Kreistag Rotenburg will Strecken reaktivieren Die Idee: Vom Auto in die Bahn

Der Rotenburger Kreistag macht sich für die Reaktivierung von drei stillgelegten Personenzuglinien stark: Bremervörde-Stade, Bremervörde-Rotenburg und Zeven-Tostedt.
30.04.2020, 18:43
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Von Johannes Heeg

Landkreis Rotenburg. Die Mobilität auf dem Land verbessern und gleichzeitig den Klimaschutz voranbringen, das ist das Ziel einer parteiübergreifenden Resolution zur Reaktivierung von Bahnstrecken, die der Rotenburger Kreistag in seiner jüngsten Sitzung einstimmig verabschiedet hat. Nachdem sich Anfang März zuerst die SPD und dann die Grünen für die Wiederbelebung der Strecke Bremervörde-Stade für den regulären Personenverkehr stark gemacht hatten, kam vor einer Woche die Mehrheitsgruppe aus CDU, FDP und Wählergemeinschaft mit einem weitergehenden Antrag um die Ecke, in dem zusätzlich auch die Wiederinbetriebnahme der Strecken Zeven-Sittensen-Tostedt sowie Bremervörde-Zeven-Rotenburg gefordert wird. Daraus wurde ein gemeinsamer Antrag.

Zur Begründung stellte der CDU-Fraktionsvorsitzende Marco Prietz im Kreistag den Klimaschutz in den Fokus. Der Verkehrssektor hinke bei der Senkung des Kohlendioxidausstoßes noch hinterher, „wir haben zu viel Individualverkehr mit Pkw“. Ziel müsse es daher sein, von der individuellen Mobilität auf „gemeinschaftliche Lösungen“ umzuschwenken, beispielsweise auf die Bahn. Ein gut ausgebauter Schienenpersonenverkehr mache den ländlichen Raum attraktiver. So sei die Samtgemeinde Zeven zwar das Mittelzentrum im Landkreis mit den meisten Einwohnern und der höchsten Wirtschaftskraft, verfüge anders als die anderen Mittelzentren Rotenburg und Bremervörde jedoch nicht über einen Bahnanschluss.

In ihrem gemeinsamen Antrag äußern CDU, Wählergemeinschaft, FDP, SPD und Grüne die Hoffnung, dass es für die geforderten Streckenreaktivierungen Mittel aus dem Klimapaket des Bundes geben könnte. Sie berufen sich auf „Ankündigungen“, wonach der Schienenpersonenverkehr mit mehreren Milliarden Euro gestärkt werden solle. Obwohl es vom Bund bisher keine Mittelzuweisung aus dem Klimaschutzpaket gebe und auch das Land bislang keine Konzepte oder Förderprogramme für Streckenreaktivierungen vorgelegt habe, „mehren sich seit dem Jahreswechsel die Hinweise darauf, dass zwischen Bund und Ländern möglicherweise Initiativen vereinbart werden“, heißt es vage in dem Antrag. Darum müsse sich der Landkreis Rotenburg frühzeitig positionieren.

Für die SPD konnte sich Fraktionschef Bernd Wölbern einige dezente Seitenhiebe gegen die Mehrheitsgruppe nicht verkneifen. Es sei erstaunlich, wie sich die Sicht auf diesen Bereich der Verkehrspolitik in den Jahren verändert habe. Er blickte zurück auf die Kreistagssitzung im Dezember 2005, in der sich die seinerzeitige Mehrheit mit Händen und Füßen dagegen gewehrt habe, um die Strecke von Zeven nach Tostedt zu kämpfen. „Und heute legen wir ein gemeinsames Papier fast aller Fraktionen des Kreistages vor, welches klar die Bedeutung des Schienenverkehrs für den Landkreis Rotenburg hervorhebt“, sagte Wölbern. „Mich freut das. Wenngleich ich zugeben muss, dass wir in dieser Angelegenheit wohl viel früher hätten handeln müssen.“

Ebenso wie CDU-Mann Prietz zitierte Wölbern Bundeskanzlerin Angela Merkel, die beim Petersberger Klimadialog sehr klar gemacht habe, dass angesichts der Corona-Herausforderungen beim Klimaschutz keinesfalls zurückgeschraubt werden dürfe, im Gegenteil: „Umso wichtiger wird es sein, wenn wir Konjunkturprogramme auflegen, immer den Klimaschutz ganz fest im Blick zu haben und deutlich zu machen, dass wir nicht etwa am Klimaschutz sparen, sondern dass wir in Klimaschutz investieren“, gab Wölbern die Worte der Kanzlerin wieder. Und für diese klimafreundlichen Investitionen, so Merkel, müsse auf dem Finanzmarkt günstiges Kapital bereitgestellt werden. Von möglichst vielen Akteuren gemeinsam – von Staaten, Entwicklungsbanken, der privaten Finanzwirtschaft. Investoren müssten sehen können, dass es sich lohne, in moderne Technologien zu investieren. „Und dazu“, sagte Wölbern, „gehört ganz ohne Zweifel ein gut ausgebauter Schienenpersonenverkehr, der mit Wasserstoffzügen bedient und von aufgeklärten Menschen genutzt wird. Zwischen Hamburg und Bremen und zwischen Hannover und Cuxhaven.“

Der Grünen-Abgeordnete Ulrich Thiart brachte noch einen anderen Aspekt in die Debatte ein. Der öffentliche Personenverkehr nutze gar nichts, wenn er von den Menschen nicht angenommen werde. Der Vorsitzende des Sottrumer Bürgerbusvereins schlug daher die Einführung von günstigen Regio-Tickets vor. Er verwies auf die Region Freiburg, wo solche Tickets gut angenommen würden. Für 62 Euro im Monat oder 620 Euro im Jahr könne man in Freibung und zwei angrenzenden Landkreisen sämtliche Bahnen und Busse nutzen, zudem seien die Fahrkarten übertragbar. Landrat Hermann Luttmann wies Thiart umgehend darauf hin, dass die Region Freiburg doch wesentlich dichter besiedelt sei als der Landkreis Rotenburg. Mit einer Bevölkerungsdichte wie im Raum Freiburg lasse sich das leicht umsetzen.

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