vorsitzende Richter Joachim Grebe legt ihm nahe, die Möglichkeit zu nutzen und sich zu den Vorwürfen zu äußern – vielleicht auch schon beim nächsten der insgesamt 20 angesetzten Termine. Der wird am Mittwoch, dem 25. September, stattfinden. Stellung zu beziehen, könne sich in seiner Situation eigentlich nur positiv für ihn auswirken, so der Richter.

Damit bezieht Grebe sich auf die Möglichkeit, dass der Fall als Jugendstrafsache behandelt wird. Geführt wird der Prozess bereits vor der dritten großen Jugendstrafkammer des Landgerichts Verden, weil der Angeklagte erst 20 Jahre alt ist. Es gilt jedoch noch zu klären, ob Cihan A. – in Verden geboren, aber türkischer Staatsangehöriger – vor Gericht nun als Jugendlicher oder als Erwachsener betrachtet wird. Nur nach Erwachsenenstrafrecht würde ihm eine lebenslange Haftstrafe drohen.

Noch lange nach der Verhandlung, der auch Weyhes Bürgermeister Frank Lemmermann beiwohnt, stehen die Angehörigen von Daniel S. vor dem Landgericht. Ihre Trauer ist unübersehbar. Tobias S. wird gefragt, wie er seiner Mutter Trost spenden könne. Seine Antwort: „Trösten kann sie nur ein gerechtes Urteil.“

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